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Geschichtliches

Die Geschichte der Jollenklassen

100 Jahre Deutscher Jollensegelsport

„Der neue Frühling, der in unserem deutschen Kleinsegelsport angebrochen ist, zieht immer weitere Kreise in seinen Bann. Die Freude an dem ziellosen Umherschweifen auf blauer Flut, an fröhlichen Wanderfahrten durch unsere schöne Heimat, am Kampf mit den empörten Elementen wie an der Feinkunst seglerischen Wettkampfes, fernab von aller großstädtischen Überkultur, vom Hasten und Getriebe modernen Lebens – sie wirbt neue Jünger unserem Sport jahraus jahrein.“

(„Die Segeljolle“ – Ein Wegweiser und Ratgeber bei der Anschaffung von Schwertbooten, Berlin 1913, Verlag „Der Segelsport“, 1. Auflage) Link zum Buch

Aller Anfang war schwer. Was hier vor knapp 100 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg so pathetisch im Vorwort eines Wegweisers und Ratgebers bei der Anschaffung von Schwertbooten zu lesen war, zeigte eine Entwicklung im Segelsport auf, die um die Jahrhundertwende im Kaiserreich gerade erst begonnen hatte, sich zu organisieren, um Klassenboote im heutigen Sinne nach einem vorgeschriebenen Baubesteck zu entwickeln. Als 1888 der Deutsche Seglerverband (D.S.V.) gegründet wurde, fristete der Jollensegelsport im Kaiserreich noch ein kümmerliches Dasein. Segelsport war bis dato Herrensport auf großen Yachten, dem kleinen Mann blieb allenfalls das Vergnügen im Paddel- oder Ruderboot, dieteilweise mit Segel auch als Segelkanus oder Segelgigs genutzt wurden. Mehr konnte er sich in seiner begrenzten Freizeit an schönen Wochenenden auf den Berliner Gewässern kaumleisten.

Als die Kleinsegler mehr wurden, organisierten sie sich, um ihre Interessen zu vertreten, 1904 in der Wettfahrtvereinigung Berliner Jollensegler (W.B.J.). Die ersten im W.B.J. vertretenenJollenklassen waren in den 1909 aufgestellten Bauvorschriften noch nach Segelflächeneingeteilt. Mangels technischer Bauvorschriften (Materialstärke, Spantabstände usw.) nahm die Entwicklung vieler Jollen aber einen eher unerwünschten Verlauf. Während die Regattasegler sich eher leichte und schnelle Boote wünschten, deren "Pappschachteln", so die Kritiker, schon nach einer Saison „weich“ gesegelt waren, verlangten die Freizeit- und Tourensegler nach stärker dimensionierten Bauausführungen.

1909 hatte auch der D.S.V. als einzige Jollenklasse nach seinem Messverfahren die Nationale Jolle geschaffen, eine Konstruktionsklasse mit der einfachen Formel L + B = 7,80 m. War sie anfänglich als reines Anfänger- und Gebrauchsboot gedacht, entwickelte sie sich nach einer Änderungen der Bauvorschriften einige Jahre später zur reinen Rennjolle, der 22-qm-Rennjolle (J).

1912 kam es in Berlin zur Gründung einer weiteren Seglervereinigung, dem Deutschen Seglerbund (DSB). Auch er betrieb die Einführung allgemein gültiger Messverfahren und legte Wert auf die besondere Entwicklung kleinerer, für Binnengewässer geeigneter Bootstypen. Besonders in den kleinen Renn- und Wanderklassen hatte der Bund Erfolge aufzuzeigen, wie z. B. später mit der 1921/23 geschaffenen 15-qm-Wanderjolle (H).

