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1965: Ostfriesland und seine Segelreviere

Mit seinen Binnenseen, dem Wattenmeer zwischen den Ostfriesischen Inseln und der Küste, der Emsmündung soroie den zahllosen Kanälen ist Ostfriesland ein reizvolles Revier für Segler und Motorbootfahrer.

 

Binnenmeere für Jollensegler, sieben ostfriesische Inseln, Wattenmeer und Emsmündung für Seesegler und zahllose, reizvolle Kanäle für Motorbootfahrer, alles das vereinigt ein bisher kaum entdecktes Gebiet: Ostfriesland. Selten, daß sich bis vor einem Jahrzehnt auswärtige Segler dorthin verirrten, ausgenommen die niederländischen Nachbarn und ab und zu einige Briten, die die Vorzüge dieses Gebietes kannten. Das war aber auch nicht verwunderlich, denn von Wilhelmshaven bis Emden gab es keinen Küstenhafen, den man ruhigen Gewissens einem Segler oder Motorbootfahrer empfehlen konnte. Heute haben wasserbauliche Maßnahmen an der Küste auch dieses Gebiet für den Segler und Motorbootfahrer erschlossen.

Wer vom Oldenburgischen, aus der Jade, der Weser oder von weiter her die offene See als Seesegler erreicht, wird gleich von Wangerooge aus im Fahrwasser der Harle dem Festland zusteuern. Es gibt mehrere Möglichkeiten, entweder aus dem Jadefahrwasser durch die Minsener Balje — was aber nur bei Hochwasser möglich ist — oder durch die Blaue Balje — Telegrafen-Bai je — Alte Harle. Von See her, von der An-steuerungstonne Harle über die Tonnen H 1 bis H 4 im Gat zwischen Wangerooge und Spiekeroog hindurch, sind es noch 7 sm bis zum Harlesiel, wo sich ein Stützpunkt der Kreuzer-Abteilung des DSV befindet. Das Fahrwasser nach Harlesiel wird demnächst ausgebaggert und noch breiter und tiefer. Der Schleusenmeister ist bereit, das Boot für 0,50 DM in den als Binnenhafen ausgestalteten Mahlbusen — das alte Außentief — zu verholen. Im Außenhafen mit etwa 120 m Länge und 68 m Breite liegen Krabbenkutter und die Bäderschiffe der Bundesbahn, die Wangerooge anlaufen. Aber trotzdem ist noch Platz für denjenigen, der nicht lange verweilen will. Bei halber Tide kann jede Yacht noch tiefes Wasser erreichen. Seestrand, Seewasserbadebecken mit Sprungturm, Strandhalle mit heißen Duschen und ein Campingplatz verführen meistens zum Bleiben.

Der neugegründete Yacht Club Harle, dessen Segelwart der Schleusenmeister ist, hat die Verwaltung des Stützpunktes der Kreuzer-Abteilung des DSV übernommen. Im schleusengeschützten Alten Außentief gibt es tidefreie Ankerplätze für 100 Yachten bis zu zwei Meter Tiefgang und ein schönes Trainingsrevier für kleine Jollen. Wer einen Tampen in der Schraube hat, kann sein Unterwasserschiff auf einem Slip betrachten. Und sollte die Familie an diesem stillen Sielort Gefallen finden, dann kann das Schiff den Sommer über dort liegenbleiben. Für Wochenendfahrten und Tagesreisen liegen die Inseln Spiekeroog und Wangerooge zum Greifen nahe, und bei einigermaßen Wind ist in 60 Minuten blaues Wasser unterm Kiel.

