0 allgemein Horizont

1977: Griechenland

Unter Kennern gilt das Ägäische Meer als eines der schönsten Segelreviere Europas. Blauer Himmel, klares Wasser, stille Buchten, Wind - es fehlt an nichts. Und es gibt viel zu sehen und zu erleben. Dieser Törn-Bericht vermittelt einen Eindruck von den Schönheiten des Landes, das vom Tourismus noch nicht voll erobert ist.

Dort, wo von Zeit zu Zeit politische Gewitterwolken den blauen Horizont verdunkeln, weil das unter dem Meeresboden lagernde Erdöl die Begehrlichkeit der Anrainerstaaten geweckt hat, liegt ein Segelrevier, das bei Kennern als eines der schönsten in ganz Europa gil t. Es ist das Ägäische Meer zwischen Griechenland und der (türkischen) kleinasiatischen Küste, das von einer Vielzahl kleiner und größerer Inseln übersät ist. Bisher konnte glücklicherweise das mitunter aufkommende gefährliche Säbelrasseln in Athen und Ankara die Idylle dieses zauberhaften Gebietes nicht zerstören.

Ein Segeltörn in diesen Gewässern geht meist von den Yachthäfen von Glyfada vor den Toren von Athen aus, wo Schiffe aller Größen und Nationalitäten Mast an Mast nebeneinander festgemacht haben. Dort haben auch die meisten Chartergesellschaften ihre Boote liegen. Neben den guten Versorgungseinrichtungen, die in den griechischen Segelrevieren leider noch nicht im wünschenswerten Maß vorhanden sind, gibt es für Athen als Ausgangshafen noch einen zweiten Grund: Die Anreise per Charter-Jet in die griechische Hauptstadt ist für die Bootsbesatzungen recht bequem und überdies relativ preisgünstig.

Es gibt zahllose Routen durch die griechische Inselwelt, und selbst erfahrene Segler geraten in Verlegenheit, wenn man sie nach der schönsten Strecke fragt. Wohin man den Bug auch wendet, ob nach Nordosten zu den ostägäischen Inseln wie Chies und Lesbos, ob nach Südosten zu den Kykladen oder weiter zum Dodekanes (Rhodos) nahezu überall findet man kleine, romantische Fischerhäfen oder verschwiegene Buchten zum Ankern, in denen das Wasser noch so klar ist, wie es sich Adria-Besucher nur erträumen können. Das Baden ist ein riesiges Vergnügen, und auch das Tauchen macht Spaß.

Der Retsina schmeckt mit jedem Schluck besser

Wer sich am frühen Nachmittag in Glyfada einschifft und nicht eine Nacht dort liegen bleiben will, weil die startenden Flugzeuge vom internationalen Airport direkt über die Mastspitzen hinwegdonnern, für den bietet sich als erstes ein kleiner Schlag von wenigen Seemeilen nach Ägina. An der Ostküste gibt es eine hübsche Ankerbucht vor Agia Marina, die jedoch wegen ihrer ungeschützten Lage nur bei einigermaßen ruhiger See zu empfehlen ist. Am Strand befinden sich ein paar Lokale mit strohüberdachten Freisitzen, in denen man erstmals mit dem Retsina in Berührung kommt, jenem geharzten Weißwein, der für mitteleuropäische Gaumen zunächst einmal Überwindung kostet, mit jedem Schluck aber besser schmeckt. Für historisch Interessierte ergibt sich hier gleich die Gelegenheit zu einem Ausflug zu dem im Innern auf einer Anhöhe gelegenen Aphaia-Tempel, von dem aus man an klaren Tagen einen schönen Blick auf das Festland hat.

Man soll es zu Beginn eines Segeltörns langsam angehen lassen, namentlich dann, wenn der Skipper eine Crew von drei Männern an Bord hat, die lediglich Gelegenheitssegler sind. Deshalb war die nächste Etappe auch nicht viel mehr als ein Katzensprung. Es ging zur Insel Methanon hinüber, wo es im südlichen Teil einen sehr gut geschützten Hafen gibt - Methana. Nur wenige Schritte sind es von dort bis zur Strandpromenade eines immer stärker von Touristen besuchten Dorfes; hier muß man im Hochsommer abends schon Glück haben, wenn man noch einen freien Stuhl vor den Kneipen ergattern will.

In Poros machten wir unsere Contest 33 nur kurz an der Pier fest, um Vorräte zu ergänzen. Es sollte nach geruhsamem Auftakt der Ausgangspunkt für eine Nachtfahrt nach Mykonos sein, zu der wir am frühen Nachmittag aufbrachen. Bei Windstärke 4 aus NNO wollten wir am nächsten Tag vor dem Mittagessen in Mykonos sein. Doch es kam anders. Gegen Abend briste es kräftig auf, die Genua mußte der Fock weichen, und das Großsegel bekam zwei Reffs. Zwischen 21 und 23 Uhr wurde klar, daß uns der Meltemi erwischt hatte, jener gefürchtete Nordost, der vor allem in der Nordägäis anzutreffen ist und dort bei strahlend blauem Himmel im Hochsommer oftmals 8 bis 9 Windstärken erreicht. Wir bekamen nur noch die Ausläufer zu spüren, doch herrschte noch immer Windstärke 7 bis 8 im Verein mit einem Seegang, der uns ganz schön zu schaffen machte.