Jedenfalls stand auf dem Gebiet des ballastlosen Schwertbootes das Deutsche Reichspätestens nach dem Ersten Weltkrieg konkurrenzlos an der Spitze aller Segelsport treibenden Nationen. Nirgends hatte die Jolle, sei es als Renn- (20 qm/Z, 15 qm/M, 10 qm/N) oder Wanderjolle (15 qm/H, 10 qm/z) und den Jollenkreuzern (20 qm/R, 15 qm/P), eine so beispiellose Entwicklung hinter sich, was – und das muss hinzugefügt werden – auch den genialen Konstrukteuren zu verdanken ist, die seinerzeit im Deutschen Reich tätig waren, allen voran Reinhard Drewitz.

Die wasserstraßen- und seenreiche Metropole Berlin, aber auch Hamburg und München sind als Geburtsstätte der Jolle zu sehen.

Die wichtigste Regatta der Vorkriegszeit war der seit 1914 vom Verein Seglerhaus am Wannsee – Verbandsverein - für die J-Jollen ausgeschriebene „Seglerhauspreis“. Die Regatta war die erste „Sonderwettfahrt“ in einer Jollenklasse überhaupt mit dem Ziel, den Wettbewerb in der Klasse der Nationalen Jolle zu fördern und dadurch den seglerischen Nachwuchs erziehen zu helfen. Die erste Deutsche Segelmeisterschaft wurde Ende September 1930 auf dem Müggelsee unter der Leitung des Deutschen Segler-Bundes (D.S.B.) in der 15-qm-Rennklasse (M-Jolle) ausgetragen. Der Jollensegelsport hatte nach der Olympiade 1928 in Amsterdam mit dem holländischen 12-Fuß-Dhingy eine große Aufwertung erfahren, und so wurde, als nach den Spielen das Engagement schnell wieder zu verebben drohte, von der Tagespresse immer wieder die Forderung auch nach deutschen Segelmeisterschaften laut.

Meister wurde der Berliner Franz Bondick, der zuvor noch aus seinem dem Verband angeschlossenen Verein ausgetreten und zu einem Bundes-Verein gewechselt war, um an dieser Meisterschaft teilnehmen zu können. Der D.S.V. lehnte zu diesem Zeitpunkt Segelmeisterschaften noch ab und hatte seinen Mitgliedern verboten, an der Bundesmeisterschaft teilzunehmen.

Als Deutschland mit der Austragung der Olympischen Spiele 1936 beauftragt wurde, wollteman möglichst schnell internationalen Anschluss finden und schuf als Jollenklasse für dieses Großereignis die Olympia-Jolle (O-Jolle). In knapp 3 ½ Jahren wurden fast 500 Neubauten hergestellt. 1937 wurde die O-Jolle dann internationale I.Y.R.U. Klasse. Die 5,00 m lange und heute formverleimt oder in Kunststoff gebaute Jolle erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Schafften vor dem Zweiten Weltkrieg auch andere deutsche Klassen den internationalen Durchbruch? Die seinerzeit beliebteste deutsche Klasse, die Bundes- (H) bzw. Verbands-Wanderjolle (F) nicht, obwohl der Brite Uffa Fox, beauftragt 1929 vom britischen Seglerverband, die deutschen Jollen zu begutachten, die hohe Qualität der Bauausführung und die Segeleigenschaften der Jolle lobte. Letztlich waren die deutschen Rundspantjollen aber zu teuer. Erst als ein Jahr später von H. Kröger das 12--Einheitsscharpie, ein 6,00 m langer, gaffelgetakelter sowie preiswerter Knickspantbau entwickelt wurde, entschloss man sich im Vereinigten Königreich, diese Jolle zu übernehmen. Das Scharpie war 1956 in Melbourne dann sogar olympische Zweimannklasse. Die in ihrem Baubesteck unveränderte Jolle ist noch heute internationale Einheitsklasse und in mehreren Ländern aktiv.

Eine weitere vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelte deutsche Jollenklasse verbreitete sich über die deutschen Grenzen hinweg, die 1938 von Karl Martens konstruierte EinheitsklassePirat. Zuerst als unkompliziertes, robustes und für die Jugend gedachtes Zweimannboot,wurde aus dem alten Holzpirat der früheren Jahre dank verbesserter Bootsbauweisen (GFK, Sandwich) und technischer Neuerungen ein recht modernes Sportgerät. Es ist seit vielen Jahren offizielle DSV-Jugendboot-Klasse.