Der Landungssteg für die Inselschiffahrt auf Spiekeroog bietet keine ideale Anlegestelle. Unter Land schaukeln die Masten einiger Segelboote. Ausbildungsschiffe der Hermann-Lietz-Schule auf Reede! Spiekeroog ist eine schöne Insel, aber noch nichts für Segler. Darum über Stag gegangen und mit achterlicher Brise ins Fahrwasser nach Neuharlingersiel. Pricken, Leitdamm, neuer Hafen, idyllischer Sielort, schönster Flecken an der Küste. Liegeplatz für 20 Yachten. Mittags delikate Seezunge im neuen Hotel. Verdauungsspaziergang im Schloßpark. Frische Krabben direkt vom Kutter. Das sind Kostbarkeiten! Für den mit Trailer ankommenden Segler steht eine Ablaufbahn am Rettungsschuppen zur Verfügung. Bei Hochwasser und Windstärken bis 3 und 4 kann das Jollensegeln auch noch Spaß machen. Aber so malerisch dieser Hafen auch ist, das nächste Hochwasser wird ausgenutzt, um nach Langeoog zu kommen. Am Ende des Leitdamms geht eine Prickenreihe nach Westen über die Bak-Legde, dann Kurs NNO in die Hull-Balje, unterhalb Langeoogs entlang bis zum Hafen. Wie lang ist doch diese Insel! Man muß im Priel trockenfallen und bis zum nächsten Hochwasser warten. Kielyachten bringen Seebeine aus. Die Wattsegelei ist interessant. Tidenkalender und Uhr sind die wichtigsten Utensilien. Wer richtig rechnen kann, segelt immer mit dem Strom, ist immer zur rechten Zeit an der Wasserscheide. Im Hafen und am Anleger von Langeoog ist viel Platz. Eine beachtliche Flotte von Segelbooten ist hier beheimatet, die zum Seglerverein Harlebucht in Esens gehören. Slipanlage und Bootsschuppen liegen am Ostende des Hafens. Telefon gibt es am Inselbahnanleger, und wer Wasser übernehmen will, kann es direkt am Hafen am kleinen Häuschen bekommen, dem Stützpunkt des SVH. Dort kann man sich auch an den Tisch setzen und im Gästebuch mit vielen interessanten Eintragungen blättern.

Auf Langeoog gibt es keine Autos! Dafür aber eine Silbermöwen-Kolonie, einen 14 km langen feinsandigen Strand, Dünen, das Zeltlager des Landessportbundes Niedersachsen an der Melkhörndüne und die Jugendherberge. Wer hätte nicht Lust hierzubleiben, an Bord zu wohnen, das Strandleben zu genießen und von hohen Dünen den Vorbeimarsch der Seeschiffe auf dem Dampferweg zu betrachten. Das Schiff liegt im sicheren Hafen gut! Es gibt Skipper, die lassen ihre Familie an Bord und auf Langeoog Ferien machen, sie selbst fliegen mit Luft-Taxis am Sonntagabend in ihre Betriebe, um am Wochenende wieder dazusein. Und die Bordkinder können mit dem Dingi Privatregatten im Hafen segeln, groß genug ist er.

Am nächsten Tag, eine Stunde vor Hochwasser, ablegen mit Kurs Bensersiel. Das 4 sm lange Fahrwasser ist betonnt. In Heerens Hotel befindet sich der Stützpunkt der Kreuzer-Abteilung DSV. Im Hafen ist es durch Inselschiffahrt und Fischkutter etwas unruhig, und außerdem fällt er fast trocken. Dafür hat Bensersiel aber ein 50 x 100 m großes Seewasser-badebecken mit Sprungturm und eine Liegewiese, Kinderspielplätze und einen Camping-Platz. Man kann Wattwanderungen unternehmen und angeln. Der Hafen wird demnächst umgestaltet; er erhält gute Anleger für Sportboote und eine Ablaufbahn für Trailer. Noch hebt sie der Kranführer am Bahnhof für ein freundliches Wort ins Wasser. Ein Besuch der Bärenstadt Esens lohnt sich immer. Der Bürgermeister, der zugleich Vorsitzender des Seglervereins Harle-bucht ist, zeigt gern den Ahnensaal im Rathaus. Nur in der zweiten Juliwoche jeden Jahres ist er nicht zu sprechen, da feiert ganz Esens das „Schiefscheeten der Schützencompagnie Esens", im Juli 1964 fand es zum 387. Male statt. Wer seinen Törn weiter nach Westen fortsetzen will, legt zwei Stunden vor Hochwasser in Bensersiel ab. Wieder geht es in Richtung Hafen Langeoog, bei der Tonne G/Rute führt der Kurs nach West ins Baltrum-Fahrwasser, das von der Tonne F/Baltr.Watt ab beprickt ist. Wer den Kurs nicht anlegen kann und ein weiteres Sieldorf kennenlernen will, schippert nach SW in die Ackumersieler Balje und dann nach Westeraccumersiel. Interessierte können hier modernste Küstenschutzbauten sehen. Ein neues Siel mit Schleuse läßt einen 120 ha großen Binnenhafen entstehen. Hier wird schon im nächsten Jahr ein idealer Stützpunkt für Segler zu finden sein, mit tiefem Wasser in der Nähe der Schleuse, mit Ablaufbahn für Trailer und mit einem Binnenhafen. Es soll an dieser Stelle einmal gesagt werden, daß die Männer des Wasserbaues und des Küstenschutzes immer Rücksicht auf die Belange des Wassersports genommen haben und alle überzeugend vorgetragenen Wünsche im Rahmen des Möglichen erfüllten. Nur weiß bisher noch keiner, wie der künftige Küstenbadeort heißen wird. Dornumer- oder Westeraccumersiel? Die Namensgebung wird noch dadurch erschwert, daß eine Kreisgrenze beide Orte trennt. Badestrand, sanitäre Anlagen und andere notwendige Einrichtungen sind beispielhaft geplant. Wie lange noch, dann wird der einsame Mast eines Segelbootes, das heute dieses Revier beherrscht, nicht mehr allein sein.

