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1909: Sommerreise der "Nordstern"

Rügen

1. Bornholm

„Nordstern" ist ein vortreffliches Seeboot, das schon manchen munteren Tanz mitgemacht hat. Freilich ist es nicht üblich, eine Yacht von 3 Tonnen Deplacement als „seegehende" zu bezeichnen, doch wird „Nordsterns" schlanker Leib gerne gewiegt von den grünen Fluten. Auch bietet er alles, was für eine flotte Fahrt nötig ist. Völlig gedeckt, mit selbstlenzendem Cockpit versehen, verleiht ihm der tief an den Kiel gebolzte Bleiballast genügende segeltragende Kraft und seine Takelage als Pfahlmastkutter mit geteilten Vorsegeln ist handlich und bequem, namentlich wenn der Raumersparnis halber Topsegel und Spinnaker zu Hause bleiben. Wer es zufrieden ist, bei flauem Winde im Tage ein paar Seemeilen weniger zurückzulegen, wird den durch die Abwesenheit der Beisegel erzielten Zuwachs an Bequemlichkeit zu schätzen wissen und zugleich bemerken, dass er im Verlaufe von vier Segelwochen doch nur wenige Stunden mehr Fahrzeit gehabt hat. In der Kajüte aber ist Raum für nicht verweichlichte Menschen, denen es Befriedigung bereitet, die See von ihrer schönen wie von ihrer grossartigen Seite her kennen zu lernen und ihre eigene Kraft zu erproben.

Am 30. Juli, einem Donnerstag, war die Yacht von Hamburg abgegangen und durch den Nordostseekanal am 1. August nach Bellevue bei Kiel gelangt. Hier wurde die Besatzung vervollständigt, die nunmehr aus dem Eigner, seinem Sohne und einem Bootsjungen bestand, welcher zwar die See noch nie gesehen hatte, aber doch mit der Zeit seine Vorurteile gegen die allerdings zuweilen etwas kräftigen Salzwasserspritzer auf dem Vordeck ablegen lernte. Da noch mancherlei zu ordnen war, konnte am 2. August erst um 10 Uhr morgens der Anker geholt werden. Doch versprach ein langsam auffrischender Nordwind flotte Fahrt. In 2 1/2 Stunden wurden die 8 Seemeilen bis zum Leuchtschiff von Bülk aufgekreuzt, nicht ohne zuvor eine grössere Yacht überholt zu haben, die sich zu lange beim Reffen aufhielt. Dann ging es nach Osten, obwohl Bülk eine „atmosphärische Störung" anzeigte. Sowie die Yacht abfiel, gewann sie begreiflicherweise mehr Fahrt. Brausend und leicht auf die Seite geneigt, jagt „Nordstern" dahin, schäumendes Kielwasser hinter sich lassend. Die vorher so erregt scheinenden Wogen rollen glatt unter dem Fahrzeug hinweg, und nur von Zeit zu Zeit wagt es ein Kamm, im Sturze an die Bordwand anprallend, einen Schwall Wassers über das leicht rollende Schiff hinweg dem Steuermann in den Nacken zu werfen. Aber verschwunden ist der Sprühregen, der Welle für Welle Schiff und Besatzung bestäubte und schliesslich durchnässte. Langsam trocknet man. Auch die Sonne kommt wieder etwas hervor und das Deck beginnt in einem Ueberzug von Salz zu erschimmern.

Einige Stunden später geniesst man dann mit viel Behagen die Einfahrt in den Fehmarnsund mit ihren hübschen Bildern: rechts ein Stück Steilufer und dann das freundliche Heiligenhafen, links hinaus das flache Fehmarn mit seinen Häuser- und Mastengruppen. Voraus öffnet sich die Durchfahrt, und abends um 6 Uhr fällt bei den Sandhäusern der Anker. Ein Bad und eine kleine Ruderfahrt dienen, wie auch späterhin des öftern, dazu, den Appetit zum grossen Abendfestmahl zu verschärfen und ein gemütliches Abendstündchen an Deck mit Zigarre und Geplauder beschliesst den Tag. In den zartesten Farben, viel Wind verheissend, geht die Sonne unter und fröstelnd zieht man sich zurück, um die noch etwas feuchten Kleider vollends zu trocknen und das Herz zu neuen Fahrten zu stärken.

Aber es gab noch viel Bordarbeit, so dass auch am folgenden Tage erst um 10 Uhr vor einem kräftigen WSW.-Winde die Fahrt nach Warnemünde angetreten werden konnte, wo dann um halb fünf Uhr nachmittags am Bollwerk festgemacht wurde. Doch war jetzt die Yacht als seeklar zu bezeichnen, nachdem alles gut verstaut und der Borddienst geregelt war.

Am Mittwoch, dem 5. August wurde daher morgens um 5 1/2 Uhr losgeworfen. Bei massigem SSW.-Wind ging anfangs die Fahrt flott vonstatten. Nachdem aber Darsser-Ort gerundet war, liess der Wind nach, und erst um 8 1/2 Uhr abends konnte bei Hiddensoe (Rügen) am Eingange des Gellenstroms auf 4 m Wasser der Anker fallen. Die nächsten Tage brachten wenig Wind. Doch wurde nach einem kurzen Besuche Stralsunds am Samstag, dem 8. August, um 11 Uhr nachm., im Hafen von Sassnitz geankert, noch zeitig genug, um mit dem ersten Nachmittagsdampfer die Stubbenkammer und die herrlichen Buchenwaldungen Jasmunds zu besuchen.

