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1926: Das Kolberger Segelrevier

Einkommende Kolberger Fischkutter

In allen Häfen der westlichen Ostsee trifft man im Sommer die Stander der deutschen Yachtklubs. Nach Osten zu aber scheinen Swinemünde und Dievenow die letzten besuchten Plätze zu sein. Und doch bietet gerade der Küstenstrich von Swinemünde bis Kolberg dem, der die See liebt, viel. Hier sind See und Küste noch eins. Dunkle Föhrenwälder stehen gegen das stählerne Blau des Himmels. Silbern wiegt sich der Strandhafen in der ersten Morgenbrise. Von hoher Landzunge winkt der Leuchtturm von Groß. Horst über die Weite. Entlang dem hellen, grünweißen Brandungsstreifen ziehen sich die bizarren Formen der Dünen. In ihrem Schutze geduckt die niedrigen Dächer pommerscher Fischerdörfer; überragt von den schlichten Kirchen der norddeutschen Backsteingotik. Von den vielen kleinen Badeorten frohes Winken; helles Mädchenlachen klingt herüber. Am Strande ein Gewimmel bunter Punkte. Strandkorb reiht sich an Strandkorb; dann noch einige beflaggte Sandburgen und wieder dehnt sich die weite und stille pommersche Heide.

Immer ist hier die See die Herrin. Seit uralten Zeiten muß sie der Mensch fürchten. Was helfen ihm Dämme und Dünen, wenn bei harten Nordwinden einmal die See zum Angriff bläst und ihre Springflüt gegen das Land schleudert. Auf hohem, unterspülten Steilufer zeugen die Ruinen der Hofer Kirche, deren Turm bereits auf den schmalen Strandstreifen hinabstürzte, von ihrer Gewalt. Und weiterhin, nach Kolberg zu, holen die Fischer noch dann und wann in ihren zerrissenen Kurren verrostete, eiserne Grabkreuze aus dem Meere. Hier lag einst ein Friedhof; still und blumengeschmückt. Bienen summten in der warmen Mittagsstille von Grabhügel zu Grabhügel, und leise plätscherten die Wellen an den Dünenrand, bis einst in einer dunklen Herbstnacht die See aufbrüllte und mit einem einzigen Tatzenschlage Friedhof und Kapelle in die Tiefe riß; denn unbezwinglich ist das Meer und unerschütterlich in Urgewalten. Am Steuerbord taucht das stille und versonnene Badeörtchen "Treptower Deep" auf. Sein Anblick ist so anheimelnd, daß der Käppen knurrend seine Einwilligung zu kurzem Landgang gibt. An der Regamündung sind molenartig zwei Spundwände in die See vorgetrieben und ein dicker Bagger ist fauchend bei der Arbeit, die Einfahrt auf 2,50 m Wasserliefe zu bringen.

Da eine Ansegelungstonne nicht ausliegt, wird das Großsegel fortgenommen, und vorsichtig loten wir uns zum Festmachen an die Spundwand. Als wir wieder ablegen wollen, hat sich eine Schar neugieriger Badegäste eingefunden und eine fesche Blondine setzt durch Anstimmen des Gesanges: "Auf Matrosen, die Anker gelichtet" unseren Jungmann so in Begeisterung, daß er unter Zurücklassung eines halben Hosenbeines noch eben knapp an Bord kommt. Dann geht es wieder in brausender Fahrt die Küste entlang, vorbei dem malerichen Fischerdorf Camp mit seinen uralten Rauchhäusern. An der Kimm taucht im bläulichen Sommerdunst der Turm von Kolbergs Sankt Marien auf. Als einer der ältesten Dome Pommerns ist er bereits in alten Segelhandbüchern als Ansteuerungsmarke genannt, und wegen seiner Dachform mit dem aufgesetzten spitzen Oberturm als "Kolberger Segel" bezeichnet. Dann treten die übrigen Kirchen und Kurhäuser mehr und mehr hervor. Das erste Anzeichen des Hafens ist der helle Lotsenturm, bald aber sind die rote Windbake und die beiden schwarzen Türmchen der Hafenfeuer auf den Molenköpfen auszumachen. Dicht unter der Westmole geht es nun mit dichtgeholten Schoten durch die alten Befestigungsanlagen aus Kolbergs großer Vergangenheit. Die rund fünfzig Seemeilen von Swinemünde bis Kolberg sind in acht Stunden abgesegelt, und der Käppen schmunzelt zufrieden. Langsam zieht das Boot im Windschatten gegen den schwachen Strom der Persante, vorbei am Lotsenhaus, Rettungsstation, dem Fischereihafen mit seinen Hallen und dem Bauhof der Hafenverwaltung bis zu den Liegeplätzen des Kolberger Seglervereins. Hier ist immer stilles Wasser, gute Gelegenheit zum Plünnentrocknen und zum Übernehmen von Frischwasser und Brennstoff. Hafengebühren werden nicht erhoben. Die Mitglieder der dem deutschen Seglerverbande angehörigen Klubs erhalten durch die Kurverwaltung größtes Entgegenkommen.

Was Kolberg als meistbesuchtes Ostseebad für "Seglers Landgang" bietet, sei nicht verraten. Segler plaudern nicht aus der Schule. Seglerisch ist Kolberg der beste Ausgangshafen für Bornholm, Südschweden, Stockholm. Wer einmal bei warmem Sonnenschein durch die kurrende Kolberger Fischerflotte segelte, wer bei abendlichem Einlaufen die Sonne in der freien See verglühen und auf den Strandpromenaden die unzähligen Lichter aufflammen sah, den wird es immer wieder in das Kolberger Segelrevier ziehen.

Friedhelm von Schuckmann, K.S.V.