Wattsegelei ist schön und längst nicht so gefährlich wie auf hoher See. Die Inseln halten die große Dünung fern. Auch mit einer Jolle kann man hier einen Törn wagen, wo kaum ein anderes Boot den Kurs kreuzt. Die ersten Ansätze sind bereits da, eine Jollenbahn mit olympischem Kurs auszulegen, die in der See liegt und nicht von der Berufsschiffahrt behindert wird. Das beste Übungsrevier für Favoriten! Vielleicht trainieren hier einmal die Kandidaten für die olympischen Regatten 1968. Segelt man im Watt, dann ist eine vollständige Ausrüstung wichtig! Auch bei schönstem Wetter sollten immer an Bord sein: Seekarte, Uhr, Tidenkalender, Auftriebskörper, Schwimmwesten für jedes Besatzungsmitglied, Signalmittel (schießender Bleistift genügt!), Anker mit kräftiger Kette oder Leine und Paddel. Auch Verpflegung und Getränke gehören zur Standardausrüstung, denn man kann sich leicht verfranzen, und dann sitzt man elf Stunden fest. Und nicht nur dösen, sondern auch das Wetter beobachten. Will man die Insel Baltrum besuchen, muß man schon bei Hochwasser über die seichte Stelle der Steinplatte und dann immer den Pricken nachsegeln. Dann kommen drei rote Spieren, nach denen die Landungsbrücke von Baltrum an Steuerbord querab liegt.

 

Eine 420er-Jolle auf dem Großefehnelcanal bei Ostgroßefehn. Der schon im Jahre 1633 erbaute Kanal, der eine Verbindung zur Ems hat, ist von den Wassersportlern noch nicht entdeckt worden. Rechts im Foto die 1804 errichtete Mühle von Ostgroßefehn.

 

Die Insel Baltrum, das „Dornröschen der Nordsee", hat 450 Einwohner und einen schönen Strand. Der Ort mit seinen roten Klinkerpfaden hat dörflichen Charakter. Die Bezeichnung Familienbad trifft auf Baltrum von allen ostfriesischen Inseln am ehesten zu. Es hat keinen Hafen und keinen Segelclub. Und hinter der Landungsbrücke auf Reede zu liegen, macht nur bei gutem Wetter Spaß. Eine Stunde vor dem nächsten Hochwasser, Leinen los und Kurs Süd. Der zwischen dem Ostende Norderneys und Baltrum eindrückende Hochwasserstrom schiebt das Schiff in die Nessmersieler Balje. Nessmersiel ist ein ungestörter Sielort mit Windmühlen und beschaulicher Ruhe. Sogar einige Segler sind hier mit ihren Booten beheimatet. Sie gehören zum Yacht-Club Norden. Hier ist auch der Heimathafen der Jollensegler und Kanuten des Yacht-Clubs Aurich, die an fast jedem Wochenende zum Ostende von Norderney, den sogenannten Rattendünen, starten. Der östliche Teil der Insel ist eine großartige Dünenlandschaft, in der häufig „Wüstenfilme" gedreht werden. Die vor dem Ostende nach Westen laufende Prickenreihe bezeichnet das Fahrwasser zum Riff Gat unterhalb der Insel Norderney, sie bleibt hart an Steuerbord.

