"Hera" - 8 KR

Text: Omar

Erinnerungen einer 50-jährigen Lady

Ich musste zurück an den Schauplatz meiner Erinnerungen, wollte es noch einmal wissen, gehörte ich doch keineswegs zum alten Eisen und Torfmull! Die Kur beim Martin Josef war für mich wie ein Jungbrunnen gewesen, meine Mahagonihaut wieder glatt, die inneren Organe bereiteten mir keine Sorge mehr. Vor der langen Autofahrt hatte ich zunächst etwas Angst gehabt, ob meine Eichenknochen das Holpern und Schütteln aushalten würden.

Doch als ich im Frühjahr 2001 im berühmten Kurort Travemünde von dieser Art Rollstuhl gehoben wurde und mein erstes vorsichtiges Bad in der Ostsee nahm, fühlte ich mich gleich wieder zu Hause. Wie endlos sich das Wasser dehnte, keine verschneiten Berge engten den Horizont ein oder sandten heftige Böen herab, selbst die niedrige Steilküste Richtung Niendorf wirkte im klaren nordischen Licht wie eine sanfte Dünenlandschaft, an deren Fuß die kleinen Wellen schlugen.

Hier lernte ich zufällig einen meiner jüngeren Cousins kennen, den Krause Andreas, der sich vor vier Jahren als Bootsbauer selbstständig gemacht hat und manchmal Besuch von meinen Schwestern hat. Wir sollten uns im Laufe des Jahres noch mehrmals begegnen. Auf diesem Meer hatte ich ab 1951 den größten Teil meiner Jugend verbracht, war mit meinem Bauherrn und Andreas‘ Großvater, dem Rasmussen Jimmy, oft nach Schweden gereist, vor allem aber nach Dänemark, um Freunde und Verwandte zu besuchen und die Sommer zu genießen. Er wusste, was er wollte: einen modernen, seetüchtigen Tourenkreuzer mit handiger Takelage und von zwei Mann in jeder Lage zu bedienen. So bin ich dann auch entstanden, wurde „Hera“, die dritte getauft und habe bis heute meinen edlen Charakter behalten, weil nie jemand an mir herumgepfuscht hat, alle waren höchst zufrieden mit mir.

1954, nachdem der Chef seine vierte „Hera“ gebaut hatte, verkaufte er mich an seinen Freund, den Horn Fritz vom Hamburger NRV, und der nannte mich „Skjold XV“. (Als ob er schon 14 gehabt hätte...) Aber regattieren konnte der auch, heilig‘s Blechle, haben wir Silber abgeräumt: In sieben Wettfahrten gewann ich sechsmal den ersten und einmal den zweiten Preis, dazu zwei Sonderpreise und einen Herausforderungspreis nach R.O.R.C, das hat sogar der Rasmussen Jimmy in einer Anzeige als Werbung für seine Werft geschrieben. 1959 lief es in der Nordseewoche wieder optimal: Hamburg-Cuxhaven erster Platz, Cuxhaven-Helgoland 1. Platz, Rund Helgoland erster Platz, Helgoland-Cuxhaven erster Platz und damit der endgültige Gewinn des Seefahrtpreises. Das waren noch Zeiten! Später, als ich dann nacheinander „Akka“, „Sadhana“ und „Liv“ hieß, brauchte ich meine Kunst nicht mehr so oft zu zeigen, aber als der Peter kam, hat es mir richtig im Steven gejuckt, mal wieder meine Grenzen auszuprobieren, wenn auch erst mal „nur“ am Bodensee.

Foto aus der "Yacht", 1952

Zurück an die Ostsee: Im Mai fuhr ich nach Neustadt, weil ich äußerst neugierig darauf war, wie heutzutage unseresgleichen hier Sport treibt und feiert. Skeptisch betrachtete ich die neueste Mode, die es auch bei uns am Konstanzsee den älteren Damen angetan hat: Glänzen wollen sie, sich mit hochwertigen Metallen schmücken und die teuerste Elektronik mit sich herumschleppen. Als ob die Mechanik unsicher und gefährlich sei! Na ja, immerhin besitze auch ich ein Radio für den Wetterbericht, damit ich weiß, was ich am besten anziehe.

Die Kleider sind allerdings hierzulande der letzte Schrei. Wie ungewaschen sehen sie aus, grau oder sogar schwärzlich statt mattweiß wie früher. Und dazu grellbunte Schals mit merkwürdigen Zeichen und Schriftzügen, die ich überhaupt nicht verstehe: "Hammer-Gruppe" oder "Telepizza"! Was hat das mit unserem weißen Sport zu tun?

Zum Glück fand ich dort eine überraschend große Gruppe Gleichaltriger und Gleichgesinnter, die sich von Herren in blauen Blazern und Tuchhosen verwöhnen lassen. Diese Gentlemen sind umso stolzer, desto älter ihre Dame ist, und berichten ausgiebig darüber, wie kompliziert und teuer doch wieder die letzten Neuanschaffungen und wie aufregend die Reise hierher gewesen sei. Ihre Haare sind zwar ein bisschen lang, aber was toleriert man nicht, um den Glanz in ihren Augen zu sehen, wenn sie uns begrüßen und uns stundenlang sorgsam zurecht machen, dass auch ja alle bestätigen, wie schön wir seien?

