Das internationale 12“ Dinghy

Segelplan des Cockshott-Design veröffentlicht in „The Yachtsman“, 1913

Historisches

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichten Vermessungsformeln oder Konstruktionsklassen, dass verschiedene meist größere Yachten gegeneinander Regatten segeln konnten. Zudem fing der Yachtsport an, sich zu demokratisieren. Es wuchs ein Interesse an Regatten mit kleinen erschwinglichen Booten. Befördert von der britischen Zeitschrift „The Yachtsman“, gründete sich im Winter 1912 die englische Boat Racing Association (BRA). Sie stand in Konkurrenz zur Yacht Racing Association (YRA), die sich damals den eher großen Yachten verbunden fühlte. Der BRA war nur eine kurze Zeit bis zur Fusion mit der YRA vergönnt. In ihren Anfängen sehr aktiv, schrieb sie 1913 einen Wettbewerb für eine 12 Fuß lange Jolle aus, die auch als ruderbares Beiboot für große Yachten dienen konnte. Die wichtigste Eigenschaft sollte aber sein, mit ihr Einheitsklassen-Regatten segeln zu können. Den Wettbewerb gewann der erfahrene Hobby-Konstrukteur George Cockshott. Es entstand ein Boot mit dem traditionellen Lugger-Rigg, dessen Spieren und Mast in etwa so lang wie das Boot selbst waren. Es ist somit leicht transportierbar oder als Beiboot zu nutzen.

Mit dem Wettbewerb fiel der Startschuss für die erste größere Einheitsklasse der Welt, die 1920 und 1928 olympisch werden sollte. Diese Rolle verlor das 12 Fuß Dinghy 1932 zunächst an die Snowbird und schließlich 1936 an die damals sehr moderne O-Jolle. Letztere wurde später vom Finn-Dinghy abgelöst. Später, in den 1960er Jahren, verlor die 12-Fuß-Dinghy Klasse ihren internationalen Status und es erhielten sich zwei große undauch heute noch sehr aktive nationale Klassenvereinigungen in den Niederlanden und Italien. Die niederländische Klassenvereinigung war auch schon in der Vergangenheit eher konservativ gestimmt und formulierte ihre Vermessungsvorschriften sehr restriktiv nahe am ursprünglichen Cockshott-Design. Mit eines der wichtigsten Ziele des niederländischen Twaalf Voets Jollen Club war und ist es, eine reine traditionelle Holzboot-Klasse zu bewahren. Dieser Ansatz war insofern erfolgreich, dass es heute noch eine sehr rege Einheitsklassen-Regattatätigkeit gibt, das Bootsregister sich den 900 Booten nähert und dass auch heute weiterhin Boote neu gebaut werden.

Die italienische Klassenvereinigung Associazione Italiana Classe Dinghy 12‘ (AICD) blieb auch weitgehend bei den Maßen des ursprünglichen Designs, erlaubt aber alternative Baumaterialien wie GFK für den Rumpf und moderne Beschläge und Leinenführung sowie Aluminium Riggs neben den klassischen Vollholz-Riggs. Auch dieser Ansatz ist insofern erfolgreich, als dass es eine sehr rege Regatta-Tätigkeit in Italien gibt. Leider nimmt aber der Anteil der an sich weiterhin grundsätzlich kompetitiven Holzboote ab. In den anderen Ländern wie Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Japan, Österreich und der Schweiz sind die Flotten sehr viel kleiner und es werden häufig auch beide vermessenen Typen nebeneinander gefahren.

Eine traditionelle 12 Fuss Jolle, hier mit niederländischer Vermessung, kann von ein oder zwei Personen auf Regatten gesegelt werden; meist werden sie jedoch einhand gesegelt (Photo Copyright: Sven Jörgensen, Kappeln).

