Int. 5 m

Text + Recherche: Hella Pepperkorn

 

"Goa" - Foto: Metzner

Ach, den gibt`s auch? Was willst du denn mit einem fünf Meter langen Boot auf der Ostsee…? Davon existieren noch ganze Klassenvereinigungen?! –

Segler eines Internationalen 5 Meter Bootes - das sind die nach einer speziellen 5 Meter-R-Formel von 1929 - haben es oft nicht leicht. Wurde vor knapp einem Jahrhundert die „etwas unglückliche 5mR Klasse“ in der „Yacht“ ganz uncharmant durch den Kakao gezogen, so sehen sie sich heute interessiert ignoranten Sportsfreunden gegenüber, die mit sehnsüchtigem Blick den eleganten 6ern, den hochkarätigen 8ern oder den imposanten 12ern hinterher schauen bis, ja bis sie einen 5er gesehen oder selbst segelnd erlebt haben… Leider zählt ein solches Erlebnis zu den eher seltenen, denn der 5er gehört zumindest auf unseren Gewässern zu den klassischen Raritäten.

Im Freundeskreis Klassische Yachten finden sich zur Zeit sechs Boote, die mit einhelliger Begeisterung von ihren Eignern auf ganz unterschiedlichen Revieren gesegelt werden. Zum Teil liebevoll und äußerst zeitintensiv restauriert segeln sie bei Regattaveranstaltungen ihren stärksten Konkurrenten, den Drachen oder Lacustre entweder davon oder – just for fun – gelassen hinterher, werden für kleine Touren oder einfach als schneller daysailer genutzt. Im benachbarten Dänemark, aber vor allem in Schweden, Finnland und erstaunlicherweise in Argentinien finden sich große Klassenvereinigungen mit zusammen mehreren Hundert Booten.

Riss der 5mR-Yacht "Frisia" (First Rule)

Die Historie dieses schönen schlanken Bootes, das seit 1929 nach der bis heute gültigen Meterformel berechnet und gebaut wird, reicht bis an die Anfänge des vergangenen Jahrhunderts zurück. Ab 1906 gehörte der 5er zu den ersten Bootstypen, die nach der ältesten R-Regel gebaut wurden. Schon zu dieser Zeit wurde die Forderung nach Booten laut, die „nicht allein das momentane Rennbedürfnis einer kleinen Anzahl wohlhabender (..) Segler befriedigen, sondern die nach Beendigung ihrer Renntätigkeit als brauchbare Fahrzeuge auch den sportlichen Anforderungen grösserer Kreise der Nation genügen“. Doch schien das von dem Hamburger Konstrukteur H. Heidtmann gezeichnete Gaffel getakelte 5-Segelmeter-Boot mit seinen 7,55m Länge ü.a., 0,97m Tiefgang und einer vermessenen Segelfläche von 34,50 qm (!) nur bei leichten Winden wirklichen Segelspaß zu bereiten. Daher die Einschätzung der Yacht-Reporter als „unglückliche Klasse“, die „bei frischer Brise mit Wind und Wellen kämpfte in des Wortes schlechtester Bedeutung“ (ebd.). Geliebt wurden die 5er schon damals von ihren Eignern, die sich in den darauf folgenden Ausgaben einen erbitterten Leserbriefdisput mit der „Yacht“ lieferten – und tatsächlich segelten einige Rennyachten, wie z. B. die 1908 von Hacht für den Akademischen Seglerverein Charlottenburg gebaute „Wum“ äußerst erfolgreich. In 14 Regatten holte sie in ihrem Glanzjahr 1909 stolze 14 Preise! Trotz verschiedener Ansätze, - so wurde speziell für die Berliner Gewässer eine 5-m-Schwert-Rennyacht entwickelt, - und Erfolgen konnte sich diese Variante der R-Klasse letzten Endes nicht durch setzen.

