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1958: Am Rande des Stroms / Die Stör

Die Stör ist ein Nebenfluß der Elbe, sie entspringt bei Bornhöved, mündet unterhalb Glückstadts in die Elbe und ist ein beliebtes Revier der Niederelbe-Segler. An der Stör sind die Segelvereine von Itzehoe und Wilster beheimatet. Der Itzehoer Seglerverein konnte 1954 sein 25jähriges Vereinsjubiläum feiern.

 

Stäbige Frachtenewer und hübsche holländische Tjalken kreuzten nach Itzehoe rauf. Auch finnische und schwedische Dreimaster befuhren mit braunen Segeln die Stör. In der heutigen Zeit der Motorisierung tuckern die Kümos und Klütenewer den Fluß rauf und runter.
Steht ein Segler von anderswo auf der Delftorbrücke in Itzehoe und schaut auf die vielfältigen Windungen der Stör, dann sieht er eine trübe Brühe, eingeengt von hohen Deichen, von Schlickrändern begrenzt und von Ebbe und Flut bewegt. Da fragt er sich: Kann man denn auf der Stör überhaupt segeln? Sicher ist die Stör kein Segelrevier wie die Ostseeförden. Man kann nicht wie dort zu jeder Tageszeit hinaussegeln, und wenn es einem paßt, über Stag gehen und wieder heimwärts steuern. Und doch ist die Stör ein ideales Segelrevier, in mancher Beziehung sogar interessanter und abwechslungsreicher als eine weite Seefläche. Der Sportsegler ist zeitlich gebunden an Ebbe und Flut, nicht immer wird es ihm gelingen, den Strom tot zu segeln. Wenn der Strom kentert, wird abgesegelt und bei Tidenwechsel der Heimathafen angelaufen. Diese zeitliche Bindung hat aber ihre Vorteile, denn immer bringt uns der Strom nach Hause, selbst wenn der Wind einschläft. Die vielen Windungen der Stör sorgen dafür, daß der Wind nicht immer aus einer Richtung kommt. Wenn der Fahrtensegler mit der Tide segelt, spürt er selbst im engen Lauf des heimatlichen Flusses das gewaltige Atmen des Meeres in Ebbe und Flut, weil er von diesem Atem getragen wird. Diese enge Gebundenheit an die Natur ergibt seine Verbundenheit mit ihr.

Die Bahn ist eng begrenzt, grüne Deiche hegen sie ein, und im friedlichen Dahingleiten sieht der Segler hinter dem abschließenden Deichstrich rauschende Baumkronen und breite Giebel. Er ahnt die schwere, fruchtbare holsteinische Marsch mit ihren behäbigen alten Bauernhöfen. Dieser Flußlauf ist eine Welt für sich, er hat sein eigenes Leben, das nur der fühlt und miterlebt, der selbst auf ihm dahingleitet. Es ist noch Urlandschaft, aufgestiegen aus dem Meere und unverändert seit Jahrtausenden. Von hier aus besiedelten die Wikinger England, und unsere Urväter segelten von Itzehoe nach Grönland, utn Wale und Robben zu erlegen.

Alljährlich wird einmal das „Blaue Band" der Stör von den Segelvereinen an der Stör ausgesegelt. Für den beteiligten Segler ist das jedesmal eine interessante Regatta und ein schönes, unvergeßliches Erlebnis.

Der Sportsegler teilt sein Segelrevier „die Stör" in zwei Teile. Von Itzehoe aufwärts bis Kellinghusen (etwa 20 km) — und von Itzehoe abwärts bis zur Mündung (etwa 26 km). Ab Kellinghusen wächst der Fluß schon zur ansehnlichen Breite, ist aber noch wenig belebt. Unterhalb von Breitenburg schwingt sich der Fluß in scharfen Windungen an die bewaldeten Höhen der Geest heran und zeigt bis Itzehoe ein Bild lieblicher landschaftlicher Schönheit. Beim Itzehoer Delftor kommt man an den 1. Bootshafen (Winterlager mit Slipanlage) des SVI vorbei. Der Itzehoer Hafen wird von einer Störschleife gebildet und bietet gute Liegemöglichkeit. Nach der Eisenbahnklappbrücke gelangen wir zum Hafen der Zementfabrik mit lebhaftem Schiffsverkehr. Den betriebsamen Suder Hafen hinter uns lassend, erreichen wir die letzte Brücke der Stör. Bei der Brücke sehen wir eine Anlegestelle und viele Boote des SVI. Auf einer Wurt liegt die uralte Kirche von Heiligenstedten mit ihrem eigentümlichen abseits stehenden hölzernen Glockenturm. Wie in alten Tagen wird hier noch Brückengeld erhoben, und zwar für alle Passanten, die oberhalb und unterhalb die Brücke passieren. Der Zoll wird von den Schiffen mittels eines Klingelbeutels erhoben, der, an einer endlos langen Stange befestigt, durch den Brückenwärter mit einer Mischung von Würde und Erwerbseifer herabgeschwenkt wird.

Weiter geht es zum zweiten Hafen der Itzehoer Seglervereinigung, den wir kurz hinter Heiligenstedten bei Bekmünde in einem geschützten Nebenarm der Stör finden. Bei Kasenort mündet die Wilsterau in die Stör. Ein Windsemaphor und Flaggenmast zeigt uns den Liegeplatz der Wilsteraner an. Nun segeln wir bis zum malerisch gelegenen Schifferdorf Beidenfleth, dort legen wir bei dem freundlichen Fährwirt an und lassen uns das „Störwasser" und die „Störkringel" gut schmecken. Dann gleiten wir an Wewelsfleth mit seinem geschützten Priel vorüber und nähern uns, im scharfen Winkel abbiegend, der stimmungsvollen Störmündung. Die Deiche sind weit zurückgewichen. Weit vorgeschoben liegen auf hohen Würfen einsame Gehöfte. Bei Sturmflut von Wasser umgeben und wie kleine Inseln aus dem Meere herausragend.

Am Ende unserer Fahrt angelangt, werfen wir Anker in der geschützten Störmündung. In der Dämmerung blitzen die Leitfeuer der Mündung zu uns herüber, und wie Sterne leuchten die Ankerlichter der Störflotte in die Nacht.

 

Der gute Priel von Wewelsfleth bei tiefer Ebbe.

Hinter den Deichen ducken sich alte rethgedeckte Bauernhäuser auf den Warften.

 

Die historische hölzerne Klappbrücke bei Heiligenstedten, wo Brückengeld erhoben wird.

 

Die Störflotte nach der Regatta vor Kasenort/Wilster.