Gegen zwei Uhr nachts, als abzusehen war, daß wir hätten aufkreuzen müssen, um die Durchfahrt zwischen den Inseln Kea und Kithnos zu schaffen, fiel die Entscheidung, Mykonos ade zu sagen und nach Süden mit dem Wind abzulaufen. Mit eingeholtem Großsegel, nur unter der Fock, begaben wir uns auf die Berg- und Talfahrt mit den Wellen von achtern. Am frühen Morgen war dann der Spuk auch schon wieder vorbei. In einer gutgeschützten Bucht im Süden der Insel Serifes gab es ein deftiges Frühstück und viel Zeit, um die naßgewordenen Sachen zu trocknen.

Wir brauchten den Kurswechsel auch keine Sekunde zu bereuen, denn auf Milos, das wir nach einigen romantischen Inselpassagen erreichten, fanden wir eine entzückende Bucht. Ein winziges Nest, Apolonia, an der Nordwest-Ecke der Insel gelegen, hat ihr den Namen gegeben. Hier, wie in so vielen anderen Orten auf den Inseln, ist das Leben noch nicht vom Tourismus infiziert. Nur selten verirrt sich eine Yacht hierher. Zum Anlegen steht eine kleine Mole zur Verfügung. Am Morgen kann man hier Fische aus dem nächtlichen Fang für eine köstliche Mahlzeit an Bord kaufen. Ein kleiner Gemischtwarenladen führt überdies alles, vom Schuhband bis zur Kartoffel. Für den Besucher, der hier landet, scheint die Zeit stillzustehen, die Weiterfahrt gerät fast in Vergessenheit.

Hier ist man sicher, wenn der Meltemi bläst

Nur etwa 50 Seemeilen von Milos entfernt lockt indes Santorin. Der in diesen Junitagen etwas launische Wind zwang uns zu einem kleinen Umweg über los. Dort gibt es einen gut geschützten Hafen, zu dem nur eine schmale Zufahrt führt, und ein reizvolles Städtchen mit dem gleichen Namen wie die Insel, dessen Zentrum sich um die Anlegeplätze gruppiert. Die ringsum aufragenden Berge geben auch dann noch genügend Schutz, wenn der Meltemi einmal mit voller Kraft über die See bläst. Allerdings sind hier die Spuren des aufstrebenden Fremdenverkehrs bereits sichtbar, vor allem an Hand der Preise auf den Speisekarten der verschiedenen Lokale am Hafen. Weniger zufriedenstellend sind die Versorgungseinrichtungen ; es gibt dort weder einen Schlauch zur Übernahme von Wasser noch eine Tankstelle, Verhältnisse, auf die man sich durch Lektüre von Ulrich Mohrs "Bootsurlaub im Mittelmeer" allerdings gut vorbereiten kann.

Der Mißmut, den das Schleppen von Wasserkanistern verursacht, ist jedoch schnell vergessen, wenn man sich, wie in unserem Fall, unter Spinnaker einem der Höhepunkte der griechischen Inselwelt, nämlich Santorin, nähert. Ein gewaltiger Vulkanausbruch hat diese ehedem kreisrunde Insel Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. zu einem eindrucksvollen Fragment werden lassen. Es ist ein großartiger Anblick, wenn man von Norden her in das Becken einfährt, das sich durch das Absinken des Mittelteils der Insel gebildet hat.

Wer nach Thira will, muß 564 Stufen erklimmen

Fast 400 Meter hoch ragen die Felsen dort senkrecht aus dem Meer. Rings um dieses Becken stehen, Mahnmalen an die Naturkatastrophe gleich, die Überreste jener Inselwelt, die durch Eruption in zerklüftete Klippen verwandelt wurden. Das Schicksal dieser Insel hat die Phantasie ganzer Forschergenerationen beflügelt, die hier das sagenhafte Atlantis vermuten. Santorin, gelegentlich auch Thira genannt, ist eine der Hauptattraktionen der Kykladen; beinahe jeden Tag machen hier Kreuzfahrtschiffe 'fest, die Touristen zu Hunderten in Barkassen an Land bringen. Auf diejenigen, die den steilen Serpentinenweg mit seinen 564 Stufen nicht zu Fuß erklimmen wollen und das sind die meisten -, warten Dutzende von Mulis mit Treibern, um sie gegen ein Entgelt von umgerechnet drei Mark hinaufzubefördern. Der Blick, der sich dem Betrachter oben auf dem eng an die Klippe gebauten Ort Thira bietet, ist wahrhaftig überwältigend. Die geheimnisvollen Inselreste mit ihren bizarren Oberflächen aus erstarrter Lava erinnern an eine Mondlandschaft. Das tiefblaue Meer und die wie Spielzeugschiffe wirkenden Musikdampfer in der Tiefe bilden den kontrastreichen Hintergrund.

