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1906: Der Segelsport auf der Weser

Von Hamburg abgesehen, ist an der Nordsee der Segelsport verhältnismässig unentwickelt. Auf der Ems sind unseres Wissens nur schwache Anfänge vorhanden, und auch auf der Jade, wo die Marinestation der Nordsee ihm einen Rückhalt geben könnte, wird er nur schwach betrieben; vielleicht, dass der kürzlich erfolgte Ersatz der im vorigen Jahre verloren gegangenen "Wille" durch die Yawl "Asta" ihn wieder neu belebt. Die Inseln kommen nicht in Betracht, und so bleibt nur die Weser übrig, die leider ebenfalls der sportlichen Betätigung beträchtliche Hindernisse bietet. Das schwierige Fahrwasser mit seinen Platen und Watten, die bei ablaufendem Wasser unpassierbar sind, der lebhafte Schiffsverkehr und die starken Gezeitenströme sind so ungünstig wie nur möglich. Trotzdem sind auf der Weser schon vor 50 Jahren Regatten gesegelt worden. Am heutigen Osterdeich in Bremen waren zu jener Zeit die Landhäuser der reichen Bremer belegen, und vor vielen derselben lag eine kleine Yacht, im Typ der noch jetzt auf der Weser bei Fischern etc. üblichen Dielenschiffe, das sind glatte Fahrzeuge mit Seitenschwertern, einer Art Löffelbug und zwei Loggersegeln, von denen das vordere das kleinere ist. Anfangs der 70er Jahre wurde der Bremer Regatta-Verein gegründet und entwickelte eine erspriessliche Tätigkeit. Als sich indessen im Laufe der Zeit die fremden Yachten dem einheimischen Typ überlegen zeigten, ging die Freude am Sport verloren, denn anstatt mit der Zeit fortzuschreiten und das Bootsmaterial zu modernisieren, blieb man mit der Zähigkeit des „tagenbaren" Bremers an den veralteten Dielenschiffen hängen und verzichtete lieber auf das Wettsegeln. Anfang der 90er Jahre gelang es einigen Freunden der Segelei, einen Club zu gründen, der den vernachlässigten Sport heben sollte. Das war der „Unterweser-Segel-Verein", der später den Namen „Bremer Yacht-Club" annahm. Der Verein besitzt ein Clubhaus am Woltmershauser Dreieck in Bremen, vor dem die Yachten ihre Liegeplätze haben, zählt rund 200 Mitglieder und 40 registrierte Yachten. Ausser ihm existiert an der Unterweser noch in Vegesack ein Verein namens „Wassersport", der neben andern Zwecken auch die Abhaltung von Segelregatten verfolgt. In diesen beiden Clubs vereinigt sich das Bürgertum, während die führenden Kreise Bremens, die Grosskaufleute und Senatoren, den Clubs fernstehen; z. B. ist Herr Konsul Wätjen zwar Ehrenmitglied des Bremer Yacht-Clubs, „Navahoe" aber nicht in die Yachtliste dieses Vereins eingetragen.

Für die Bremer Segler liegen die Revierverhältnisse ähnlich wie für die Stettiner und Danziger; sie müssen erst die schmale und verkehrsreiche Weserstrecke bis Vegesack zurücklegen, um guten Sport zu haben, und die Regattabahn des Bremer Yacht-Clubs nimmt deshalb von Vegesack ihren Ausgang, von wo sie weserabwärts bis Brake geht und zurück, das sind etwa 18 Meilen. Brake ist der Punkt, an dem das Revier der Bremer und Vegesacker Segler mit dem der Bremerhavener zusammenstösst; die letzteren sind am günstigsten dran, da ihnen der Weserstrom, der zwischen Nordenham und Bremerhaven eine anständige Breite hat, sowohl aufwärts wie nach See zu offen steht und bei gutem Winde Tagestouren nach Wangeroog und Helgoland möglich sind. Sie leiden dafür an einem andern, sehr grossen Nachteil; in Bremen und Vegesack liegen die Yachten auf offenem Strom — in Vegesack in der Ochtum —, dagegen kommen in Bremerhaven, da in der Geeste die Schiffe bei Niedrigwasser trocken fallen und die Vorhäfen sowie der Geestemünder Fischerei-hafen nicht geeignet sind, nur die Binnenhäfen als Liegeplatz in Betracht, und deren Schleusen sind nur in den beiden Stunden vor Hochwasser geöffnet.