Der erste 5er Entwurf nach der Formel von 1929:
Konstrukteur: Camatte (Frankreich)

Die R-Formel im internationalen Messverfahren hatte sich jedoch längst etabliert, verschaffte sie doch Konstrukteuren die Möglichkeit, im Rahmen der Formel individuelle auf die Anforderungen der verschiedenen Reviere abgestimmte Boote zu entwickeln. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts blieb zunächst der 6er die kleinste Klasse der R-Boote, doch besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sucht man auch im Segelsport nach günstigen Varianten. Dies ist sicherlich eine Erklärung, warum der Arbeitsausschuss des Internationalen Wettsegel-Verbandes, I.Y.R.U., auf seiner Londoner Tagung im November 1929 die Einführung einer internationalen 5 m R-Klasse beschloss. Bereits im Jahr zuvor waren dazu Vorschläge vom Französischen Seglerverband eingegangen. Die Formel wurde im Vergleich zu den anderen Meterbootsklassen etwas vereinfacht (siehe Kasten).

Auch „Die Yacht“ porträtiert 1930 den neuen 5er als „durchaus gesunden Bootstyp (...), der sowohl für die Küste als auch für Binnengewässer durchaus geeignet ist“. Nach dem Erfolgszug des 6ers als kleinste Klasse des internationalen Messverfahrens, sei es „nicht verwunderlich, dass man auch für die minderbemittelten Segler eine kleine Klasse (...) anstrebte“. Um die Baukosten möglichst gering zu halten, habe man bei der Festsetzung der Vermessungs- und Bauvorschriften weit gehende Vereinfachungen durchgesetzt. So sind z.B. die Faktoren g und d (Gurtmaß, Schmiegeumfang) bei der Vermessungsformel unberücksichtigt und die Deplacement-Formel wurde durch eine Mindest-Deplacement-Vorschrift ersetzt. Zudem brauchten die Boote nicht nach Lloyds Vorschrift gebaut zu werden, was zusammen mit einer vereinfachten Regelung für die Materialstärken die mühevolle Bauaufsicht und Kontrolle erübrigte. (Im Nachhinein lässt sich spekulieren, ob diese Vereinfachungen nicht auch dazu beitrugen, dass sich England mit seiner führenden Position im Wassersport so gar nicht mit dem kleinen Boot anfreunden wollte. Der 5er hat sich in Großbritannien zu keiner Zeit behaupten können, was sicherlich Einfluss auf die Entscheidung hatte, ihn als olympische Klasse abzulehnen und letztendlich die Ablösung des 5ers durch den 5.5er beschleunigte.) Der Baupreis eines 5ers „in erstklassiger Ausführung und auf einer deutschen Werft“ wird mit rund 6500 RM unter dem eines 22 Schärenkreuzers angesetzt. Wobei das „verwöhnte Auge der deutschen Regattasegler“ doch besser auf Vergleiche zwischen den beiden Bootstypen verzichten solle... („Die Yacht“, Nr. 22/1930, S. 31).