Die Bauvorschriften der niederländischen Klassenvereinigung

Die Vorschriften des Twaalf Voets Jollen Clubs sind noch sehr nahe am ursprünglichen Cockshott-Design. Pläne zusammen mit Baulizenz können beim niederländischen Seglerverband (Watersportverbond) erworben werden. Die wichtigsten Regelungen:

  • „Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten“
  • Nur Holzjollen mit einem Riss, der sehr wenig vom Original-Plan (1913) abweicht
  • Nur Vollholz-Spieren
  • Wenige erlaubte Beschläge
  • Nur Umlenkungen von Schwertfall, Halstalje und Baumniederholer zum Cockpit erlaubt
  • Segel dürfen nur mit Reileinen an den Spieren angebunden werden
  • Kein offenes Unterliek
  • Schweres Vollholz-Ruder
  • Im Rahmen der traditionellen Klinkerbauweise ist eine zusätzliche Epoxy-Verklebung der Planken neuerdings erlaubt
  • Segelfläche ca. 9,5 qm mit gerundetem Achterliek

Italienisches Classico Holzboot (GER 220) mit dem blau-weiß-roten Klassenzeichen der AICD

Die Bauvorschriften der italienischen Klassenvereinigung

Die italienische Klassenorganisation (Associazione Italiana Classe Dinghy 12‘ (AICD) hat seit den 1960er Jahren angefangen, das Boot an vielen Stellen zu überarbeiten. Die Pläne sind über die Website der AICD frei verfügbar. Die wichtigsten Unterschiede zum ursprünglichen Design:

  • AICD (dinghy.it)
  • Rumpf weicht wenig vom NL-Design ab, aber auch GFK und Sperrholz sind erlaubt
  • Doppelboden gestattet
  • Umfangreiche Beschlagsausrüstung
  • Vielfältige Trimmleinen und Umlenkungen ins Cockpit erlaubt
  • Ruder und Spieren leichter als bei NL-Booten
  • Größere Segelfläche (ca 10,6 qm, dinghy.it/dissegni )
  • Eigene Classico Variante verlangt jedoch weiterhin Vollholz -Rumpf und -Spieren
  • Ca. 3000 Boote und große Regatta-Felder

Der deutliche Vormarsch der modernen Kunststoffboote hat in Italien zur Gründung der Abteilung Dinghy Classico innerhalb der AICD geführt. Sie veranstaltet eigene Regatten mit separater Wertung für Boote mit Rumpf und Spieren aus Holz, bei denen die übrigen Änderungen an Ruder, Segelfläche und Trimmmöglichkeiten aber akzeptiert sind. Auch die Dinghy Classico hat sich der Pflege der Ästhetik klassischer Boote verschrieben.

Heutige Boote und internationale Regattatätigkeit:

Die voll ausgerüstet um viele kg leichteren und mit größerer Segelfläche ausgestatteten AICD Boote sind insbesondere bei wenig Wind deutlich schneller als die niederländischen Schwestern, die wiederum bei starkem Wind diesen Nachteil teilweise wettmachen können. Es gab in der Vergangenheit Versuche, beide Klassen wieder zusammenzuführen. Versuche, die jedoch nicht weiter verfolgt wurden und de facto nicht zu einer einheitlichen internationalen Klassen geführt haben. Mit dem „Jolanda Protokoll“ kamen am 18.05.2006 Vertreter aus sieben nationalen 12-Fuß-Dinghy-Klassenvereinigungen überein, trotz der Unterschiede in den nationalen Vorschriften die verschiedenen nationalen Klassen zu gemeinsamen internationalen Regatten zuzulassen. Namensgebend für das Protokoll war das Hotel Jolanda in St. Margherita de Liguria in Italien, in dem es unterzeichnet wurde. Die Vereinbarung ermöglichte erstmalig im 21. Jahrhundert die Teilnahme internationaler 12-Fuß-Dinghies bei der 10. Regatta um die Bombla’dOro in Portofino, die 2006 ausgesegelt wurde. Aus diesem Geist ist die internationale Cockshott Trophy entstanden, an der neben den AICD Schiffe auch 12-Fuß-Dingies anderer Bauart, jedoch mit all ihren Nachteilen gegenüber den AICD-Schiffen zugelassen sind. Regatten finden meist in südlicheren Ländern wie Österreich, Schweiz, Süddeutschland und Italien statt. Im Gegensatz dazu steht die internationale Friendship Series nur klassischen (Holz-) Booten mit niederländischer Vermessung oder originaler Cockshott-Vermaßung und deren Äquivalenten offen. Sie wird meist im nördlichen Europa ausgetragen (Frankreich, Belgien, Deutschland und Schwerpunkt Niederlande).

Eckhard Scheufler 2026

Aktuelle Schiffsliste noch existenter klassischer Yachten

Fotos und Risse

 

12“ Dinghy nach den niederländischen Klassenvorschriften

12“ Dinghy entsprechend den italienischen Classico Vorschriften

Beide Fotos Axel Weidner