Der Hafen Norderney ist eigentlich immer überfüllt. Der Segler-Verein Norderney hat am Ende des Hafenbeckens seine Anleger. Slip, Bootshalle und Unterkunft sind vorhanden. Mit Rat und Tat ist während des Sommers der Hafenwart zur Stelle. Hier wird ein durchgreifender, bereits geplanter Ausbau des Hafens sehr begrüßt werden. Das niedersächsische Staatsbad Norderney bietet viel Abwechslung: Kurmittelhaus, Seewasser-Wellenschwimmbad, Strandpromenade, Sandstrand „Weiße Düne", Golfplatz, Reitschule, Kurkonzerte und einen gepflegten Kurpark. Für den Segler dürfte die Forschungsstelle Norderney interessant sein, wo Meeresströmungen, Küstensenkung und das Klima laufend gemessen werden. Das von der Tide unabhängige Fahrwasser nach Norddeich erlaubt einen Festlandsbesuch. Der neu ausgebaute Hafen hat Anleger für Sportboote und ist Heimathafen des Yacht-Clubs Norden. Freunde scharfer Sachen können durch Vermittlung des Vorsitzenden des YCN einen Besuch im Hause Doornkaat machen und sich davon überzeugen, daß auch schon Wilhelm Busch von den Folgen des Getränks zu berichten wußte. Die Stadt Norden ist mit der Bahn, dem Bus oder zu Fuß vom Hafen Norddeich aus zu erreichen. Das Heimatmuseum im Alten Rathaus mit der Theelkammer, die Ludgeri-Kirche und die waldreiche Umgebung mit alten Schlössern sind lohnende Ziele für Entdeckungsfahrten.

Der Jollensegler oder Motorbootfahrer, der mit dem Auto dort ankommt, kann auf dem 36 m breiten und 7 km langen Norder Tief bis zum Leybuchtsiel kreuzen. Nur ganz wenige Kenner nutzen dieses schöne Gewässer aus. An der Ley-Bucht werden die Landgewinnungsarbeiten und der stete Kampf mit der See deutlich, Leistungen der Ostfriesen, die noch nie recht gewürdigt wurden. Bei ruhigem Wetter lohnt ein Ausflug nach Greetsiel, dem alten, malerischen Fischerdorf. Erinnerungen an Störtebeker werden wach. Aber auch entgegengesetzt kann das Norder Tief bis Neßmersiel befahren werden, für Motorboote ein reizvoller Wanderweg.

Doch zurück zum Hafen Norddeich. Eine Ablaufbahn für Trailer ist vorhanden, ebenso ein Slip. Vielleicht ist es notwendig, die Seepocken am Unterwasserschiff abzukratzen oder den Seetangbart zu rasieren. Gegen abend beim letzten ablaufenden Wasser wird abgelegt, damit der Strom die Fahrt beschleunigt. Bei der schwarzen Leuchttonne mit Kennung D-Juister Watt beginnt das Fahrwasser nach Juist, das aus-geprickt ist. Dann geht es mit auflaufender Flut und Kurs 270 Grad an der 17 km langen Insel entlang. In der Juister Balje wird im letzten Abendrot geankert und Ankerball sowie Laterne gesetzt. Neugierige Seehunde tauchen am Schiff auf. Frühzeitig Anker auf und weiter mit gleichem Kurs bis zur Landungsbrücke der Frisia-Schiffe in Juist. Die Segelboote liegen neben dem Anleger auf Reede. Der Segel-Klub Juist gewährt im Clubhaus gern Unterkunft und hilft bei Havarien. Ein Slip ist vorhanden und der Segelwart immer anzutreffen. Die Insel hat 1800 Einwohner, und es gibt keine Autos. Schmale Dünenketten, von denen man gleichzeitig die See und das Watt sehen kann, überziehen die Insel. Ein Kurmittelhaus, das Naturschutzgebiet am Hammersee, der Luftlandeplatz mit Segelfliegerschule und Jugendhof, Museen und das Meerwasseraquarium sind gern besuchte Sehenswürdigkeiten auf der Insel. Von Juist aus ist ein Besuch der Vogelschutzinsel Memmert zu empfehlen. Der Inselvogt, der dort mit seiner Familie allein wohnt, wird nach telefonischer Anmeldung gern zur sachkundigen Führung bereitstehen.

