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1928: Der Bodensee als Segelrevier

Hafeneinfahrt in Lindau am Bodensee

 

Wenn auch, besonders in den Jahren nach dem Kriege, wo das Ausland dem deutschen Erholungsreisenden noch versperrt war, der Fremdenverkehr am Bodensee gegenüber der Vorkriegszeit eine gewaltige Zunahme erfahren hat, so hat dieser doch als Segelrevier noch lange nicht die Beachtung gefunden, die er nach seiner Größe, seinen günstigen Segelverhältnissen und seiner herrlichen Umgebung verdient. Von allen Binnenseen Deutschlands ist der Bodensee mit seinen fast 540 km2 das größte Segelrevier. Allein schon der „Obersee" hat für einen Binnensee ganz gewaltige Dimensionen; 46 km in der Länge von Bregenz am SO-Ende bis nach Konstanz im NW und 14 km größte Breite zwischen Friedrichshafen und Rorschach. An ihn schließt sich nordwestlich der langgestreckte „Überlinger See" an mit 17 km, und durch ein für alle Boote fahrbares Stück des Rheines, der bei Konstanz den See verläßt, getrennt, der fast ebenso lange „Untersee", dessen Abfluß wiederum der Rhein bildet.

Freilich ist die Durchfahrt in den Untersee für große Yachten noch mit Schwierigkeiten verknüpft, da die Konstanzer Brücke nicht hoch genug ist, um sie ohne Legen der Masten zu passieren. Mit der „Schiffbarmachung des Rheines bis zum Bodensee", die kommen wird, wird auch diese Schranke fallen, und auch der Untersee, der die malerischsten Ufer und auf seiner Insel Reichenau die berühmtesten Kunstdenkmäler aufweist, dem Turensegler mühelos erschlossen werden.

Wer den nach der einstigen fränkischen Königspfalz Bodoma, dem heutigen Bodmann benannten Bodensee erstmalig befährt, der staunt ob der stattlichen Zahl von Städten und Ortschaften, die ihn wie ein geschlossener Gürtel hell leuchtender Villen, schmucker Bauernhöfe und altersgrauer Mauern und Türme umsäumen. Fünf Staaten, Baden, Bayern, Württemberg, Schweiz und Österreich, teilen sich in den Besitz der fruchtbaren Uferstreifen. Umfangreiche Klöster und großartige Hotels sind beste Beweise für die Schönheit der Gegend. Auch die unmittelbar aus dem See aufsteigenden wald- und mattenreichen Berge sind mit Ortschaften oder einzelnen Höfen, Schlössern oder Landhäusern reich besetzt, so besonders am schweizer Ufer des Ober- und Untersees und die Höhenzüge um Meersburg und über dem Nordufer des Überlinger Sees.

Außerordentlich günstig für den Bodensee-Segler ist der Umstand, daß der höchste Wasserstand infolge der bis dahin beendigten Schneeschmelze durchschnittlich gerade in die Monate Juni und Juli fällt, also in die Zeit der seglerischen Hochsaison, und daß die Periode des rapideren Steigens des Wassers naturgemäß bereits im April sich geltend macht, während der Seespiegel vom Juli ab sich dann nur allmählich wieder senkt, bis er, gewöhnlich im Februar, seinen tiefsten Stand erreicht. Einzelne Ausnahmen, z. B. das Hochwasser August-September 1890 (Rheindamm-Durchbruch) oder das ganz kontraktwidrige Hochwasser Januar-Februar 1910, des gleichen Jahres, das uns dann im Juni-Juli die verderbliche Hochwasserkatastrophe brachte, ändern daran natürlich nichts.

Daß eine so große Wasserfläche wie der Bodensee angesichts ihrer Lage einerseits unmittelbar am Fuße der Alpen, andererseits fast offen gegen die süddeutsche Hochebene, keinen Mangel an Winden, der unerläßlichen Bedingung des Segelsports, haben wird, ist selbstverständlich. Erzeugt doch schon die ungleiche Erwärmung der Luftschichten über dem Wasser und auf dem angrenzenden Lande stets eine Luftströmung, den sog. „Land-" bzw. „Seewind", die sich beide jedoch nur bei ruhigem heiteren Wetter, hauptsächlich im Sommer, und nur bis zu einer Höhe von 100 m mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 3 bis 4 m/Sek. bemerkbar machen. Der Landwind weht bei stärkerer Erwärmung der über Wasser befindlichen Luft, also von abends bis nach Sonnenaufgang, infolge des Strebens der kälteren Luftmassen nach dem wärmeren Luftraum hin (die warme, verdünnte Luft saugt an) vom Land seewärts, umgekehrt der Seewind zur Zeit der stärkeren Erwärmung der überm Land befindlichen Luftschicht, also von frühmorgens bis abends dem Lande zu. Zwischen beiden herrscht gewöhnlich einige Zeit Windstille, so ungefähr zwischen 8 und 10 und zwischen 16 und 19 Uhr (im Sommer). Die Land- und Seewinde werden jedoch an einigen Stellen des Sees von Berg- und Talwinden beeinflußt bzw. verdrängt, wie z. B. vor dem Rheintal und bei Bregenz („Kluser").