Heute in Deutschland beheimatet

Leider ist meines Wissens nach nur ein einziger 5er nach der 29er-Formel auf einer „deutschen Werft“ gebaut worden: So wurde 1960 laut DSV Register auf den Namen Willy Kuhweide in Berlin die „Rigo“ ein 5-Meter-R-Boot eingetragen, das 1941 von Von Hacht in Hamburg gebaut worden war. Zwar legte Henry Rasmussen bereits 1930 gleich nach Anerkennung der 5er als internationale Konstruktionsklasse einen Entwurf vor, der jedoch nicht realisiert wurde – stattdessen entwarf der Deutsche Seglerverband auf Grundlage der Messformel eine 25qm Einheitsyacht, die nicht nur zahlreiche Ähnlichkeiten mit der 5m-Klasse aufwies, sondern mit der Möglichkeit, in Serie gebaut zu werden, auch nochmals preisgünstiger wurde („Die Yacht“, Nr. 5/1933, S. 13). Drachen, Maltheserkreuzer oder Walboote – der 5er bekam in Deutschland eigentlich keine Unterstützung, sondern nur Konkurrenz. Vielmehr herrschte mit Blick auf die positive Entwicklung in den skandinavischen Ländern die Sorge, „wir haben uns mit vielen Opfern und Mühen in überraschend schneller Zeit nun gerade eine größere Rennflotte in der 6m-R und 8-m-R klasse geschaffen und wollen darum hoffen, dass durch diese Entwicklung der 5 m R klasse nicht gerade eine Störung der internat. Segelbeziehungen eintritt“.Yacht Nr. 42/1936. Darauf antwortete der schwedische Yachtkonstrukteur Knud H. Reimers, der in den darauf folgenden Jahren mit seinen Entwürfen den 5er in den skandinavischen Ländern etablieren sollte in der „Yacht“, dass mit „mindestens 25 Neubauten“, die 5-m-R-Klasse „im Jahre 1937 die volkstümlichste schwedische und finnische Klasse darstellen wird“. Handfester Grund für den wahren 5er –Boom, - sämtliche namhaften schwedischen Segelclubs ließen in dieser Zeit 5-m-R-Boote als Verlosungsboote bauen, - war die Vermutung, dass Frankreich seinen „Cercle de la Voile de Paris“, den Eintonner-Pokal künftig von der 5er-Klasse aussegeln lassen würde. Bislang verzeichnete die 6-m-R-Klasse mit dem Eintonnerpokal und dem Goldpokal gewissermaßen zwei Weltmeisterschaften für sich, so dass eine solche Überführung in die kleinere Klasse nicht nur eine Erweiterung des internationalen Segelsports bedeutet hätte, sondern man sich darüber hinaus auch eine „Popularisierung des `großen` internationalen Sports innerhalb derjenigen Seglerkreise“ erhoffte, die nicht in der Lage seien, die großen Unkosten für den Bau, Transport und die Mannschaftskosten eines 6-m-R-Bootes auf zu bringen" (ebd.). Reimers wolle jedoch „keine Unruhe“ in die deutschen Klassen bringen: „Ist dieser Bootstyp wirklich gut und hat er im internationalen Segelsport eine Aufgabe zu erfüllen, so wird der Fünfer schon für sich selbst Propaganda machen“ – und dann werde man auch auf Berliner Gewässern vielleicht einmal wieder „schwedische oder finnische Flaggen im Segelwettkampf wehen sehen“... (ebd.). 1937 segelten in Schweden tatsächlich schon 31 5er!

"Greif" in Brasilien

Doch der große Sport sollte der jungen Bootsklasse nicht vergönnt sein. Aus dem Eintonner-Pokal wurde ebenso wenig wie aus der Möglichkeit, als olympische Klasse anerkannt zu werden. Allerdings blieb die Entwicklung der internationalen 5-m-Boote nicht in den Kinderschuhen stecken. Die Formel von 1929 wurde in einigen entscheidenden Punkten korrigiert bzw. konkretisiert (Mindestgewichte bei Deck und Balken sowie Außenhaut und Spanten, Rundhölzer müssen nicht wie ursprünglich vorgesehen nur aus gewachsenem Holz bestehen). Vor allem in den skandinavischen Ländern wuchsen vor und auch noch während des Krieges ganze 5er-Flotten heran, doch dann formierten sich in Europa leider und bekanntermaßen ganz andere Flotillen und der Segelsport rückte in den Hintergrund. Ganz Privilegierte ließen sich noch während der deutschen Besatzung in Dänemark eine 5-m-Rennyacht bauen, so baute Albert Börresen 1943 die D 10 „Spind“ (seit diesem Sommer mein eigenes Schiff mit dem Namen „Oui-Oui“) für einen gewissen Konsul Holger Windfeld Hansen in Vejle, der überlieferter Weise als Baumwollfabrikant tätig war, mit besten Materialien und einem beachtlichen Bleikiel (!). Mit Börresens Extrembau „Dan“ (ex „Ka-Ra“) wurde 1946 der letzte 5er in Dänemark gebaut. In Schweden wurde die Produktion aufgrund der steigenden Baukosten 1952 eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt segelten mehr als 300 internationale 5-m-Boote in Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien, Finnland, Argentinien, Uruguay und USA – alles Länder, die eigene Klassenvereinigungen aufweisen konnten.

Aus der "Yacht": Reimers über Fünfer:

 

Und heute?