Steuert man durch die Osterems in die Horns-Balje, vorbei am unbewohnten Eiland Lütje Hörn, dann erreicht man das Borkumer Wattfahrwasser. Leider gibt es hier keinen Segelclub. Alle Gründungen sind in den Geburtswehen steckengeblieben. Borkum, die größte der ostfriesischen Inseln, am weitesten im Meer gelegen, hat seine besonderen Reize. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, wollte man die Vorzüge Borkums aufzeichnen.

Die allgemeine Abneigung des Seeseglers gegen das Watt wird dann weichen, wenn er sich von der Schönheit der sich ständig ändernden Natur selbst überzeugt hat. Es ist doch interessant, genaue Kurse zu errechnen, um den Tidenstrom als helfende Kraft auszunutzen. Sich im Watt trockenfallen zu lassen und dann auf Entdeckungsrunde zu gehen, wird jedem gefallen. In Borkum wird mit der letzten halben Stunde der ablaufenden Ebbe abgelegt. Der Strom bringt das Boot aus der Fischer Bai je heraus zum Leuchtfeuer Außenrandzel. Bei richtiger Kalkulation trägt die beginnende Flut das Boot im Randzel Gat nach Emden. Vorbei am Möwensteert, wo ständig große Tanker leichtern, zum Binnenrandzel. Im Duke Gat kann der Kurs je nach Wind entweder durch das Ostfriesische Gat je oder längs der holländischen Küste abgesteckt werden. Man folgt den Tonnen mit der Kennung E/l bis E/9, und dann liegt der größte niederländische Emshafen vor dem Bug: Delfzijl ist durch die Masten der „Seute Deern", dem früheren Segelschulschiff, das heute Jugendherberge ist, schon von weitem auszumachen. Durch neuangesiedelte Industrie hat der Ort seinen Fischerdorfcharakter verloren. Aber ein rühriger Segelverein, Neptunus Delfzijl, bietet Anleger und Versorgung zugleich. Es gibt eine Reihe Seesegler von der Ems, die ihr Schiff dort liegenlassen, um am Wochenende von hier aus auf Törn zu gehen.

Wieder auf Reise, immer den Tonnen von E/10 bis E/19 nach. Wer vom Duke Gat ins Ostfriesische Gat je segelt, muß die Tonnen G/l bis G/8 an sich vorbeiziehen lassen. Dann treffen sich beide Fahrwasser, und von E/l3 bis E/19 liegt der gleiche Kurs an. Danach zeigen zwei Molenfeuer die Einfahrt zum Außenhafen Emden. Hinter dem Borkum-Anleger der Inselschiffahrt hat der Emder Segel verein jetzt noch seine Stege. Liegeplatz bekommt man zugeteilt. Demnächst wird der Anleger des ESV auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens zu finden sein, denn eine großzügige Umgestaltung dieses Hafenteils läßt auch für den Segler Vorteile erhoffen. Emden, die größte Stadt Ostfrieslands, ist einen Besuch wert. Der Segler sollte sich unbedingt das neue Rathaus am Delft mit dem Ostfriesischen Landesmuseum, der Rüstkammer und dem Stadtarchiv ansehen. Drei Segelvereine haben zu ihren gastlichen Clubhäusern Verbindung über das Treckfahrtstief zur Kesselschleuse und von dort zum Ems-Jade-Kanal, zum Großen und Kleinen Meer und zum Fehntjer Tief. Alle Vereine haben sowohl Seesegler als auch Jollensegler in ihren Reihen. In den Messen geht es lustig zu, und jeder Gast, der hier einkehrte, ist bisher immer wiedergekommen. Und wer bisher noch keine Gelegenheit hatte, richtigen ostfriesischen Tee zu genießen, der kann es hier. Tee mit Kluntje (Kandis) und Sahne wird fachgerecht mit „Stövchen" serviert.