 

Auf der Unterelbe

Nach diesem Ausflug zu den Kreidefelsen Rügens war es spät geworden, bis die „Mannschaft" am Samstag Abend wieder zu einem Seekriegsrat zusammentreten und beschliessen konnte, am nächsten Tage eine der mit Recht so beliebten Landungen auf Bornholm zu machen. Als nächste Aufgabe wurde dabei eine Ersteigung zweier, zugleich als Kirchen dienender Festungen der Wikinger, der Aakirke und der Oleskirke, in Aussicht genommen. Wenn diese Aufgabe auch bei entschlossenem Widerstände der Insulaner als eine sehr schwierige gelten konnte, so war doch Hoffnung vorhanden, ohne allzu grosses Blutvergiessen zum Ziele zu gelangen. Auch schien der wieder kräftiger gewordene Westwind die ziemlich weite Fahrt nach Bornholm begünstigen zu wollen.

Nach kaum fünfstündiger Nachtruhe wurde daher am Sonntage, dem 9. August, bereits ein Viertel vor 4 Uhr geweckt, so dass wir gegen halb 5 Uhr Anker auf gehen konnten. Zunächst aber war unter Deckung des Landes der Wind schwach; erst gegen 5 Uhr erreichten wir die Hafenmündung. Indessen blieben wir auch weiterhin noch unter Land, um nochmals die grossartig schönen, im Morgenlichte blinkenden Abstürze der Felsen von Jasmund zu bewundern, während ein frugales Frühmahl den inneren Menschen erfreute. Liebhaber geologischer Forschung freilich würden ihre Aufmerksamkeit mehr auf die auffälligen Knickungen der Kreideschichten gelenkt haben.

Von Stubbenkammer ging es dann um 6 Uhr früh auf unsern von Sassnitz abgesetzten NO.- zu Ost-Kurs, der uns auf die Mitte des fernen Eilandes zuführen musste. Zunächst lag die See ruhig und glatt; erst als wir aus der Landdeckung herauskamen und der WSW.-Wind über die bewaldeten Höhen Rügens hinweg kräftiger in die Segel fiel, dunkelte das bis dahin glatt liegende Wasser und wie ein feuriges Ross in die Schlacht stürmte die kleine Yacht dahin über die sanften Hebungen einer alten Dünung. Ein Dampfer noch kreuzt unsern Kurs und wendet sich nach Norden hinaus auf die scheinbar unendlich sich dehnende Meeresfläche. Schnell entschwindet Rügen und bald ist es nur noch ein schmaler, dunkler Streifen, der rasch im Dunsthauch des Horizonts vergeht.

Es war ein schöner Tag für eine einsame Fahrt auf dem Wasser. Der leicht bewölkte Himmel verhiess dauerhaften guten Wind und allmählich erhoben auch die Wellen ihre Schaumköpfe, die dem schlanken Fahrzeug spielend nachjagten. Noch überholt uns ein Postdampfer, der von Sassnitz nach Rönne bestimmt ist und eine Zeitlang eine bequeme Steuermarke bietet. Dann wird es wieder einsam auf der See, die nun bereits so unruhig ist, dass das Steuern nach dem wild gewordenen Trockenkompass — denn nur ein solcher befand sich an Bord — alle Aufmerksamkeit erforderlich macht. In solcher Lage erwies es sich wie in früheren ähnlichen Fällen als vorteilhaft, neben dem Steurer einen zweiten Mann anzustellen, der die äussersten Stellungen der Rose zeitweilig laut ablas.

 

Rügen

Kurz nach 10 Uhr konnten wir auf Steuerbord querab in etwa 5 Seemeilen Entfernung das Adlergrundleuchtschiff sichten. Dann verschwand dies wieder und das Fahrzeug zog wieder einsam seinen Weg durch die immer höher werdende See. Da diese, ebenso wie der Wind, nahezu von achtern einkam, fing das Steuern an, grössere Ansprüche an körperliche Kraft zu stellen und rascher zu ermüden. Da zeigt sich dem scharfen Auge des gerade Steuernden weit voraus im Dunste des Horizontes ein dunkler Streifen, weich und zerfliessend in Farbe und Umrissen. Ist es eine Wolke oder ist es Bornholm, das meerumspülte Wikingereiland? Allein noch eine gute halbe Stunde dauert es, bis diese Frag?. sicher zu entscheiden ist. Um 1 Uhr nachmittags zeigt es sich, dass es der zentrale Berghügel Bornholms, der Rytterknägt (175 m über Meer) war, der uns zuerst begrüsst hatte.

