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Tumlare

Abb. 1: Deckblatt der ersten Tumlaren- Pläne von 1933

Historisches

Tumlare,-en nennen die Schweden eine an ihren Küsten früher häufige kleine Delfinart (zool.: Phocoena phocoena; deutsch: Kleiner Tümmler, Gemeiner Schweinswal). Deren Schnelligkeit und spielerische Eleganz motivierten Knud H. Reimers, seine neue Eintyp-Bootsklasse "Tumlare" zu nennen, wie die ersten Pläne von 1933 zeigen (Abb.1 links). Der 27 jährige Rasmussen-Schüler Reimers hatte 1931 das Konstruktionsbüro von Estlander in Stockholm übernommen und war bereits bekannt für schnelle Schärenkreuzer.

Den Auftrag zu den Tumlaren hatte Bent Kinde (Arstaviken SS) gegeben, der sich ein neuartiges, von Formelzwängen freies und für jeden erschwingliches Eintyp-Boot wünschte:

- elegant und schnell wie ein Schärenkreuzer,
- handig und seetüchtig wie ein nordischer Spitzgatter,
- unkompliziert konstruiert und kostengünstig zu bauen,
- möglichst zum Preis eines Starbootes.

Diese Zielvorstellungen inspirierten Knut H. Reimers zur “Tumlare“- Klasse, - nach eigener Aussage und im Urteil vieler anderer der besten seiner zahlreichen Yachtkonstruktionen: (Mehr dazu unter Risse)

Loa*: 8,30 m (27,2 feet)
L.W.L*: 6,65 m (21,8 feet)
Breite*: 1,93 m (6,5 feet)
Tiefgang*: 1,27 m (4,2 feet)
Freibord*: 0,52 m (1,7 feet)
Verdrängung*: 1.800 kg
Ballast*: 925 kg (51,3 %)
Segelfläche**: 20,97 m2
(*Angaben aus Info-Blatt “TUMLAREN“ von Knud H. Reimers)
(**Angaben in Segelplänen “TUMLAREN“ von 1935 und 1937 von Knud H. Reimers)

Tumlare No. 1, AIBE S1, baute 1934 Kalle Johansson auf seiner bekannten Werft in Norrtalje aus bestem Material, - ausgesuchter schwedischer Eiche und Kiefern-Kernholz (angeblich 70 Jahre lang abgelagert). AIBE S1, Abb.2, lag bis 2004 in Schweden, wird derzeit in der Bretagne auf einer Holzbootwerft restauriert und steht unter www.woodfolks.com zum Verkauf.
Mehr zu AIBE S1 unter Vorgestellt.

Abb. 2: AIBE S1, Tumlaren No.1

Tumlare No. 2 entstand bei Oskar Schelin in Kungsör, - dem Vernehmen nach für ein Mitglied der Agnelli-Familie. Tatsächlich wurde sie auf dem Genfer Autosalon ausgestellt und war dort eine grosse Sensation, die zu Dutzenden von Bauaufträgen aus der Schweiz führte. Daher zeichnete Knut H. Reimers eigens „for Switzerland“ ein Binnenrigg mit 25 m2 Segelfläche. In dieser Version wurden die Tumlaren zu einer nationalen Klasse in der Schweiz.

Besonders unter angelsächsischen Seglern weckten die neuen Tumlaren schnell grosses Interesse und sie erhielten teilweise begeisterte Kritiken. Uffa Fox beispielsweise schrieb:
“TUMLAREN is a very advanced type of cruiser, in fact, I should think she is the most advanced in the world ... a delight to sail ... .“

Abb. 3: Tumlaren No 26, 27, 28, vorn Zara 27 (Adlard Coles)

Aber nicht nur die konstruktiven Innovationen und die hervorragenden Segeleigenschaften der Tumlaren machten sie berühmt. Vor allem auch die Harmonie und Eleganz ihrer Linien und Proportionen begeisterten die Segler in aller Welt.

In den USA orderte der vermögende Kommodore des Chikago Yacht Club gleich 20 Boote um die neue Klasse in den USA zu starten. In Australien etablierten sich die Tumlaren 1937, wenig später in Frankreich. Ausserdem bewährten sie sich an der Ostküste Südafrikas und Auf den Kanarischen Inseln wurden sie so beliebt, dass allein dort rund 50 Boote gebaut wurden. 10 Jahre nach seinem Entwurf konnte Knut H. Reimers feststellen, dass bereits 250 Tumlaren in 24 Ländern gebaut worden waren.

Den Wünschen von Tumlaren-Seglern nach einer familien-tauglichen Version entsprechend, zeichnete Knud H. Reimers seine Stor Tumlaren, die er auch Albatros nannte, - 1937 die 32‘-Version (Abb. 4) und 1946 die 10m-Version.

Abb. 4: 32‘ Stor Tumlaren, Norwegen

Abb. 5: 32‘ Stor Tumlaren von 1946: Cohoe I, mit der Adlard Coles das Transatlantic Race 1950 gewann, - hier mit Alu-Bugverlängerung

Ein bekannter und erfolgreicher Tumlaren-Segler in den 1930er bis 1950er Jahren war Adlard Coles, Chefredakteur von "The Yachtsman", Autor zahlreicher Segel-Artikel und -Bücher sowie Gründer des gleichnamigen Verlages. Sein „Heavy Weather Sailing“, fortgeführt von Peter Bruce, ist auch heute noch ein “Gold Standard“ für das Schwerwettersegeln. In seinen Büchern schildert Adlard Coles vielfach die hervorragenden Eigenschaften seiner Tumlaren, in deren er bei zahlreichen Regatten und Törns viele Tausende Seemeilen zurücklegte.