Gegenüber diesen mehr oder weniger regelmäßigen und allmählich anwachsenden Winden hat der Bodensee-Segler aber noch mit einem weit wilderen und bisweilen recht gefährlichen Gesellen zu rechnen, einem wie die natürlich auch am Bodensee auftretenden Gewitterwinde oft plötzlich hervorbrechenden Sturmwind, dem Föhn. Dieser allen am Fuße hoher Gebirge gelegenen Ebenen eigene Wind, der sich nordwärts bis tief hinein ins Flachland fühlbar macht durch die eigenartige Stimmung des Himmels und der viel näher gerückt erscheinenden Gebirge, zumal vor seinem eigentlichen Ausbruch, durch die plötzliche und oft lähmende Wärme der Temperatur und seine überaus große Heftigkeit, bricht nach Überschreitung der Alpen (Fallwind) und Verdrängung der kälteren Luftschicht mit Wucht in die Ebene hinab. Er türmt die Wasser des Bodensees zu hohen Wellen, zwingt die Fischerboote zu eiliger Flucht und jagt die mit stark gerefften Segeln bis über die Reeling überliegenden Yachten durch die mit weißem Gischt bedeckten Fluten. Doch hat der Föhn, der hauptsächlich das Frühjahr zur Ausübung seiner gewaltsamen Tätigkeit erwählt, wo er zugleich der letzte und ausgiebigste Schneevertilger ist, weniger den Herbst und selten den Sommer, seine Vorboten, die sein Nahen oft Tage vorher schon vorausbestimmen lassen. Der eigentümliche, nur mit einer dünnen hohen Wolkenschicht überzogene Himmel, der nur über den selbst scharf und dunkel sich abhebenden Alpenbergen mit grünblauen Flecken hindurchblickt, davor die kleinen, streifenförmigen, weißlichen „Föhnwolken" mit ihren zarten, verschwimmenden Rändern, ferner ein schon ein oder eineinhalb Tage vorher in 300 bis 1000 m Höhe aus S oder SO wehender starker Wind, endlich das Bild der Wetterkarte sind untrügliche Zeichen seines baldigen Erscheinens, Und plötzlich braust er dann aus dem Rheintal hervor, wo er bereits die untere, kältere Luftschicht verdrängt und die Talsohle erreicht hat, und ergießt sich strahlenförmig über den See, dessen nordwestliche Hälfte von ihm so gut wie verschont bleibt. Nur seine aufgeregten Wogen bringen auch nach Konstanz und in den Überlinger See Kunde von seinem Wüten.

Die Segelsaison am Bodensee dauert gewöhnlich von Mai bis Anfang Oktober, doch konzentriert sich natürlich auch die Ausübung des Segelsports in den Sommemonaten (Juni bis September), wo der Fremdenverkehr seinen Höhepunkt erreicht und mit den Fremden auch viele Wassersporttreibende am herrlichen See erscheinen, wo die Regatten stattfinden, und zugleich im Strand- und Badeleben Hochbetrieb herrscht. Denn die größte Wasserwärme hat der See im Juli und August (bis 23°, 1911 sogar über 25° C!). Meist lädt ja auch schon der Frühling mit seiner lauen Luft und herrlichen Sonne zum Aufenthalt am See ein, und eine Segelfahrt längs der Ufer im April mit ihren im vollen Blütenschmuck prangenden Obstbäumen, die wie ein einziger großer, blühender Obstgarten besonders den Obersee umgeben, gehört sicher zum schönsten, was die verschwenderische Natur uns dort schenken kann. Bald ist es der Schnee der Kirschenblüte, bald die rötlichweiße Blütenpracht des Apfelbaums oder die sich bereits mit dem frischen Grün der Blätter vermengende Blüte der Birnen, die das Auge entzückt. Andererseits gelten aber September und Oktober noch gerade für den Segelsport als besonders geeignet.