Da wir nach Nexoe wollten, musste nun ein nahezu östlicher Kurs, in der Richtung genau mit Wind und See zusammenfallend, gesteuert werden, um Due Odde, die Südspitze Bornholms zu runden. Diese, auf unserem Kurse 57 Seemeilen von Stubbenkammer entfernt, lag um 3 l/2 Uhr nachmittags querab. Dann ging es in ruhigem Wasser an der Snogebaekbank vorbei nach Nordosten und Norden bis Nexoe, wo vor der Hafenmündung zwei Reff in das Grosssegel gesteckt und der Klüver geborgen wurde, um in dem engen Hafenrevier die Fahrt zu mässigen. Beim Reffen blieb aus Versehen die Piek reichlich hoch, was der auf dem Hafen-platz versammelten Seebären-Gemeinde offenbar der neueste Clou der Segelkunst zu sein schien. Denn am nächsten Tage gingen alle Fischerboote zu unserem grossen Vergnügen mit derselben allzu hohen Piekstellung in See. Wir aber fanden im innern Hafen ein gutes Plätzchen, wo „Nordstern" mit gefalteten Schwingen sich ausruhen konnte.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Frühzuge nach Aakirkeby, dem einzigen im Innern der Insel gelegenen Städtchen, um die Festungskirche zu besichtigen. Sie liegt malerisch in einem baumreichen Friedhofe, ist aber offenbar unter Beibehaltung ihrer alten Form so stark renoviert, dass es schwer fällt, das Neue vom Alten zu unterscheiden. Vermutlich ist das ganze Schiff der Kirche in mehreren Etappen an die alte Festungskirche angebaut, die ursprünglich wohl ausschliesslich aus dem massigen, nach Zerstörung durch Feindeshand wieder aufgebauten Turme bestand.

 

Rügen - Bornholm

Im Erdgeschoss, dessen Flur mit dem umgebenden Erdreich in gleicher Höhe liegt, urnschliesst der Turm einen einzigen Raum von massiger Höhe, dessen wuchtige Steindecke auf vier meterdicken Pfeilern ruht. Vielleicht war dies in der früheren Zeit der dem Gottesdienste geweihte Raum, der später zur Vorhalle des nachträglich angebauten Kirchenschiffes wurde. In der Decke dieses untersten Raumes findet sich eine heutigen Tages nicht allzuenge Oeffnung, zu welcher jetzt eine leichte Holztreppe emporführt, um den Zugang zu den oberen Räumen zu schaffen, die in drei Stockwerken übereinander liegen, und durch enge, steile, in die Dicke der Umfassungsmauer eingebaute Treppen miteinander verbunden sind. Die beiden unteren dieser 3 Stockwerke sind wie das Erdgeschoss mit gewölbten steinernen Decken versehen, die jeweils von 4 Pfeilern getragen werden, und besitzen statt der Fenster nur enge Schiessscharten.

In dem untersten dieser drei Stockwerke mag es, nachdem die schwanke hölzerne Leiter, die zu der damals engen Oeffnung in der Decke des Erdgeschosses führte, nach oben gezogen war, den Flüchtlingen der Insel möglich gewesen sein, bei feindlichen Ueberfällen lange Zeit gegen Waffengewalt und Feuersglut Widerstand zu leisten. Dann standen wohl über der engen Deckenöffnung, welche durch einen darübergewälzten, schweren Feldstein verschlossen war, ein paar durch lange Schlaflosigkeit, durch Hunger und Durst erschöpfte und zum Teil bereits verwundete Männer mit der blanken Waffe auf der Wache, während um die Ränder des Feldsteines ein dicker Qualm sich empordrängte, der den Atem benahm und im Verein mit den Pfeilen, die gelegentlich zu den Schiessscharten hineinschwirrten, die Besatzung schwächte.

In dem obersten Stockwerke aber, das weitere Fenster aufweist, mögen neben der wertvollsten, eilig geflüchieten Habe Frauen und Kinder bei der Pflege der Schwerverwundeten und Sterbenden manchen sehnsüchtigen Blick nach aussen geworfen haben, ob nicht bald Hüte und Ersatz nahte, um sie zu befreien aus der Todesnot, bis sie selbst gezwungen waren, sich in die gelichteten Reihen der Kämpfer zu stellen oder bis Hunger und Durst die Erschöpfung brachte. Manchmal auch mag, nachdem der Rauch zur Räumung des untersten Raumes gezwungen hatte, auf den engen Steintreppen, welche die oberen Stockwerke verbinden, der letzte Kampf getobt haben, der schliesslich den Wiking im Tode zum Helden verklärte, wenn dieser auch nicht mehr daran dachte zur Walhalla emporzusteigen.

Solcher Kirchen gibt es noch mehrere auf dem meerumgürteten Eiland. Wir hatten am gleichen Tage noch Zeit, mit einem leichten, von zwei Pferden gezogenen Gelahrt die Ruinen von Oestre Mariaekirke zu besichtigen, neben welchen ein Neubau die gleichen Formen wiederholt. Von da ging es zwischen Feldern, Heidestrecken, Mooren und Wiesen hindurch in den herrlichen Forst Allmindingen, welcher Name wohl dem altdeutschen Allmend gleichkommt und gemeinsamen Besitz der Gaugenossen bezeichnet. Nach einem vortrefflichen Mittagsmahl in dem hochgelegenen Gasthause wurde dann schliesslich mit dem gleichen Gefährte der Rytterknaegt erstiegen, auf dessen Höhe ein mächtiger aus Stein und Eisen aufgeführter Turm einen weiten Ausblick bot über die blauende See und den grössten Teil der Insel. Endlich führte uns der Wagen zurück nach Aakirkeby, von wo wir mit der Bahn gegen Abend Nexoe wieder erreichten.

