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Schlichting-Werft, Lübeck-Travemünde

Der Name Schlichting hat im deutschen Schiffbau einen guten Klang, trug doch eine bedeutende mittelständige Werft in Lübeck-Travemünde diesen Namen.
Der Gründer der Schlichting-Werft in Travemünde Johannes Schlichting wurde am 8. August 1872 in Travemünde als ältester Sohn des Bootsbauers Franz Johann Heinrich Schlichting, der bereits in Travemünde einen Bootsbaubetrieb besaß, geboren. Im Alter von 26 Jahren gründete er 1898 sein eigenes Unternehmen zunächst unmittelbar im ältesten Teil Travemündes. Zusammen mit seinem Bruder Heinrich und wenigen Mitarbeitern entwickelte sich das Unternehmen soweit, daß ein Gelände auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Priwall erworben werden konnte, auf dem eine großzügige angelegte Bootswerft entstehen konnte.
Schon bald konnten Yachten und Boote in großem Umfang gebaut werden, so daß die Schlichting-Werft einen guten Ruf unter Seglern gewann.
Im ersten Weltkrieg wurden für die Kaiserliche Marine größere Aufträge an Rettungsbooten ausgeführt. Nach dem ersten Weltkrieg konnten im größerem Umfang Hallen zum Lagern von Yachten und zur Reparatur von hölzernen Fahrzeugen aller Art von Johannes Schlichting errichtet werden.
Auch größere Segelyachten bis 20 m Länge besonders auch für Berliner Segler und stählerne Fahrzeuge - insbesondere Rettungsboote - wurden nach dem ersten Weltkrieg in Travemünde gebaut. Ein interessanter Umbau war der des früheren Lotsenschoners Cuxhaven in die später sehr bekannt gewordene Atalanta. Die Werft von Hugo Peter in Wewelsfleth hatte in den Jahren 1901 bis 1906 drei dieser schönen Schoner für den Hamburger Lotsendienst gebaut, die Ende der zwanziger Jahre ausgemustert wurden. Die Schlichting-Werft baute 1930 in nur 58 Tagen aus dem einfachen Lotsenschoner eine der schönsten Segelyachten überhaupt, die jahrzehntelang Glanzstück der Kieler Woche nach dem zweiten Weltkrieg gewesen ist.
Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wurde die Werft in erheblichem Umfang an dem Aufbau der Kriegsmarine beteiligt, so daß die Belegschaft schnell auf mehrere hundert Mitarbeiter zunahm. Schon in den zwanziger Jahren war Johannes Sohn Rudolf Schlichting, geboren am 11. Februar 1904, in die Firma eingetreten, nachdem er nach einer Lehre ein Studium des Schiffbaus an der Ingenieurschule Hamburg absolviert hatte. Vater und Sohn haben zielstrebig den Betrieb ausbauen können, so daß man nach dem zweiten Weltkrieg sofort wieder erfolgreich Boote und kleinere Yachten bauen konnte. 1944 übernahm Rudolf Schlichting die Werft von seinem Vater.
Am 20. Juni 1946 verstarb der Firmengründer. Bedauerlicherweise starb im gleichen Jahr auch Rudolf Schlichting am 19. September. Bis Mitte der fünfziger Jahre blieb das Unternehmen noch ein Familiebetrieb und ist dann an den Hamburger Reeder und Schiffbauer A. Harmstorf verkauft worden, der das Unternehmen zu einer der modernsten mittelständischen Werften überhaupt ausgebaut hat.
Im Verlauf der großen Werftenkrise in den achtziger Jahren ist die Schlichting-Werft in Konkurs gegangen, so daß der Name Schlichting in Travemünde nur noch Geschichte ist. Auf dem heutigen Gelände des Rosenhofes auf dem Priwall erinnert nur noch sehr wenig an vergangene Tage und ein sehr wichtiges Stück der Geschichte Travemündes droht in Vergessenheit zu geraten.

Quellen

  • 100 Jahre Schiffbautechnische Gesellschaft Biografien S. 432

 

Zur Person Johannes Schlichting siehe auch:

  • Johannes Schlichting

 

Abfrage Schlichting in unserer „Yacht“-Datenbank:

Luftaufnahme der Werft ohne große Schiffbauhalle

Die Werft von Travemünde aus

Stapellauf der Sterna 1982

Büro der Schiffbaukonstruktion

Motorjolle im Bau 1937