So nimmt es unter diesen hervorragend günstigen Segelverhältnissen und angesichts der vielen den See berührenden Städte und größeren Ortschaften nicht wunder, daß hier der Segelsport schon seit vielen Jahren vereinsmäßig betrieben wird. Sieben große Vereine entfalten zur Zeit jedes Frühjahr ihre Segel auf dem See, um ihn bis spät in den Herbst hinein in Übungs-, Türen- und Wettfahrten zu ihrer eigenen und der Freude der zahllosen Fremden, besonders auf den Dampfern, zu beleben. Von ihnen ist der Lindauer Segler-Club von 1889 der älteste, ihm folgen der Bregenzer Segel-Club, der Yacht-Club Konstanz, der K, Württembergische Yachtclub, der Badische Yachtclub mit den beiden Abteilungen Überlingen und Radolfszell und der (schweizerische) Yacht-Club Kreuzungen. Sie alle mit weit über 1000 Mitgliedern, 140 Segel- und Motorbooten vereinigten sich seit 1911 im Bodensee-Segler-Verband. Zahlreich sind auch die verschiedenen Typen von Segelbooten, denen man begegnet. Neben den alten, jollenartigen Privatkästen sieht man hochragende und sportliche Yachten bis zur zweimastigen Yawl und dem großen Kutter, von denen zurzeit je vier am Bodensee vertreten sind. Auch die Hochtakelung am gebogenen Mast hat sich längst eingebürgert, wenn auch hier trotz der augenfälligen Leichtigkeit seiner Handhabung die Meinungen über seine seglerischen Vorzüge geteilt sind. Leider hat der Motor die alten Fischer segel fast ganz und die großen malerischen Transportkähne mit dem Lateinersegel vollständig verdrängt, die doch immer eine hübsche Abwechslung in das seglerische Bild gebracht hatten. Heute sind am meisten vertreten und gelten als geeignetste Typen für den Bodensee, für Türen: die 45- bzw. 75-m2- Kajütkreuzer, die 30-m2-Kajütboote und die 30-m2-Küstenjollen. Von letzteren liegen bis jetzt erst vier am See, doch scheinen sie sich als Schwertboote sowohl für Türen wie für Regatten als immer geeigneter für die hiesigen Verhältnisse zu erweisen, wie man auch mit den Schären-Kreuzern hier gute Erfahrungen gemacht hat. Für Regatten: Die gleichen 45- und 75-m2-Kajütkreuzer und 30-m2-Küstenjollen, 30 m2 offene Regattaboote, 22-m2-Rennklasse, 6-m-Altersklasse und Nationale Binnenjollen sowie Jollen-Altersklasse. Außer internen Regatten innerhalb der einzelnen Clubs hat auch der Bodensee alljährlich seine große ,,Bodensee-Woche", die abwechselnd im oberen Teile des Sees vor Bregenz und Lindau oder im mittleren vor Friedrichshafen oder im unteren vor Konstanz und Überlingen ausgesegelt wird. Heuer findet diese Regatta vor Friedrichshafen, vor Konstanz und Überlingen in der Zeit vom 11. bis 19. August statt. An diesen Regatten pflegen sich auch süddeutsche Vereine zu beteiligen.

Entsprechend dem immer mehr anwachsenden Verkehr auf dem See und seinen Ufern sind auch die Hafenverhältnisse immer besser geworden. Zu den z. T. großangelegten und für den Tiefgang der größten Segelyacht ausreichenden Dampfschiffhäfen von Bregenz, Lindau, Friedrichshafen, Immenstaad, Meersburg Konstanz, Unteruhl-dingen, Überlingen, Ludwigshafen, Bodmann, Radolfszell, Kreuzungen, Romanshorn, Rorschach und Staad bei Rorschach sind nun auch in Längenargen und Arbon sowie Staad bei Konstanz neue Hafenanlagen hinzugekommen.

Diese stehen alle jederzeit, und dort, wo gleichzeitig andere Hafenmöglichkeiten vorhanden sind, wenigstens im Notfalle auch den Segelyachten zur Verfügung. Außerdem aber besitzen die einzelnen Seglervereine fast alle ihre sturmsicheren eigenen Yachthäfen oder doch windgeschützte Liegeplätze mit Bojen und gutem Ankergrund. Der schönsten und modernsten Yachthäfen dürfen sich unbestreitbar der K. Württ. Yachtclub und der Lindauer Segler-Club rühmen.

Bezüglich des Ankergrundes im See kann man sagen, daß er von wenigen Ausnahmen abgesehen zumindest meist brauchbar ist, und daß man bei mittlerem und Hochwasserstand (wo man sogar zur Abwechslung einmal mit der Yacht im alten Rheinbett bis nach Rheineck vordringen kann), also wie erwähnt gerade zur Zeit der Hochsaison, überall auf der „Wysse", der flachen Randzone, ankern kann. Ferner sind außer vor den Clubhäfen auch an sonstigen von Seglern bevorzugten Liegeplätzen, vor Hotels usw., vielfach Bojen verankert.