Die viel gerühmte Schönheit Bornholms beruht auf der wilden Grossartigkeit seiner Küstenbildung und auf der reichen Abwechslung von dunkeln Wäldern und gut bebauten, in goldgelber Fülle dastehenden Feldern, auf dem Gegensatz von herrlichen Forsten mit einsamen, sonnenbeglänzten Hochflächen, wo zwischen flachen Granitrücken, das Heidekraut und die nordische Birke mit niedern Kiefern um den ärmlichen Boden ringt. Und zwischen all dieser Formen- und Farbenpracht und den uralten Zeugen einer wildbewegten Vergangenheit sitzt auf grösseren Höfen ein anscheinend wohlhabender Bauernstand nach alter Väter Sitte. Dazwischen finden sich dann von Zeit zu Zeit Ausblicke auf die See. Kein Wunder, dass es diesem kräftigen Volke zu Haus keine Ruhe Hess, dass die See und die blauende Ferne mit ihren Wundern und Schätzen sie hinauslockte und sie auf ihren ungedeckten Drachen mit dem Schild am Arm und dem Schwert in der Faust die Welt durchstürmen liess.

 

Aakirke, Bornholm

Im Norden und Westen steil und klippenreich erscheint die Küste im Süden und Osten flacher und sandiger, wenn auch hier gelegentlich gewaltige Felsklippen von den Wogen der See bespült werden. Die Heimat der Wikinger dürfte im wesentlichen eben diese Ostküste gewesen sein, wo das flachere Ufer gestattete, auch grössere Fahrzeuge vor den winterlichen Stürmen auf das trockene Land in Sicherheit zu bringen. Heute freilich finden sich an der Ost- wie an der Westküste künstliche, zum Teil in die Felsen eingebaute Häfen, welche die Schiffe zu bergen vermögen. Und diese Hafenplätze sind es, welche sich zu kleinen Städtchen und Badeorten ausgewachsen haben.

Der Hafen von Nexoe ermöglicht es bei jedem Winde ein- und auszulaufen. „Nordstern" verliess ihn am 11. August, einem Dienstag, um nach dem benachbarten Svaneke zu segeln. Nach dem Reisehandbuch von Meyer sollen sich in der Umgebung von Svaneke zahlreiche Hünengräber und Runensteine finden. Von Hünengräbern allerdings konnten wir, als wir am Nachmittag eine weite Rundfahrt auf dem Lande unternahmen, nichts sehen. Wohl aber ist die Gegend südwestlich von Svaneke ausgezeichnet durch zahlreiche Steinhaufen, welche auf erhöhten Stellen liegen und zumeist mit hohen Kreuzdornbüschen bewachsen sind. Vermutlich handelt es sich indessen nicht um Hünengräber, sondern offenbar nur um Steine, die von den Bauern aus den Fluren zusammengeschleppt und dann aufgehäuft wurden auf den flachen abgeschliffenen Granitrücken, welche überall die dünne Humusschicht des Landes durchbrechen.

Von Runensteinen fanden wir nur einen, der auch auf der Generalstabskarte der Insel verzeichnet ist, die uns der deutsche Konsul in Svaneke freundlichst zur Verfügung gestellt hatte. Er steht an der Fahrstrasse in der Nähe von Fukkebro und S. Gildesbo unweit Oestre Mariaekirke. Was seine Inschrift sagt, haben wir nicht entziffert. Wir waren damit zufrieden, ihn als das Grabdenkmal eines gefallenen Helden zu betrachten, wenn auch diese Erklärung jeder Beweisführung entbehrt.
Um so reichlicher sind die Bautasteine vertreten, die lebhaft an den Sagenkreis von Ossian erinnern. In grosser Zahl findet man sie vereinigt in dem jetzt zum Staatseigentum erklärten Haine Louiseland. Sie stellen sich als unregelmässige, aufrecht stehende, meist über mannshohe, roh zugerichtete Granitblöcke dar, die sehr wohl die Grabstätte eines Wikings geschmückt haben können. Weshalb sie aber in dem genannten Haine in so grosser Zahl vereinigt stehen, ist für uns nur Gegenstand von Vermutungen. Auch bei ßölshavn sind einige solcher Bautasteine einsam am Seestrand stehend zu finden und in der Nähe eine weitere Steingruppe, die entweder die Fundamente eines Bauernhauses älterer oder jüngerer Zeit oder vielleicht Thingsteine darstellen und den Versammlungsort einer Wikingergemeinde bezeichneten. Nicht weit entlernt davon sind noch einige weitere Steinsetzungen errichtet, die indessen schwerlich auf ein unberührtes Altertum Anspruch erheben können. Uebrigens sind auch bei Nexoe Bautasteine auf der Generalstabskarte verzeichnet.

Der Binnenhafen von Svaneke war bei dem immer noch stehenden Westwinde von unregelmässig sich drehenden Fallwirbeln heimgesucht. Doch versuchten wir, obwohl gewarnt, am 12. August hinauszusegeln und hätten beinahe Havarie gehabt.