In Bezug auf das Material ist die Weser infolge ihrer Isoliertheit von den Zentren des Sports ein wenig rückständig und man kann auf mancher Regatta Typen sehen, die in Kiel oder Hamburg unmöglich wären. Ein Lifeboot wird noch längst keine Yacht, wenn man eine Kajüte hineinbaut und eine Art Yawltakelage aufsetzt; da sehen wir lieber noch die alten Dielenschiffe-Im Bremer Yacht-Club sind die Verhältnisse natürlich besser als unter den unorganisierten Seglern der Oldenburger Seite; aber auch die Liste dieses Clubs weist einige eigenartige Schöpfungen auf, z. B. eine ehemalige Jolle, die vor Jahren dem Bremerhavener Quarantänearzt als Ansetzboot diente und nun mit einem Heck versehen und als Yawl getakelt eine Yacht ist. Von den neueren Yachten seien genannt: die Sonderklassenyacht "Vocdeborg", die Eigentum des Bremer Yacht-Clubs ist, „Atlantis", ein aus Berlin stammender Flossenkieler, ein in diesem Jahre bei Oltmanns in 4 Monaten erbauter Kreuzer „Senta", ein Flossenkieler englischen Ursprungs „Loni", der Vegesacker Schuner „Dora" u. a. In Bremerhaven ist der Stander des B. Y.-C. vertreten durch die Kosteryacht „Carola" des Herrn Gewecke, durch die "Silva II" (ex „Windspiel") des kürzlich verstobenen Lotsenkommandeurs Friese, die sich auch hier als Flautenläufer bewährt hat, durch eine 6 S.-L.-Rennyacht „Hedwig", die in diesem Frühjahr in Bremerhaven nach Plänen des Eigners Herrn Peuss erbaut ist, durch die in Kiel gebaute Schwertyacht „Stella4' des Herrn Schnibbe, durch einen bei Tiemann & Kühl in Blankenese gebauten älteren Kreuzer „Fidelitas" (Ricklefs), der vor längerer Zeit in Brandenburg, später in Stettin und Kiel stationiert war; durch die Schwertyacht „Wanderer" (Bremer), die „Cigarette" (Janssen) und eine aus Flensburg nach hier verkaufte Kielyacht „Mathilde" (Dammann). Der Kreis der Segelsportsfreunde in Bremerhaven ist trotz der oben erwähnten Verhältnisse in den letzten Jahren erfreulicherweise grösser geworden, und am 2. September d. J. konnte sogar von der Abteilung Bremerhaven-Geeste-münde des Bremer Yacht-Clubs die erste Regatta — Bremerhaven—Rechtenfleth und zurück — organisiert werden, auf der das beste Bootsmaterial der Weser vertreten war. Das Rennen, für das, nebenbei bemerkt, prachtvolle Preise von den ersten Firmen und Körperschaften gestiftet waren, brachte für die Weser eine Neuerung; bei den bisherigen Regatten des B. Y.-C. und des Vereins „Wassersport" von Vegesack nach Brake und zurück war es noch immer üblich, in Brake zu Anker zu gehen und das Kentern des Stromes zu erwarten, während bei dieser letzten Wettfahrt am Wendepunkt sofort die Rückreise angetreten und nicht auf die andere Tide gewartet wurde. Dieser Versuch ist gelungen, und da die Wettfahrt auch im übrigen einen vollen Erfolg bedeutete, so dürfte der Segelsport in Bremerhaven durch sie einen starken Anstoss erhalten, von dem auch die anderen Weserplätze Nutzen haben werden.

Während obige Zeilen in Satz gingen, erhielen wir eine Nummer der Nordwestdeutschen Zeitung in Bremerhaven, aus der hervorgeht, dass der „Bremer Yacht-Club" den Namen „Weser-Yacht-Club" annehmen und in den Unterweserorten und den oldenburgischen Plätzen innerlich selbständige Sektionen bilden will. In den Unterweserorten hat sich diese Sektion bereits in einer von 30 Herren besuchten Versammlung am 9. November aufgetan und einen Vorstand gewählt, bestehend aus einem ersten Vorsitzenden, dessen Amt von Jahr zu Jahr zwischen einem Geestemünder und einem Bremerhavener wechseln soll, einem zweiten Vorsitzenden, dem Schriftführer, dem Kassenführer, zwei Hafenmeistern und drei Vertretern der Passiven (je einem aus den drei Unterweserorten). Die Wahlen ergaben folgendes: Vorsitzender Wasserschout Dammann (Bremerhaven), Schriftführer A. Gewecke, Kassenführer F. Kohlenberg, 1. Hafenmeister A. Peuss, 2. Hafenmeister Kornmehl, und Vertreter der Passiven die Herren Schnibbe (Bremerhaven), Hafeninspektor Duge (Geestemünde) und Konsul Siebert (Lehe).

Dr. Otto Senst (Bremerhaven).