Mein Eigner, der Peter, wurde ganz aufgeregt, als er die Anweisungen für die samstägliche Spazierfahrt in Händen hielt. Diese Zettelwirtschaft lässt mich nach so vielen Jahren ganz kalt, mir ist es egal, ob wir links oder rechts herum, im Zickzack oder wie im Vollrausch torkelnd die Strecke abfahren. Allerdings war auch Peters Freund mitgekommen, der weiß am besten, wie man mich am Bodensee zur Eile antreibt, und saust meistens mit mir um die Wendemarken wie die Gerg Hilde am Steilhang. Auch diesmal durfte ich alle Garderobe, die ich besitze, gleichzeitig vorführen. Sogar zwei Frauen halfen mir dabei, die eine war "auf der Walz" und fasziniert von dem vielen Holz, das sie zu sehen bekam, die andere hantierte ständig mit ihrem Fotoapparat, wenn mir nicht gerade Peter auf der Nase herum tanzte und brüllte: "Höher 'ran!", so dass alle an meinen Schnüren zupfen und zerren mussten.

Nach dem Start machte ich erst mal ordentlich Fahrt, denn all das Zupfen und Zerren war erfolgreich und ließ mich förmlich über das Wasser schweben. Meine Herrschaft berechnete wild die Kurse und diskutierte heftig, ob und wann mein Schleier auch noch aufgezogen werden sollte. Dann war es schließlich soweit. Heißa juche, wie die Gischt schäumte! Da kam es wieder, dieses Gefühl von damals, das ich so vermisst hatte, und auch der Peter freute sich, weil er noch nie auf einem richtigen Meer gesegelt ist, außer auf dem bayrischen.

Einige meiner Schwestern habe ich ganz schön um die Tonnen gehetzt und bin als Neunte durchs Ziel gegangen, aber in der Klasse der großen Yachten kam ich sogar auf den vierten Platz, nur eine halbe Stunde hinter der Schnellsten, „Trivia“, und das will, so hörte ich, schon was heißen. Na, jedenfalls musste der Peter das ganze Wochenende von all seinen Erlebnissen mit mir berichten, und das hat er sehr gern getan.

Sein heimlicher Traum ist nämlich eine Weltumsegelung, und er überlegt dauernd, ob er mich dazu mitnehmen kann. Aber eigentlich, meint er, sei ich zu schade dafür, obwohl, bei meinen Segeleigenschaften, da kann man es schon gut aushalten bei mir an Bord, und meine 13 Meter bieten auch einigen Platz. Aber ich glaube, so endgültig möchte er gar nicht von zu Hause weg, und da rede ich ihm auf gar keinen Fall rein.

Bald nach Neustadt stand Flensburg auf seiner Liste der Muss-Events. Da haben wir uns noch gesteigert und sind auf den dritten Platz gekommen. Diese „Feolinn“ ließ sich einfach nicht abhängen! Flensburg war allerdings auch meine Wohnung, wenn der Peter für eine Weile in seine Heimat zurück musste. Das ist mir aber überhaupt nicht gut bekommen. Ich kann euch sagen, der tropische Regenwald ist nichts gegen diesen Unterwasserbewuchs. Dabei hatte ich das beste Make-up, das die Yachtdrogerien hergaben. Ich fühlte mich, als hätte mir ein böser Bube einen Eimer am Ruder festgebunden. Schon beim Rendezvous der Klassiker war das zu spüren, ich kam nicht richtig von der Stelle und wurde nur Klassensiebte, in der Svendborger Regatta auch nur Sechste.

Der absolute Absacker ereilte mich vor Laboe. Meine Güte, hat der Peter geflucht. Aber zuletzt war der Wind auch eingeschlafen, da machte sogar mein Schleier schlapp. Aufgeheitert haben uns vier echte Bayern vom Chiemsee, wo sie auf Plätten herumfahren, da muss ich immer an Bügeleisen denken. Doch die kleinen Bötchen, die sind ganz hübsch, und die Vier segelten mit und haben erzählt, wie auf ihrem See in Sekunden ein Sturm losbrechen kann und alle Boote kentern. Das kommt eben davon, dass man durch all die Berge nicht durchsehen kann, hier auf der Ostsee siehst du das alles rechtzeitig und kannst in den Hafen fahren.

Tja, nun war die Saison beendet, und da hat sich der Peter entschlossen, mit mir Schluss zu machen. Nicht weil wir uns gram sind, aber plötzlich wollte er lieber ein Motorboot haben. Er hätte doch nur meinen Bewuchs abkratzen müssen. Da versteh einer die Männer!

Aber schon hat sich ein anderer in mich und meine schöne Figur verguckt. Und jetzt segele ich wieder auf dem Bodensee. 50 Jahre sind vergangen, und ich bin froh und dankbar, dass sich alle so um mich gekümmert haben. Da will ich gern bei gutem und bei schlechtem Wetter meine Tücher umhängen und die Nase in den Wind stecken. Dafür bin ich ja schließlich gebaut.

Fair Winds, Eure „Hera“