Schliesslich nahmen wir die Segel, mit Ausnahme der Fock, wieder herunter und gewannen mit dieser die Hafenmündung, von wo aus der Windgott uns rasch, wenn auch nicht ohne wiederholte kräftige Taufe, nach Allinge brachte. Von hier aus unternahmen wir zuerst mit einem Wagen eine Fahrt nach der ehrwürdigen St. Oleskirke, einer alten Rundkirche, die den Festungskirchen Gotlands ähnlicher ist als die Aakirke. Sie liegt etwa 7 Kilometer südlich von Allinge auf einer der höchsten Stellen (114 m über Meer) des Rückens der Insel, wo sie bekanntlich dem Seefahrer eine leicht kenntliche, weithin sichtbare Landmarke bildet. Auch bei ihr dürften das kurze Schiä der Kirche, eine kleine Vorhalle und zwei den Turm stützende Strebepfeiler jüngere Zutaten sein. Denkt man sich diese hinweg, so bleibt ein massiger runder Steinturm, der mit einem kegelförmigen Holzdach bedeckt ist. In dem untersten gewölbten Räume ist wohl seit alters her die Stätte der Andacht gewesen, während gleichzeitig die Obergeschosse in früheren Zeiten zur Verteidigung und den Ueberraschten als Zuflucht dienten. Zu diesen oberen Räumen führt eine in der Dicke der Wand mit Ecken und Windungen verlaufende, enge und steile, aus ungleich hohen Stufen bestehende Steinlreppe, die in dämmerndes Dunkel gehüllt daliegt. Sie begann an der Aussenfläche des Turmes an einer 3—4 Meter über dem Erdboden befindlichen Oeffnung die gegenwärtig im Schiffe der Kirche liegt. Heutigen Tages gelangt man auf einer bequemen, eisernen Leiter zu dieser Einstiegöffnung in den Treppengang und durch diesen in ein von schmalen Schiessscharten nur matt erleuchtetes, von einem mächtigen, die gewölbte Steindecke stützenden Mittelpfeiler durchzogenes, rundes Gemach. Dieses bildet die erste Etage über dem Erdgeschoss und war vermöge seines engen, steilen Zuganges leicht zu verteidigen. Eine zweite, gleichfalls in der Dicke der Aussenwand liegende enge Steintreppe führt endlich in das Obergeschoss des Turmes, welches nur von dem auf Holzgebälk ruhenden leichten Dache gegen die Unbilden der Witterung geschützt ist. Bot diese Rundkirche in Kriegszeiten keinen so ausgiebigen Schutz wie die Aakirke, so war dieser demungeachtet nicht unerheblich. Ausserdem gewinnt man den Eindruck, dass hier eine frühere ßauform in ihren wesentlichen Eigenschaften erhalten blieb. Diese erinnert indessen nicht nur an die Rundkirchen Got-lands, sondern auch an die Bauformen der alten keltischen und sächsischen Burgen der britischen Inseln. Auf die immerhin bestehenden Unterschiede einzugehen, würde indessen an dieser Stelle zu weit führen und vielleicht auch das Wissen eines deutschen Seefahrers auf eine zu harte Probe stellen.

 

Von Allinge aus besuchten wir noch die Klippen bei Johns Kapel und den nördlichsten Zipiel der Insel mit seinen Bergwäldern und Seen und dem mittelalterlichen Bischofsschlosse Hammershus. Letzteres ist in Wort und Bild so bekannt geworden, dass es sich nicht verlohnt, von neuem eine Beschreibung zu liefern, die der romantischen Empfindung eines Walter Scott sicher besser gelingen würde als der kalten Sachlichkeit eines Sohnes der trockenen Neuzeit. Allmählich aber war es Donnerstag abend geworden. Bewölkung, Wind und Barometer Hessen für den kommenden Tag Ostwind erwarten. Auch fand diese Vermutung eine Bestätigung durch den Umstand, dass ein Dampfer, der bisher ruhig im Vorhafen lag, ohne ersichtlichen anderen Grund noch spät abends in den Binnenhafen verholte. Denn gelegentlich soll es bei Ostwind etwas ungemütlich werden im Aussenhafen von Allinge.

Am Freitag, dem 14. August, wurde daher um 4 Uhr morgens geweckt. Es war noch windstill. Daher konnte nach der notwendigsten Toilette ein kräftiges Frühstück eingenommen werden. Dann wurde die Yacht zur Hafenmündung verholt. In der Zwischenzeit war eine flache Dünung aus Südosten und ein leichter Südwind aufgekommen, mit welchem um 5 1/2 Uhr morgens die Reise angetreten wurde. Um 6 Uhr rundeten wir die Hammerodde, um zunächst noch die Felswände der Westküste und Hammershus von der Seeseite her näher zu betrachten. Endlich wurde um 6 3/4 Uhr bei Hammershus der Kurs nach Smygehnk bei Trelleborg WNW3/4W genommen. Der Wind blieb den ganzen Tag ruhig, ging aber allmählich in SO und später OSO über. Er führte uns abends um 3/4 6 Uhr, nachdem 58 Seemeilen, gerechnet von Hammershus, durchlaufen waren, wohlbehalten in den geräumigen Hafen von Trelleborg, wo wir bequem ankern konnten. Unsere ziemlich Weit reichenden Reisepläne führten uns sodann am folgenden Tage bei leichtem Nordwind um Falsterboriff nach Malmö und am Sonntag abend nach einem kurzen Besuch in Lund noch nach Kopenhagen, wo Proviant und Reiseausrüstung ergänzt und ein Rasttag gemacht werden sollte.


2. Das Kattegat

Die Sehenswürdigkeiten Kopenhagens einschliesslich der reichen Sammlung prähistorischer nordischer Altertümer hatten wir bei früheren Besuchen der dänischen Hauptstadt bereits wiederholt genauer besichtigt.

Der Morgen des Dienstag, des 18. August, fand uns daher bereits um 8 Uhr bei der Hafenmündung von Fort Trekronen. Doch schlief der ohnehin flaue Wind in den heissen Mittagsstunden beinahe völlig ein, so dass wir nur langsam vorwärts kamen und am nördlichen Ausgang des Sundes vorzogen, umzukehren, um den Abend und die Nacht bei Helsingör unter den Mauern der alten Seefeste Kronborg, dem Schauplatz von Shakespears Hamlet, zuzubringen. Mittwoch früh wurde dann bereits 7 1/4 Uhr die Vertäuung gelöst und an dem im Morgenlicht erstrahlenden stolzen Seekönigsschloss vorbei, ziemlich genau gegen eine kräftige nordwestliche Vollzeugbrise wiederum zum Sunde hinausgekreuzt. Um 1 1/2 Uhr konnte der Kullen gerundet und der Kurs auf die enge Seestrasse genommen werden, die Hallands-Väderoe von dem Festland bei Torekov trennt, sodass wir abends 6 1/2 Uhr bei abflauendem Winde über die Laholmbucht hinweg nach Halmstad gelangten.