Bezüglich der Transportmöglichkeit von großen Yachten nach dem Bodensee und der Gelegenheiten des Zuwasserbringens sei nur kurz darauf hingewiesen, daß nun neben Romanshorn das für Transporte aus Deutschland ja zu ungünstig liegt, auch Friedrichshafen einen großen, allen Bootsgrößen gewachsenen Kran errichtet hat und daß alle Städte und größeren Ortschaften am See kleinere Krane besitzen, die noch für ziemlich große Boote tragfähig sind. Auch mehrere Werften, die sich speziell mit dem Bau von Segelyachten und Motorbooten befassen, arbeiten am See und stellen Räume zur Überwinterung der Boote zur Verfügung; so die von Karl Minn in Reutenen zwischen Lindau und Wasserburg mit Slip für die größten Boote, die Bodanwerft in Langenargen, die Überlinger Werft, die bei Hardt bei Bregenz und die Anlagen des K. Württ. Y.-C. Hier können alle Reparaturen ausgeführt und alle Ersatzteile bezogen werden. Wenn einmal die Schiffbarmachung des Rheins bis zum Bodensee, von der oben schon gesprochen wurde, durchgeführt und wenn gar einmal Donau und Bodensee durch einen Kanal verbunden sein werden (geplant von Ulm durch Riß und Schüssen), dann wird namentlich für norddeutsche Bootseigner die Beförderung ihrer Boote nach dem See ungemein erleichtert sein. Dann wird auch der Wassersport auf ihm, zumal mit Motorbooten, einen ungeahnten Aufschwung erleben.

Noch einen Vorzug hat der Bodensee, besonders vor seinen norddeutschen Rivalen: die herrliche Umgebung. Wie leicht lassen sich mit einer Segelwoche Ausflüge in die Umgebung und selbst Hochgebirgstouren verbinden! Wieviel historische und kunstgeschichtliche Denkmäler beherbergen seine Ufer! Man denke nur an die Pfahlbauten bei Unteruhldingen, die Heidenlöcher bei Überlingen, die Überreste der Kastelle aus der Römerzeit, an die auch Städtenamen wie Bregenz (Brigancium, lacus brigentinus) und Konstanz erinnern, ferner die Insel Reichenau mit ihrem uralten Münster, den durch Scheffels, der selbst am See ansässig gewesen, „Ekkehard" berühmt gewordenen Hohentwiel unweit Radolfzell und das ehrwürdige Konstanz mit seinem Konziliumssaal und dem Huß-turm u. a. Aus ferner Zeit erzählt auch noch das alte, efeuumrankte Gottlieben und Stein am Rhein mit der sehenswerten Burg Hohenklingen und von nicht so fernen Tagen plaudert das Schloß Arenenberg (Aufenthalt der Kaiserin Eugenie) und das stille Manzell bei Friedrichshafen, wo Zeppelin seine ersten Versuche angestellt hat. Wer sich für Kunstgeschichte aber begeistert, der besuche dieselbe in Reichenau oder die Sylvesterkapelle in Goldbach bei Überlingen aus dem frühen Mittelalter, die Münster von Konstanz und Überlingen aus späterer Zeit oder endlich aus dem 18. Jahrhundert Meersburg, die Mainau, das Kornhaus in Rorschach, St, Gallen, Salem, Weingarten und viele andere berühmte Stätten, Und dann beschließe er den Tag, der ihm die reichen Gaben des Sees gespendet hat, die leuchtende blaue Wasserfläche, seine lachenden Ufer und die sich in ihm spiegelnden Berge, überragt von den schneeigen Häuptern des Säntis, der Scesaplana und der Riesen des Rheintals, der ihn hat hineinblicken lassen in die Geschichte und Kunst seiner Vorfahren bis an die Anfänge der Menschheit, diesen Tag beschließe er mit einem Tropfen feurigen Seeweins. Und ehe er die gastlichen Gestade verläßt, gehe er oder fahre mit der neuen, kühn angelegten Schwebebahn einmal auf den Pfänder! Den Anblick, den er von dort oben bei untergehender Sonne noch einmal über den ganzen See bis zum Konstanzer Münster und den Vulkankegeln des Hegaus genießen darf, wird er als eine der schönsten Erinnerungen mit sich nach Hause nehmen und nie vergessen!

 

Bodenseewoche

 

Abendstimmung am Bodensee

 

Konstanz am Bodensee. Katzgasse mit Blick aufs Münster

 

Föhn auf dem Bodensee

 

Am Ufer der Insel Reichenau im Untersee