Das ebenfalls 1938 als Jüngstenboot konstruierte Küken mit 5 qm Segelfläche hat die Zeit dagegen nicht überlebt, genauso wie der für den Hamburger Segel Club 1953 entwickelte Puschen und der aus einem Ideenwettbewerb zur Schaffung einer reinen Jüngsten-Zweimann-Jolle 1980 hervorgegangene Filius.

Anders dagegen verlief die Entwicklung des 3,25 m langen Teeny. 1986 nach Vorgaben des Jugendsegelausschusses im DSV vom einstigen Chefvermesser Günther Ahlers entworfen, erfreut er sich dank Spi- und Trapezeinsatz bei den 8 – 15-Jährigen einer großen Beliebtheit, was die Zahl der 189 Teeny-Teams in der Rangliste eindrucksvoll belegt.

Der Segelsport entwickelte sich im besetzten Nachkriegsdeutschlands sehr unterschiedlich. Regattatätigkeiten fanden 1945 noch nicht statt. Die Freigabe eingeschränkter Segelgebiete erfolgte oft nur nach zähen Verhandlungen. Und der Bootspark, der das Inferno überstanden hatte, war zum größten Teil beschlagnahmt worden, was deren Eigner sehr hart traf. Viele Kleinbootsegler entzogen ihre Boote den Blicken der Besatzungsmächte, indem sie sie einfach versteckten oder versenkten.

1946 wurde dann im Osten Berlins die erste Nachkriegsregatta gestartet. Veranstalter war die „Freie Vereinigung der Tourensegler Grünau 1889 (später SG Grünau I). Nach und nach wurden auch die Boote im Westen des geteilten Landes wieder freigegeben und im Sommer 1950 war dann endlich die Aufhebung aller Beschränkungen für den Segelsport erreicht.

Obwohl sich die politischen Systeme in Deutschland und mit ihr der organisierte Segelsport verschieden entwickelten, wurden bis weit in die 1950er Jahre vor allem im geteilten Berlin, das durch seinen besonderen Status immer eine Sonderrolle spielte, am längsten an gemeinsamen Veranstaltungen festgehalten und  z. B. die beliebten Berliner Frühjahrs- und Herbstwochen abwechselnd und nicht immer ganz ohne Schwierigkeiten auf dem Müggelsee und dem Wannsee durchgeführt. Nach dem Mauerbau 1961 trafen sich Jollensegler beider Staaten nur noch bei internationalen Regatten oder den vorolympischen Ausscheidungsregatten zur Ermittlung des besten Vertreters für eine noch gesamtdeutscheOlympiamannschaft. Innerdeutsche Begegnungen in nationalen Klassen fanden nicht mehr statt.

Umso enthusiastischer ging es dann zu, als sich nach dem Mauerfall schon im Winter 1989/90die Piraten-Klasse zur ersten gemeinsamen Regatta in Berlin trafen und im Frühjahr auch die anderen nationalen Klassen, die die wechselvollen Zeiten überlebt hatten: H-Jollen, O-Jollen und Jollenkreuzer.

Verfolgt man die Diskussionen in der Fachpresse zu Beginn der 1950er Jahre, die sich mit der Entwicklung des Jollenbaus dieser Zeit kritisch auseinandersetzte, stellt man fest, dass dasFesthalten an den schnellen nationalen 15er- und 20er Rennjollen in eine vor allem teure Sackgasse geführt hat. Die formverleimte und GFK-Bauweise kam auf und man konnte statt schwerer Vollholzjollen leichtere und schnelle Gleitertypen bauen. In diese Lücke stieß 1952/53 der holländische Flying Dutchman (FD). Er war das Ergebnis des Wunsches von Seglern aus vielen Ländern nach einer guten, schnellen und lebendigen Zweimannjolle und zog schnell viele Regattasegler in seinen Bann. Als internationale Klasse wurde er auch in der DDR stark gefördert..