Heute gibt es in Schweden mit 110 registrierten Fünfern und Finnland mit 41 Booten starke Klassenvereinigungen mit einer ausgesprochen aktive Regattatätigkeit (Internetadressen: www.int5m.com oder www.int5m.fi). Auch in Argentinien existiert noch eine Klassenvereinigung mit mindestens 27 Booten (Internetadresse: www.5metros.host.sk ).

Das Yachtregister des FKY verzeichnet zur Zeit 10 Fünfer nach der Formel von 1929:
Goa, Berlin
Greif, Berlin
Jeni, Flensburg
Lilie, Möhnetalsperre
Merlin (Dan) Bremen
Oui-oui, Kiel
Topas u
Seeschwalbe Starnberger See
Fiance Steinberger See
Buttje Bodensee

 

Fünfer-Renaissance-Regatta 2006

Das wär`s doch, oder? Fünfer passen erprobter Weise auf verschiedene Fremd-Trailer (Drachen, Folkeboot), können verhältnismäßig leicht überall hin verfrachtet werden und sind schnell wieder auf zu riggen. Der Berliner Freundeskreisler Thomas Hellner hatte im Sommer im Rahmen der schwedischen Sandhamnn Regatta die Idee und findet hoffentlich nicht nur bei schwedischen und finnischen Fünfer-Seglern positives feedback. Die geplante Classic-Week 2006 könnte dazu den idealen Rahmen liefern. Und vielleicht lernen sich die zehn deutschen 5er Crews samt ihren Booten ja schon in der Vorbereitung kennen. An dieser Stelle: Vielen Dank für die vielfältige Unterstützung bei der Recherche für diesen Artikel an alle FKY-Fünfer-Segler(innen).

Hinweis: Portraits von deutschen Fünfern nach der 29er Formel finden Sie in unserer Serie "Yachten im Portrait"

Die Formel des I.Y.R.U. von 1929

R = (L+ Wurzel aus S – F – 1/2B) / 2 = 5m

In der Formel, die durch Grenzbestimmungen ergänzt wird, haben die Buchstabenwerte folgende Bedeutung: L ist die im Abstand von 0,075 m über der Wasserlinienlänge gemessene Bootslänge, vermehrt um den Unterschied zwischen dem Umfang am vorderen Ende dieser Linie und der doppelten senkrechten Bordwandshöhe der Yacht an dieser Stelle, plus 1/2 des Unterschiedes zwischen Umfang am hinteren Ende dieser Längenlinie und der doppelten senkrechten Bordwandhöhe der Yacht an dieser Stelle.
S bedeutet die Segelfläche laut int. Vermessungsvorschrift.
F ist der mittlere Freibord nach int. Vorschrift
B wird gemittelt aus der Breite an Deck und in der Wasserlinie in 0,55 der Wasserlinienlänge von deren vorderen Ende aus gemessen.
Beschränkungen:
Überhänge: wird die Länge über alles um mehr als das 1 1/2 fache der Vermessungsläne (L) überschritten, so wird der darüber hinaus gehende Betrag zum L der Formel hinzugerechnet.
Verdrängung: nicht unter 1500 kg
Tiefgang: bei Überschreitung des Tiefgangs von 1,10m wird der dreifache Überschuss dem R-Wert hinzugefügt, die Kielunterkante muss auf mindestens 1,25m Länge gerade und wagerecht verlaufen.
Takelung: größte Masthöhe über Deck beträgt 10 m. Höchsten 3 Segellatten, die untere und obere nicht über 0,90m lang und die mittlere nicht über 1,10m.
Mast: Hohle Masten oder Spieren oder solche aus Bambus sind ebenso wie gebaute verboten.
Interessanterweise wurde diese Vorschrift vermutlich durch den begründeten Einwand von Uffa Fox („Sail and Power“, S. 284) in den 30ern durch den I.Y.R.U. abgewandelt, so dass fortan auch gebaute Masten zulässig waren, die einen Mindestdurchmesser von 105 Millimeter aufweisen mussten.
Segel:
Plicht: größte Öffnung 2,25 qm
Außenhaut und Spanten: Mindestdicke 18mm. Keine doppelte Außenhaut.
Decksplanken und Balken: 18 mm mindest. Bei leinwandbezogenen Decks darf sie 2 mm geringer sein.