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1925: Die Müritz als Segelrevier

Wer schon die Haffs oder die Buchten der westlichen Ostsee oder die Stiommündungen der Nordsee befahren hat, dem wird die Müritz keine Schwierigkeiten bieten. Anders zeigt sie sich dem, der nur erst die Binnenseen kennt. Das erste Neue ist die Größe der Wasserfläche und ihre Einsamkeit. Auf manchen Besucher wirkt dieser Umstand geradezu unheimlich, und er bleibt tagelang an der Mündung des Bolter Kanals liegen, ehe er die Ueberfahrt wagt. Andere wieder reizt gerade das viele Wasser.

Eine wirkliche Schwierigkeit auf der Müritz ist die Orientierung. Wenn man eine Tur mit einem Schlage durchhalten kann, gehts ja noch. Dann hat man sein Ziel fest vor Augen. Irgendein anderer Segler hat uns in der Ferne am Ufer eine Landmarke gezeigt, und nun kann's drauflos gehen. So ist es z. B. bei der Haupttur über die Müritz: von der Mündung des Bolter Kanals nach Waren.

Ist der Wind gut, so hält man vom Bolter Kanal auf eine Landmarke etwas nördlich von Schloß Klink schnurgerade durch und faßt dann die rote Tonne „am dicken Baum". Diese läßt man Steuerbord liegen und biegt nun in den ,,Hals" ein. Dieser führt gerade auf den Klubhafen des W.S.V. Also eine sehr einfache Tur. Auch Motorboote brauchen die auf den meisten Karten der Müritz vorgezeichnete Schlangenlinie nicht zu fahren, sondern können vom Bolter Kanal direkt auf die Tonne „am dicken Baum" halten. Sie werden dem gefährlichen „Rosenberg" mit seinen Felsen nicht zu nahe kommen, seine Tonnen wahrscheinlich gar nicht sehen. Diese bleiben weitab Bb. liegen.

Wer zum erstenmal über die Müritz fährt, wird viel Mühe mit dem Ausmachen der Tonnen haben. Man vermutet sie anfangs auf Grund der Karte immer auf der vor einem liegenden Wasserfläche, während sie dicht am fernen Ufer gesucht werden müssen, auch dann, wenn sie von diesem einen Kilometer entfernt sein sollten. Erst nach und nach löst sich ihr Bild vom Ufer los. Manchmal, an warmen, windschwachen Tagen scheint die Tonne über dem Wasserspiegel in der Luft zu schweben, und man glaubt dann wohl, am Ufer sei eine rote Flagge gehißt, bis man — näherkommend — den Irrtum erkennt.

Das alles lernt sich bald. Anders aber liegt es schon, wenn der Wind zum Kreuzen zwingt. Dann ist es anfangs schwierig, den Schiffsort festzustellen, und man weiß dann nicht, ob die etwa angesegelte Tonne den bösen „Rosenberg" oder den harmlosen „Rodenberg" bezeichnet. Beide sind leider gleichartig betonnt. In solchen Fällen geht man lieber sicher und meidet jeden betonnten Fleck. Ungemütlich wird es aber, wenn hereinbrechende Finsternis, Nebel oder Regen die Aussicht nehmen und die Orientierung unmöglich machen. Ist dabei wenig Wind und wenig Seegang, so geht es noch, denn dann wird auch eine Kollision mit Felsen und Untiefen nicht gefährlich. Tritt aber zu unsichtigem Wetter noch Sturm, dann kann die Sache brenz-lich werden, und dann bleibt man besser zu Hause, wagt sich wenigstens nicht weit hinaus. Wird man aber mal während der Fahrt von solchem Wetter überrascht, dann heißt es: Durchhalten, zeige iwas du kannst! Bei gutem Wetter kann es jeder. — Zur Beruhigung für ängstliche Gemüter wollen wir hier feststellen, daß auf solche Weise noch kein Boot und kein Mensch auf der Müritz verunglückt sind. Sonntagssegler wagen sich eben nicht auf die Außen-müritz, und ein richtiger Segler ist nicht leichtsinnig.

Im allgemeinen kann man sagen, daß es sich auf der großen Müritz angenehmer segelt als auf kleineren Seen, weil der Wind gleichmäßiger und steifer ist. Bös ist es aber, wenn man mitten auf der Müritz von einem Sturm überrascht wird, was bei Gewittern wohl passieren kann. Oft ist es zu spät, schützendes Land zu erreichen. Die meisten Winde laufen westlich; darum ist es schwer, schnell an das westliche Ufer zu kommen, und das flache östliche läuft man nicht gern an, bei Weststurm selbst nicht mit der flachen Jolle. Die kann ja schließlich noch ins Rohr kriechen, wenn solches in der Nähe ist. Für den Flossenkieler ist auch das nicht immer ratsam. So kann man wohl in die Lage kommen, einen Sturm auf freiem Wasser abwettern zu müssen. Das erste ist immer: rechtzeitig reffen! — Wird es mal zu arg, so muß man zum Treibanker greifen. Dazu genügt oft die frei ins Wasser hängende Ankerkette. Jeder muß sich da mit seinen Bordutensilien zu helfen suchen. Glaubt man dem Ufer oder sonstigen Untiefen zu nahe zu kommen, so heißt es: Anker werfen! — Darum: nie ohne zuverlässiges Ankergeschirr ausfahren. Ist der Anker für die Müritz zu leicht, so kann man ihn durch ein Stück Eisen beschweren. Er hält dann bedeutend mehr. Hat man Schiff und Ankergeschirr in Ordnung, so braucht man sich nicht zu sorgen. Ungemütliche Stunden können überall kommen; das schadet auch nichts, sonst wäre das Segeln ja nur ein halber Sport.