Der Kullen ist nach Bornholm der erste Granitrücken, der dem nach Norden Segelnden an der schwedischen Westküste begegnet. Bei Trelleborg und Malmö liegen weite Flachlandstrecken vor dem Gebirge, und zum ersten Male wieder erhebt sich der granitne Grundstock der skandinavischen Halbinsel in dem Kullen zu der beträchtlichen Höhe von 175 Meter steil aus der See hervor. Vor ihm lagern bei Viken und Höganäs die ersten im Wasser lauernden Schären, welche weiter nördlich eine so reiche Entfaltung gewinnen.

 

Goetaelf, unterster Fall

Dabei erscheint im allgemeinen das Land an dem schwedischen, östlichen Rande des Kattegat felsig und steil, während im Westen an der jütländischen Küste das Ufer flach und reich an Sandbänken ist. Es wiederholt sich dabei eine Erscheinung, welche bereits in Bornholm auffiel, in dem flachen, sandreichen Charakter des Ostufers der Insel und dem steilen, klippenreichen Westrand derselben. Diese Erscheinung bemerkte zuerst von Middendorf an den grossen Flüssen des nördlichen Asiens. Sie kann indessen auch im kleineren Massstabe an den Ulern der Elbe beobachtet werden. Die Erklärung dieser Erscheinung wird in der Regel in dem Vorherrschen der Westwinde gesucht. Diese treiben das Wasser gegen den Ostrand der Flüsse, wo der Wellenschlag das Ufer benagt und von Sandablagerungen befreit. Der Westrand der Flüsse dagegen versandet durch den Staub, der von den vorherrschenden Westwinden in das Wasser geweht wird. Auch für Bornholm und das Kattegat dürfte diese Erklärung zutreffen, und es ist dann nur eine Folge dieser Ufergestaltung, wenn der Hauptstrom des Wassers an seinem steil begrenzten Ostrande hinzieht.

 

Denkmal Karls X. Gustav in Malmö

Wenn man jedoch den Einwand erhebt, dass dann auch die Westküste Jütlands steil und felsig aus den Fluten der Nordsee emportauchen müsste, so ist da doch auf einen Unterschied hinzuweisen. Das Kattegat kann immerhin noch mit vollem Rechte als eine weite Flussmündung angesehen werden, welche das Wasser ihrer Zuflüsse, der Oder, der Weichsel, der Düna, der Newa und vieler anderer dem Meere zuwälzt. Allein dies scheint nicht massgebend zu sein. Wenn man eine Karte von Grossbritannien heranzieht, findet man auch auf dieser Inselgruppe in grossem Massstabe die gleiche Erscheinung: die Schärenbildung und Steilküsten an der Westseite und die flacheren Ufer der Ostseite. Die sandige Westküste Jütlands zeigt uns nur die Erscheinung in unvollendeter Entwicklung. Dass sie aber im Gange ist, geht aus dem Schwinden der Hallige hervor, die noch in geschichtlicher Zeit viel weiter in die Nordsee hinausreichten und jetzt nur kümmerliche Reste von Inseln darstellen, deren Umfang früher ein sehr beträchtlicher war. Solange keine Hebung und Senkung der Landmassen eintritt, muss obiger Vorgang still .und geräuschlos seine Arbeit vollziehen und erst Hebungen des Landes erzeugen am sonst flachen Ostufer der nordischen Länder Steilküsten, wie sie uns in fortlaufender Reihe an den Kreidefelsen von Rügen, Möen und an Stevensklint auf Seeland entgegentreten.

War der Kullen die erste Granitkulisse, welche sich dem nach Norden Segelnden an der schwedischen Küste entgegenstellte, so dürfte die Landspitze bei Torekov mit den vorgelagerten Klippen, die zum Teil die flache Insel Hallands-Väderö tragen, die zweite und die vier Seemeilen westlich von Halmstad liegende Tjufhals Odde die dritte Kulisse bilden, wenn auch bei diesen beiden letzten der Granit nicht so imposant in die Erscheinung tritt. Zwischen diesen Vorsprüngen ist dann der Grund des Skelder Wiek und der Laholmbucht sandig und weniger steil. Es ist dies verständlich, da in der Tiefe der Buchten der Strom weniger rasch läuft, während von den Vorbergen her vom Winde immer von neuem Staub und Sand hierher geblasen werden, die sich in dem langsamer strömenden Wasser zu Boden senken. Nördlich von Tjufhals Odde wird dann die Küstenlinie glatter, indem das hohe Land ziemlich steil in die See abfällt, in der einzelne Klippen und kleine Untiefen dem Ufersaum vorgelagert sind. Weiter nördlich entwickelt sich aus diesen Klippen und Schären eine kleine Inselwelt, die bei Varberg mit Getterö, Baljö, Süd-Herta und Nord-Herta und vielen kleinen Eilanden beginnt und in der Nähe von Gothenburg und nördlich von dieser Stadt ihre reichste Entwicklung findet. Wir waren am 20. August, einem Donnerstage, früh morgens von Halmstad aufgebrochen, da es uns drängte, diese Inselwelt kennen zu lernen. Doch schlief die nördliche Nachtbrise bald ein und erst um 73/4 Uhr morgens bekamen wir unweit der Hafenmündung eine leichte Westbrise, die im Laufe des Tages nur wenig zunahm, aber doch genügte, um uns an Falkenberg und Varberg vorbei bis in die Nähe der beiden Herta zu bringen. Hinter dem Felseneiland von Norra Herta liegt ein Notankerplatz mit einem Festmachering an den Felsen der Insel. Diesen Notankerplatz hatten wir uns, da es noch etwas früh war, als wir an Varberg vorbeiliefen, für die Nacht ausgesucht. Doch überraschte uns bei dem abnehmenden Winde die Dunkelheit eine halbe Stunde zu früh, so dass es nicht mehr ratsam schien> in die engen Fahrwasser einzuläuten. Wir gingen daher weiter nach Norden und fanden mit dem einsetzenden leichten Nachtwind aus NW bald den weissen Sektor des Fjordskaerfeuers, das uns den Weg in den Kungsbaekafjord zeigte. Gegen 1 Uhr ankerten wir hinter der Fjordskaer in dem südlichen Teile des Kungsbaekafjord auf annähernd 12 Meter Wasser, unfern dem Lande.