Da dem Fahrtensegler die Zeit bestimmt knapp geworden ist, denn überall hat er länger verweilt als beabsichtigt, verholt er in den Binnenhafen, legt den Mast und läuft in die Kesselschleuse ein. Der Ems-Jade-Kanal nimmt Yachten bis zu 33 m Länge, 6,20 m Breite und 1,55 m Tiefgang auf. Bei einer Geschwindigkeit von acht Stundenkilometern und gemütlichem Durchschleusen wird motort. Auf zwei lange Hupsignale öffnen sich die Brücken. Es geht quer durch das flache, eindrucksvolle Ostfriesland. Vorbei an seiner Regierungshauptstadt Aurich, durch Torfmoorgebiete, Marsch und Geest. Dann kommt Wilhelmshaven in Sicht, und dieser Törn geht damit zu Ende.

Die meisten Wander Jollen und Motorboote erreichen das ostfriesische Segelrevier über den Dortmund-Ems-Kanal und den Küsten-Kanal. Die Ems bietet von Papenburg bis Wee-ner noch alle Reize eines ungebändigten Flusses. Ebbe und Flut wirken auch hier noch, und der Wasserwanderer kann sich aussuchen, ob er mit dem Strom flußauf- oder -abwärts fahren will. Weener, die Stadt am linken Emsufer, hat einen Hafen mit Bootssteg, Slip und Bootshaus. Der Seglerverein Weener beherbergt gern Gäste; auf dem Vereinsgelände kann gezeltet werden. Die nahe holländische Grenze lädt zu Ausflügen nach Neuschanz und Groningen ein. Wer etwa 10 km weiter stromabwärts segelt, kommt an die Einmündung der Leda und zum Hafen Leer. Hinter der Schleuse liegt die großräumige Anlage des Segler-Vereins Leer, in dem etwa 50 Segel- und Motoryachten beheimatet sind. Das neue Clubhaus, Bootshalle mit Slip und Werkstatt bieten allen notwendigen Komfort. Über das Ems-Fahrwasser können hier alle Einzelheiten erfahren werden, und wer sich unsicher fühlt, findet einen Segelkameraden, der ihn nach Emden lotst. Für den Motorbootwanderer beginnt hier ein interessanter Törn ins Binnenland mit einer Fahrt durch stille Kanäle und eine reizvolle Landschaft. Ungestört von der Berufsschiffahrt geht es die Leda stromauf, bis vor Stickhausen der Nordgeorgs-fehn-Kanal einmündet. Weiter im Kanal, der noch von der Besiedelung der Moore aus friderizianischer Zeit zeugt. Durch schier endlos scheinende Weiden und schmale Grundstücke gelangt der Bootsfahrer nach Wiesmoor. Vor fünfzig Jahren erst aus dem Moor erstanden, ist es einen Besuch wert. Im gastlichen Torfkrug oder im Blauen Fasan wird Tee am Torffeuer serviert. Blumenkulturen, Deutschlands größte Gewächshausanlage, ein Hallenschwimmbad und die Freilichtbühne, aber auch die Torfgewinnungsbetriebe sind einen Besuch wert. Gemütlich werden die wenigen Schleusen bedient, und dann mündet dieser Kanal in den Ems-Jade-Kanal, der in westlicher Richtung über Aurich nach Emden befahren werden kann. Nach Osten zu gesteuert, erreicht man Wilhelmshaven. Ziel dieser Fahrt sollen aber die ostfriesischen Binnenmeere sein. Der Segler oder Motorbootfahrer hat inzwischen die Stadt Leer kennengelernt, einen Besuch im Weinhaus Wolff gemacht und in der historischen Gaststätte „Zur Waage" gespeist. Das Glockenspiel vom Rathausturm mit einem Wanderlied erinnert ans Ablegen. Bei beginnender Ebbe geschleust, wird mit dem Strom die Leda und die Ems abwärtsgeschippert. Die Straßenbrücke öffnet sich auf zwei lange Signale, und vorbei geht es an außendeichs liegenden Ziegeleien. Das Fahrwasser ist betonnt, an Steuerbord rote Spieren, an Backbord schwarze Tonnen.