Eine häßliche Sache ist die dem Sturm oft noch stundenlang nachfolgende Dünung, die besonders unangenehm bei Flaute ist. Manch einer macht in dieser Dünung Bekanntschaft mit der Seekrankheit, die auf der Müritz überhaupt nicht selten ist.

Die Nebenseen der Müritz sind nur mit der Jolle bzw. dem Jollenkreuzer befahrbar, so der Specker See im Osten, der wegen seiner ruhigen, idyllischen Winkel gern aufgesucht wird. Aber die Ein- und Ausfahrt ist schwer zu finden, wie auch die zum einförmigen Rederangsee.

Die südlichen Ausläufer der Müritz über Vipperow hinaus kann man noch 7 km weit bis zum Bauerndorf Buchholz mit etwa 75 cm tiefem Boot befahren. Diese Partie ist sehr beliebt, nimmt aber immer mehrere Tage in Anspruch.

Der sich an die Warener Binnenmüritz im Osten anschließende Feissnecksee, kurzweg die „Feissneck" genannt, ist nur von kleinen Jollen durch einen engen Kanal unter einer niedrigen Straßenbrücke hindurch zu erreichen und wird fast nur des Angelns wegen aufgesucht. Ihre Ufer sind für Industrieanlagen vorgesehen, da die Stadt Waren den schönen Strand der Binnenmüritz nicht durch Fabriken verunzieren lassen will.

Mit dem Boote gar nicht erreichbar ist der im Norden an die Stadt grenzende Tiefwarensee. Landschaftlich ist er sehr schön, für Segelboote aber nicht geeignet.

Der Fremde wird in Waren oft den Wienpietsch-See nennen hören. Das ist ein Waldsee ohne jeden sichtbaren Ab- und Zufluß, mitten in der Warener Stadtforstj, eine halbe Stunde südlich der Binnenmüritz. Der Wienpietsch ist ein kleiner verträumter See, wohl das malerischste und stimmungsvollste Gewässer der ganzen Gegend, umsäumt von Birken und Erlen zwischen kieferbestandenen Höhen. Wie sind auf der Müritz nun die Verhältnisse für Regatten? — Für Wettfahrten kommt eigentlich nur Waren bzw. die Binnenmüritz in Betracht. Die Bucht bei Röbel hat für Segler eine zu schlechte Verbindung mit der Außenmüritz, sie ist auch zu klein und abgedeckt. Möglich wäre noch die Mündung des Bolter Kanals als Ausgangs- oder Endpunkt einer Regatta. Aber bei allen westlichen Winden steht hier ein unangenehmer Seegang, der einen guten Start mindestens sehr erschwert. Meist wird man gezwungen sein, die Boote bei der Ausfahrt aus dem Kanal zu zeiten. Sonst ist aber die Strecke vom Bolter Kanal bis hinauf nach Waren die herrlichste Regattastrecke mit dem Ziel am Klubhafen des W.S.V. Als Ziel ist der Bolter Kanal für ein Rennen noch ungünstiger, da man die Boote nicht mit voller Fahrt in den Kanal einlaufen lassen kann. Man müßte dann schon ganz seemäßig das Ziel zwischen zwei fest verankerte Boote legen.

Bei Waren bieten sich dagegen für Wettfahrten überhaupt keine Schwierigkeiten. Für kleinere Rennstrecken, überhaupt für kleinere Boote, genügt die Binnenmüritz. Hier hat die Runde eine Länge von 3 sm. Man kann die Bahn auch bis in den sogenannten Hals ausdehnen (Rundenlänge etwa 4 1/2 sm). Wir schicken die Boote gewöhnlich bis zum „dicken Baum" und lassen dort die rote Tonne runden. Bei größeren Regatten legen wir auch Bojen vor Sembzin und vor die Mündung des Warnker Sees.

Interessante Rennen, wie sie auf keinem anderen norddeutschen See möglich sind, wären Fernfahrten über die ganze Müritz. Es stände z. B. nichts im Wege, von Waren aus die Tonnen vom Rosenberg oder vom Rodenberg, oder gar den Burgwall bei Vipperow als Wendemarke zu benutzen. Schickt man die Boote aber so weit hinaus, so besteht immer die Gefahr eintretender Flaute, und dann bekommt man die Boote erst wieder am nächsten Tage zu sehen. — Jetzt werden ja schon Wanderwettfahrten propagiert, z. B. rund um Potsdam. Ich glaube, „Rund um die Mürirz" ginge auch, und eine Wettfahrt Waren— Bolter Kanal—Vipperow—Sietow—Waren wäre hervorragend geeignet, um die sportlichen Qualitäten, Nerven und Humor der Teilnehmer eingehend zu prüfen.

 

Seegang auf der Binnenmüritz.