Die Nacht war ruhig aber kurz für uns. Als wir am Freitag, dem 21. August, morgens aufstanden, hatte die Sonne bereits ihren vollen Glanz über unsere malerische Umgebung ausgebreitet. Von allen Seiten wird der Fjord begrenzt von einem Kranze abgerundeter, steil in das Wasser abfallender Granithügelwälle von 50—150 Meter Höhe. An ihrer Oberfläche sind diese überall durch die Gletscher der Vorzeit glatt und rund geschliffen. Zwischen den Granitmassen zerstreut liegen breite Züge rotblühenden Haidekrautes und spärliche grüne Grasflächen, auf welch letzteren einige Schafe friedlich weideten. Ausserdem erheben sich mitten im Fjord unweit unseres Ankerplatzes noch einige Granitinseln gleicher Oberflächenbeschaffenheit, hinter denen eine kleine Yacht bei schwerem Südwest vollen Schutz finden dürfte. Im Hintergrunde aber, im fernen Nordosten, verliert sich die wilde Szenerie in weissen, wogenden Morgennebeln.

Nach einem kräftigen Frühmahl, das zum Teil an Deck eingenommen, in dieser nordischen Umgebung vortrefflich mundete, wurde um 6 3/4 Uhr der Anker gehievt und bei leichtem Südwinde aus dem Fjord hinaus in den Malösund gesteuert. In diesem liegt ein kleiner, nicht minder malerischer Fjord, der als Nothafen geschätzt wird. Wir aber wendeten, als wir von den Klippen frei waren, unsern Kiel nach Norden mit der Richtung auf Varoe. Dabei entfernt man sich nur auf wenige Seemeilen vom Lande, da man in einem massig weiten Fahrwasser zwischen zahlreichen Inselchen und Klippen dahinsegelt. Nördlich von Varoe aber wird das Fahrwasser eng und gewunden, indem es gut bezeichnet und beleuchtet in eine ganze Welt von grösseren und kleineren Felsinseln und Klippen eintritt. Auch hier werden die glatten Felsen von kleinen Grasflächen und Büschen rotblühenden Haidekrautes geschmückt, zu welchen in den Schluchten der grösseren Inseln sich die Nordlandbäume, die Tanne und die Birke gesellen. Dabei ergibt sich eine solche Abwechslung der Formen, dass das einzelne Bild im Gedächtnis kaum haftet, zumal da immer neue Nebenfahrwasser, Sunde und Fjorde sich öffnen und hinter jeder Landspitze ein neuer Ausblick dem entzückten Auge sich darbietet.

Nachmittags um 1 Uhr waren wir endlich auf dem Götaelf vor Gothenburg angelangt, fanden aber in dem Getümmel des Hafens erst nach langem Suchen unterhalb Gothenburgs einen passenden, aber leider vom Stadtzentrum weit entfernten Ankerplatz.

Der folgende Tag wurde zum Besuche der Trohättafälle verwendet, die mit dem Schnellzuge in wenigen Stunden erreicht werden. Hier stürzt der Götaelf, ein Strom, dessen Wassermasse diejenige des Mains um mindestens das Doppelte übertreffen dürfte, von der Hochebene, auf welcher die ihrer träumerischen Schönheit wegen berühmten grossen schwedischen Seen liegen, über mächtige Granitstufen herab in die flachwellige Hügellandschaft, in welcher Gothenburg erbaut ist. Seine Wunder, die bereits seit längerer Zeit die Tatkraft der Ingenieure herausgefordert haben, gehen indessen in der Gegenwart bedeutenden Aenderungen entgegen. Steinbohrer und Dynamit sprengen ganze Berge hinweg, um den nordischen Riesen in Turbinen zu zwängen, welche den Stickstoff der Luft in Salpetersäure verwandeln sollen. Traurigen Blickes sieht man die Verwüstung, aber man erkennt die Notwendigkeit, den-wunderbaren Troll zu opfern, um dem Menschengeschlecht das Brot zu mehren.