Ebenso aufregend wie der Ausblick von der Klippe kann auch der Aufenthalt an der Pier zu Füßen der Stadt sein. Bei westlichen Winden ist es kein Vergnügen, dort festzumachen, denn dann rollt die See ziemlich ungehindert in die kleine Bucht. Außerdem gibt es für jenen Teil der Pier, der den Yachten zugewiesen ist, nur eine Festmachertonne. So kann es einem leicht passieren, daß man früh um fünf Uhr aus einem seligen Schlummer gerissen wird, weil das Nachbarboot nur ablegen kann, wenn drei weitere Schiffe ebenfalls vorübergehend ihre Leinen losmachen.

In Santorin waren die 14 Tage, die wir für den Törn zur Verfügung hatten, schon bis auf einen kläglichen Rest von drei Tagen zusammengeschmolzen, unser Endziel Rhodos aber noch fern. Hauptsächlich mit Motor schafften wir es an einem Tag bis Astipalea. In der herabsinkenden Dunkelheit, gingen wir dort vor Anker, doch zwang uns der auffrischende Wind, der in die ungeschützte Bucht blies, in der Nacht anzulegen.

In Mandraka ging uns der Rummel auf die Nerven

Besser trafen wir es dagegen am nächsten Abend vor Tilos, wo wir einen idealen Ankerplatz im Südwesten der Insel ausfindig machten. Nach den beiden beschaulichen Abenden in einsamen Buchten ging uns der Rummel im Yachthafen Mandraka von Rhodos um so mehr auf die Nerven. Dort war bereits Mitte Juni die Fremdenverkehrs-Saison angelaufen mit all jenen Attributen, denen man durch das Küstensegeln glücklicherweise entfliehen kann. Am letzten Abend auf der brechend vollen Promenade, überflutet von Autolärm und -Gestank, sehnten wir uns alle zurück in die stille Beschaulichkeit der Apolonia-Bucht. Segeln in Griechenland hat seinen eigenen Reiz durch die vielen unberührten Gestade und die Menschen, die dem Fremden mit selten erlebter Herzlichkeit begegnen. Segeln ist hier etwas schwieriger als an der jugoslawischen Küste zum Beispiel, doch liegen die Inseln auch in der Ägäis so dicht beisammen, daß man in der Regel nicht mehr als 30 bis 40 Seemeilen bis zum nächsten einigermaßen geschützten Hafen überbrükken muß. Das Wasser ist meist schon in unmittelbarer Nähe der Küste so tief, daß man mit einem Kielboot keine Probleme hat.

Im Hochsommer kann es gefährlich sein

Die Saison beginnt Ende März und dauert bis Ende Oktober. Wer zum ersten Mal hier kreuzen will, der sollte möglichst nicht im Hochsommer fahren, denn dies ist die Zeit des Meltemi, der mitunter auch erfahrene Segler in Schwierigkeiten bringen kann. Gemäßigte Winde, vorwiegend aus Nordwest, trifft man im Frühjahr und im Herbst an.

Die Ägäis ist vor allem etwas für diejenigen, die gern ihre warmen Pullover oder das Ölzeug in der Backskiste lassen. Schon im Mai erreicht die Lufttemperatur durchgehend 20 Grad, und auch im Oktober noch klettert das Thermometer auf diese Höhe. Dazwischen sind es dann im Durchschnitt 26 Grad, was jedoch keineswegs identisch ist mit den Höchsttemperaturen. Die Sonne scheint zudem an durchschnittlich 315 Tagen im Jahr, so daß eigentlich nur ausgemächte Pechvögel mehrere Tage hintereinander bewölkten Himmel über sich sehen.

Griechenland ist ein ideales Revier, sowohl für jene, bei denen das sportliche Segeln dominiert, als auch für den, der ein Auge hat für eine zauberhafte Landschaft. Und natürlich kommen Bildungshungrige auf ihre Kosten, denn die Spuren einer großen Geschichte finden sich allenthalben.

Helmut Maier-Mannhart

 

So wie hier in Poros sieht es in vielen griechischen Häfen aus: Dichtgedrängt
liegen die Boote an der Pier. Sie sind zumeist schon etliche Jahre alt. Neubauten
sind Mangelware.

 

Eine Contest 33 unter vollen Segeln. Mit einer solchen Yacht ging es durch die
griechische Inselwelt. Sie ist für erholsame Urlaubstörns sehr gut geeignet.

 

Für Bildungshungrige ist Griechenland genau das richtige Reiseland, denn die
Altertümer muß man natürlich gesehen haben: Tempel der Athene in Lindos
auf der Insel Rhodos

 

Blick von der alten Stadt Thira aufs Meer: Die Touristen kommen in großer Zahl.