 

Wie gingen die Entwicklungen eigener Bootsklassen im geteilten Deutschland weiter?

Hüben wie drüben gab es einige regional begrenzte Klassen, wie z. B. die Hamburger Elb-H-Jolle, die Weserjolle oder der Schratz, eine Revier-Einheitsklasse vom Chiemsee. In Lauterbach auf Rügen wurde die kleine Rügenjolle gebaut, deren Kunststoffrumpf in seiner Formgebung einem geklinkerten Holzboot nachempfunden ist. Auch die mit drehbaren Holzmast und einem Großsegel ohne Wanten oder Stage catgetakelte Eikplast ist eine bis 1989 von der Bootswerft VEB Eikboom Rostock gebaute DDR-Konstruktion. Reine Werft-Einheitsklassen waren im Westen z. B. die Koralle, der Flying Sailer oder die Lis-Jolle.

Mit neuen Baumaterialien entwickelte im Westen Ernst Lehfeld zwei verschiedene Zweimannjollen, die auch in anderen Ländern Verbreitung fanden: 1958 den 5,00 m langenKorsar, eine agile Rundspantjolle und 1960 den 5,80 m langen Schwertzugvogel. Als reiner Knickspanter und ohne Trapez und Spi zu segeln, richtete sich sein Augenmerk aber zunächst mehr auf die Fahrtensegler. Nur, diese Unterscheidung wie noch vor dem Zweiten Weltkrieg gibt es heute schon lange nicht mehr. Auch der Schwertzugvogel wird heute ausgiebig als Regattaboot genutzt. Wer es noch ein bisschen stäbiger mag, kann sich auch für den Kielzugvogel entscheiden. Er gleicht in der Rumpfform dem Schwertzugvogel, hat aber mehr Segelfläche und statt des Schwertes einen Kiel. Und noch zwei Jollen müssen genannt werden: 1964 entwickelte die Kunststoffabteilung der Hamburger Großwerft Blohm + Voss mit Hilfe des späteren olympischen Bronze- und Silbermedaillengewinners im FD, UlliLibor, den Conger und 1969 der Konstrukteur Ulrich Czerwonka die Ixylon. Der Conger ist eine 5 m lange Kunststoffjolle mit kleiner Schlupfkajüte und seit 1975 nationale Klasse.Diesen Status erwarb sich schon ein Jahr vorher der Jeton, 1970 von den Segelgrößen Uwe Mares und Hubert Raudaschl entworfen und seinerzeit bei der Firma Klepper in Rosenheim gefertigt wurde. Die 5,10 m lange und mit zwei Schwertern ausgerüstete Ixylon sollte in der DDR Nachfolgeboot für den Piraten werden. Zuerst als reine Wanderjolle mit Holzrigg ausgerüstet, entwickelte sich die Zweimannjolle ab 1973 mit Alurigg zur Regattaklasse und bekam Ende der 1970er Jahre sogar den Status einer internationalen Klasse. Ab 1991 wurde sie dann Einheitsklasse des DSV. Ihre größte Verbreitung hat sie aber immer noch in den neuen Bundesländern. So auch der im Osten so lange beliebte Wanderzehner, eine Weiterentwicklung der kleinen z aus der Vorkriegszeit.

Immer noch beginnen die weitaus meisten Segler ihre Karriere in einer Jolle und immer wieder drängen neue Entwicklungen auf den Markt. Jeder wird letztendlich die speziell auf ihn und seine Bedürfnisse zugeschnittene Jolle finden und kann „die Freude an dem ziellosen Umherschweifen auf blauer Flut ... fernab von aller großstädtischen Überkultur, vom Hasten und Getriebe modernen Lebens“, wie es am Anfang hieß, selbst erleben. Auch fast 100 Jahre nach ihrer Veröffentlichung haben diese Worte nichts von ihrer Aktualität verloren.

Michael Krieg

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