 

Goetaelf - Mittlere trollhättafälle

Unsere Reisezeit näherte sich ihrem Ende. Daher hoben wir am Sonntag, dem 23. August den Anker, indem wir wenigstens in Gedanken den Heimatwimpel flattern Hessen. Fast ohne Wind dahingleitend, gelangten wir dann gegen 8 Uhr an die Stelle, wo bei der alten Feste Elfsborg der Götaelf in den Fjord übergeht. Hier stellte sich ein leichter Südwind ein, dem seit Samstag Abend ein leichtes Fallen des Barometers vorausgegangen war. Um 9 Uhr 5 Min. lag das Leuchtfeuer Bottö querab und wir segelten nun mit dem Kurse SW1/2S mit 4 1/2 Knoten Fahrt auf das Kattegat hinaus. Im Laufe von 2 Stunden drehte indessen der Wind nach Südwesten, was zu entsprechender Kursänderung nötigte, so dass wir in Uebereinstimmung mit unserem Besteck gegen 1 Uhr das Leuchtschiff Laesoe Trendel weit im Süden sichteten. Gegen 3 Uhr nachmittags zog dann ein Gewitter herauf, das vorübergehend zum Reffen nötigte und nach einigen kräftigen Stössen zu Anfang nur schwachen Westwind brachte. So wurde es 8 Uhr, bis wir in die Nähe von Nordre Roenner Leuchtfeuer gelangten. Von hier aus sind es nur noch zwölf Seemeilen bis Frederikshavn, doch war der ganze Weg aufzukreuzen, so dass wir trotz des zulegenden Windes erst um 12 Va Uhr im Aussenhafen der genannten Stadt ankern konnten. Wahrscheinlich hat uns jedoch in diesem Falle der Strom stark aufgehalten.

Der folgende Tag wurde hauptsächlich der Ruhe und dem Trocknen der Segel und Kleidung gewidmet, die bei der Ueberfahrt von Gothenburg durch Regen und Spritzwasser stark durchnässt worden waren. Dann ging es am Dienstag, dem 25. August, morgens 8 Uhr aus dem Hafen und gegen einen langsam nach Süden drehenden Wind durch das Landtief der Laesoe-Rinne nach dem Lymfjord, dessen Ansegeltonne wir beim letzten Schimmer des scheidenden Tages erreichten. Mit brausender Fahrt, während der Einfahrt noch reffend, gings dann hinein, und gegen 9 Uhr fiel der Anker auf der Reede von Hals in 8 m Wassertiefe. Wir waren von neuem trotz Oelrock und Südwester durch wiederholte Regengüsse durchnässt, so dass der Mittwoch wieder zum Trocknen der Sachen und zu einigen Einkäufen an Land verwendet wurde. Ein am Donnerstag unternommener Versuch der Weiterfahrt wurde jedoch, nicht ganz ohne Berechtigung, wegen erneuter Regengüsse und allzu reichlichen Windes abgebrochen und der alte Ankerplatz vor Hals wieder aufgesucht, wo zahlreiche Handelsfahrzeuge gleichfalls besseres Wetter abwarteten. Erst der Freitag führte die Yacht bei leichten, aber sich gelegentlich zu kräftigen Böen steigernden Winden aus SSO und später aus S und SSW in die Nähe von Grenaa. Hier liefen wir Samstag früh 9 Uhr in den Hafen ein, um von neuem mit dem Trocknen unserer Habe zu beginnen. Diese angenehme Tätigkeit nahm auch die Hälfte des Sonntags in Anspruch. Doch gelangte die Yacht, nachdem sie Grenaa mit zweifach und dreifach verkürzten Schwingen um die Mittagsstunde verlassen hatte, am Abend desselben Tages unter vollem Zeug an einen guten Ankerplatz am Westrand der Ebeltoft-Wiek und am Montag, dem 31. August gegen denselben wechselnden WSW-Wind an Sletterhage und Norsminde vorbei und zwischen zahlreichen Untiefen hindurch mit sinkender Nacht in den Sandbjergfjord, wo von neuem der Anker fiel und die Mannschaft auf wohlverdiente Ruhe hoffte.

 

Oestlich von Alsen

Dienstag früh gegen 6 Uhr war das Barometer stark gefallen und der Wind nach SSO gedreht und kräftig geworden. Zugleich wurde es im Sandbjergfjord etwas munterer, so dass es am besten schien, um 6 1/2 Uhr unter Segel zu gehen. Es war der erste September, ein echter Septembertag, die Sonne hinter tief herabreichendem, grauem Gewölk verborgen, die Luft dick und dunstig, alles grau in grau. Der Wind nahm allmählich zu und blies aus vollen Backen, als wir dicht gerefft mittags um 12 1/4 Uhr in den Hafen von Fredericia hineinschossen, um unter grösster Gefahr für Bugspriet und Schiff noch in der Einfahrt aufzudrehen und Anker zu werfen.

Am Mittwoch führte uns endlich in 15 1/2 Stunden ein bequemer Nordwestwind durch die Engen des kleinen Beltes und sodann durch den Arösund und östlich von Alsen vorbei nach dem Kieler Hafen, wo um Mitternacht bei Bellevue geankert wurde. Dann gings im Schlepp durch den Nordostseekanal und am Samstag, dem 5. September trieb uns derselbe Nordwestwind in 8 Stunden, hiervon 7 gegen Ebbe, von Brunsbüttelkoog in den Köhlbrand bei Hamburg. Am nächsten Tage wurde „Nordstern" ausser Dienst gestellt und konnte sein Winterlager beziehen.