Da sind Masten am linken Flußufer: Jemgum, ein kleiner Flecken mit einem rührigen Seglerverein. Der Kirchturm läßt erkennen, daß er früher auch Leuchtturm war. Der Fährmann am Fluß gibt Aufklärung über den weiteren Flußlauf, der hier schon beachtlich breit ist. Frischer Aal direkt vom Fischer ist etwas für die Bordküche. Und dann geht es weiter in Richtung Emden. Bei bewegtem Wasser wird Eignern kleinerer Jollen empfohlen, den Dortmund-Ems-Kanal von Oldersum aus zu benutzen, denn bei der Einmündung in den Dollart stehen bei ablaufendem Wasser und westlichem Wind ganz beachtliche Seen. Kaum ist Ditzum am letzten Zipfel des an Backbord liegenden Rheiderlandes passiert, hat man den Dollart vor dem Bug. Am Zollwachschiff wird angelegt oder im Vorbeifahren das Ziel Emden genannt. Die gleiche Route kann auch einem Motorbootfahrer vorgeschlagen werden. Sein Boot muß nur mit Rudern und starkem Anker mit genügender Kette ausgerüstet sein, damit ihn bei Motorpannen nicht der Ebbstrom auf die offene See treibt. Man läuft in den Emder Außenhafen ein, schleust und erfragt bei den Vereinen in der Stadt einen Liegeplatz. Von hier aus stehen dem Wanderjollen-Segler und dem Motorbootfahrer viele Routen für Ausflüge zur Verfügung. Die Fahrt durch das Treckfahrtstief zum Großen und zum Kleinen Meer wird Eindrücke hinterlassen, die unvergessen bleiben. Jedoch sollten die Boote bei diesen Gewässern keinen größeren Tiefgang haben als 0,30 m. 480 ha Wasserfläche, in der Woche kaum befahren, bilden ein Paradies für den, der die Natur liebt. Er braucht auch nicht umzukehren, denn der Nordabfluß des Großen Meeres, das Till- oder Marscher-Tief, gibt die Möglichkeit, einen Abstecher nach Greetsiel zu machen. Allerdings nur mit gelegtem Mast und unter Motor, denn die Durchfahrtshöhe der Brücken liegt bei 2,50 m. Greetsiel mit seiner Kutterflotte, das immer mehr in das Binnenland rückt, nachdem durch Landgewinnungsarbeiten die Ley-Bucht ganz trockengelegt werden soll, ist ein bekanntes Malermotiv.

Die zweite Route von Emden aus geht durch das Fehntjer Tief zum Bans Meer und zum Sandwater. Wasservögel, Seerosen und viele seltene Pflanzen geben dem Fotoamateur Motive, um die ihn jeder beneiden wird. In den Kanälen können Boote bis zu einem Tiefgang von 0,60 m fahren. Zum Schluß bleibt noch die Fahrt auf dem Ems-Jade-Kanal zu erwähnen. Ebenfalls unter Motor und mit gelegtem Mast geht es über Aurich nach Wilhelmshaven.
Und was bietet Ostfriesland dem Regattasegler? Im Küstengebiet und auf den Inseln sind die Seeregatta vor Norderney, die Regatta im Juister Watt und die Seeregatta vor Langeoog längst bekannte und gutbesuchte Wettfahrt-Veranstaltungen. Im Emsgebiet gibt es eine Reihe von Wettfahrten, deren bedeutendsten die Emden-Borkum-Regatta, die Pfingst-Ems-Tocht vor Delfzijl, die Termünter-Regatta, die Ems-Regatta vor Ditzum, die Ems-Regatta Emden-Jemgum und die Ems-Regatta Weener-Halte sind. Auf dem Kleinen Meer kämpfen die Jollensegler auf olympischem Kurs fast jedes zweite Wochenende um die Preise. Es gibt außerdem auch Hafenregatten, Lampionfahrten, Fahrten zum Schollenfang mit den Senioren und viele gemeinsame Vereinswanderfahrten.

 

Der Leuchtturm von Norderney. Neben dem viereckigen Wasserturm, der Wetterwarte und Kirche ist er auf der Insel eine markante Landmarke und ein wichtiges Feuer. Auch für die im Watt kreuzenden Segler.