Adlard Coles segelte drei Tumlaren, Zest , Zara und die 32‘-Version Cohoe I (Abb. 5). Mit ihr gewann Adlard Coles das Transatlantic Race 1950 unter extremen Wetterbedingungen. Beinahe hätte Cohoe I nicht antreten können, weil kurz vor dem Start die Mindest-Loa von 32‘ auf 35‘ erhöht wurde, - aus Sorge um die Risiken kleiner Yachten in schwerem Wetter! Um trotzdem teilnehmen zu können, erhielt Cohoe I eine Bugverlängerung aus Aluminium um 3‘ (ca.1m). Mehr dazu unter COHOE in Vorgestellt.

1984, anlässlich des 50 jährigen Jubiläums der Tumlaren-Klasse, fand im Stockholmer National Maritime Museum (Sjöhistoriska Museet) eine Tumlaren-Ausstellung statt.
1985, - zwei Jahre vor seinem Tod, - hat Knud H. Reimers (Abb. 6) noch einmal eine modernisierte 27‘-Version mit leicht veränderten Rumpflinien gezeichnet.

Abb. 6: Knud H. Reimers

Insgesamt rund 750 Tumlare sind weltweit gebaut worden, von denen drei in Museen in Stockholm, Bordeaux und Lissabon stehen. Weltweit existieren noch weitere etwa 30 – 40, einige davon in aufwändigen und um Originaltreue bemühten Restaurationsprojekten. Mehr dazu unter Schnapps in "Vorgestellt".

Warum gibt es heute nur noch so relativ wenige Tumlaren? Ein Grund ist vielleicht, dass zahlreiche Tumlaren in der sog. “Kompositbauweise“ gefertigt wurden, also mit einem Teil der Spanten aus Stahl, - siehe „DOPPING“ unter Fotos. Dabei werden häufig abwechselnd 1 Stahlspant (galvanized steel) und 2 gebogene Holzspanten verbaut, um dem Rumpf mehr Festigkeit zu verleihen. Bekanntlich ist es ein Nachteil dieser “Komposit“-Rümpfe, dass sie leicht Opfer von Korrosionsproblemen und Holzschäden werden, wenn diesen nicht besonders sorgfältig bei Bau und Wartung vorgebeugt wird.

2004 gab es auch wieder ein Tumlare-Neubauprojekt bei Petri Clusius auf seiner Werft Amfibi Ky, Niemenmäentie 10 B 50,
00350 Helsinki, www.clusius.fi/ tumlaren.php .

Text und Recherche: Klaus L. Rosenkranz
Quellen:
1. Verkaufsprospekt “TUMLAREN“ von Knud H. Reimers;
2. Konstruktionszeichnungen aus 1933,34,35,37,46,85 von Knud H. Reimers
3. Notes on the Swedish “Tumlaren“, Yachtman’s Annual, 1939, p 132;
4. Composite construction: 20-Square-Meter Tumlaren, Wooden Boat 19:18;
5. Lincoln, Spencer: Tumlaren class, Wooden Boat 19:18;
6. Pazereskis, John: "The Timeless Tumlarens", Wooden Boat 19:18;
7. Reimers, Knud H.: Tumlaren class, Wooden Boat 19:18;
8. Coles, Adlard; Sailing Days, 1944, Robert Ross & Co Ltd, Southhampton;
9. Coles, Adlard; More Sailing Days, 1947, Robert Ross & Co Ltd, Southhampton;
10. Coles, Adlard; Heavy Weather Sailing, 1967, Adlard Coles Ltd, London
11. Per H. Reimers, Sohn von Knud H. Reimers, persönliche Mitteilung;
12. Kalle Wiesenfeld, Tumlare Klubben, persönliche Mitteilung;
13. Michael C Flower, Tumlaren-Dokumentation von www:windsurfwa.com
14. Richard Riggs, „SCHNAPPS“-Dokumentation
15. Persönliche Mitteilungen von verschiedenen Tumlaren-Eignern
16. Zahlreiche weitere kleinere Internet-Recherchen.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von:
Abb. 1: Statens Maritima Museer, Stockholm,
Abb. 2, 4, 6: Bootsanzeigen im Internet,
Abb. 3: Tumlare-Klubben, Stockholm.
Abb. 5: Adlard Coles Limited, London.

 

Aktuelle Schiffsliste noch existenter Tumlare

Klassenbestimmungen

  • Tumlare Klubben, Stockholm
  • Yachtclubs in Australien

Fotos und Risse

Abb. 7: 27' Tumlare - Einrichtungs- und Deckslayout, Linien- und Spantenriss (1935) 

Abb. 8: 27' Tumlare - Normalrigg 20,9 m2 (1935)

Abb. 9: 27' Tumlare - Binnenrigg 25 m2 “for Switzerland“ 32‘ Stor Tumlaren / Albatros

Abb. 10: Mastschuh an Deck: Zeichnung von 1935/37 - möglicherweise die erste derartige Konstruktion

Abb. 11: 32' Tumlare - Linien- und Spantenriss sowie Einrichtungs- und Deckslayout von Cohoe I
(aus: Adlard Coles, Heavy Weather Sailing, 1967, Adlard Coles Limited, London)

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von:
Abb. 7,8,9,10 Statens Maritima Museer, Stockholm

Vorgestellt