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Clubanzug oder Crewshirt? - Eine Frage des Stils

Auch das ist ein kulturelles Thema: Clubanzug oder Crewshirt - Stilfragen im Spiegel eines Jahrhunderts.

Von Hella Peperkorn

„Zieh bloß das `Laiberl` an fürs Foto!“ – geschlossen stellt sich die Crew vor ihren Skipper. Der Fotograf muss warten. Kurzes Dressing im Gartenrestaurant des Kieler Yacht Clubs, dann erst darf geschossen werden: Crew samt Eigner präsentieren sich in strahlendem einheitlichen Weiß mit dezent gesticktem Hinweis auf ihre vorm Hafen schwojende Hauptakteurin, die ebenfalls weiße Sonderklassen-Yacht „Cima“, auf der Brust. Vier gestandene Mannsbilder aus Deutschlands Süden repräsentieren an diesem ersten Sonntag der Kieler Woche ganz lässig nicht nur gepflegtes Auftreten, sondern auch die Idee, die sie zusammengeführt hat: Diese ganz besondere klassische Yacht zu bewahren und gemeinsam auf ihren Kursen zu begleiten. Die Szene spielt zur Preisverleihung, krönender Abschluss der Sonderklassen-Regatta im Rahmen des Klassiker Rendezvous, und offenbart die modische Magie eines profanen Poloshirts (süddeutsch „Laiberl“). Crewkleidung ist „in“. Modemuffel sind „out“.
- Oder etwa nicht?

Das seglerische Mittelmeergeschehen ist auch in diesem Bereich Vorreiter – und nicht nur weil seine führenden Köpfe zugleich zu den weltbekannten Modezaren zählen.
Dem aufmerksamen Betrachter eines Bildes dieser topgepflegten klassischen Ladies im mediterranen Licht wird bald bewusst, dass diese umwerfende Ästhetik in ihrer ganzen Harmonie versehen mit einem Hauch von Eleganz durch das Fehlen aufdringlicher Farbkombinationen an Deck ganz wunderbar unterstützt wird. Oder anders gesagt: Die zumeist an klassischem Weiß orientierte Crewklamotte perfektioniert die Komposition des Augenblicks. Das Blau des Meeres wird noch ein wenig unergründlicher, das strahlende Weiß der Segel eine Spur strahlender und führt die Konzentration dem Wesentlichen zu: der Schönheit der Yacht, ihren ausgesuchten Hölzern, ihren harmonischen Linien. Das Auge segelt mit - - -
Natürlich muss nicht jeder Skipper aus seiner Yacht eine Art Gesamtkunstwerk schaffen.


“Cambria”

Besatzungen größerer Yachten haben die Crewkleidung auch in heimischen Gewässern längst für sich (wieder) entdeckt – doch, muss eine Yacht tatsächlich mindestens stolze 20 Meter messen und nur mit einer 18köpfigen Crew zu segeln sein, um die gewünschte Wirkung zu erzielen? Kleine Crews ziehen jetzt hinterher. Tendenz steigend, denn Ästhetik ist halt doch keine Frage der Größe. Was passt eigentlich zu einer klassischen Yacht? Muss ich den Kostümverleiher meines Vertrauens kontakten, bevor ich wieder einen Schritt auf die vertrauten Planken setzen darf? Und was war denn zur Zeit des Stapellaufes meines Bootes so modisch angesagt??

Geschmack ist gefragt, Entscheidungsfreude und eine gewisse Kreativität, gibt doch jeder Käpt`n seinem Schiff mit der Wahl seiner Crewkleidung eine äußerst individuelle Note. Bleibt man „klassisch“ und orientiert sich an den Farben des Meeres in Blau oder Weiß, der Farbe des Lichtes, der schäumenden Gischt und des (einigermaßen) klassischen Segeltuchs? - Beim jüngsten Klassiker-Treffen in Kiel durfte es mutig auch Schwarz, Rot oder sogar Pink sein! Manchem genügte auch ein dezenter Schriftzug auf der schiffs-eigenen Sonnenbrille oder das Corporate Identity-Schlafgewand für die gemeinsame Nachtruhe an Bord. Die Vorteile des uniformen Crew-Shirts sind klar erkennbar: die Fotografen freuen sich über die anmutige Ästhetik des „Gesamtkunstwerks“ See, Schiff und Besatzung, ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden mit gemeinsamen Sportsgeist wird gefördert und auf Großveranstaltungen wie der Kieler Woche geht so schnell niemand verloren.


“oui oui!”

Die Ironie lockt und ein leicht spöttische Lächeln huscht durch die Stoppeln des typischerweise bärtigen Salzbuckels. Zum Segeln eine „Uniform“? – Dadurch wird keine Crew zu besseren Schiffsführern. Auch wenn`s zugegebenerweise ganz „schnieke“ daherkommt, zählt ein solcher Dresscode eher zum unnötigen Dönnekens. Der Streit um des Seglers Kleider ist natürlich nicht neu. So erinnern sich langjährige Leser des Freundeskreis-Vereinsmagazins vielleicht an den durchaus emotionalen Schlagabtausch zweier Autoren in Heft No 4/ No 5. Fifi Schaper erklärte unter dem Motto, „Segeln ist keine Gelegenheit, alte Kleidungsstücke aufzutragen“, den seglerischen „Gammellook“ zur „Umweltverschmutzung“ für das ästhetisch geschulte Auge und brach eine wohlformulierte Lanze für das Wir-Gefühl der Crew-Kleidung. „Segeln, das ist doch für uns alle ein `Stück Sonntag` in dieser schlimmen Welt. Und wie sagte schon Preußenkönig Friedrich II,: „Der Mensch wird zum Tier, wenn er nie einen Sonntagsrock an hat“. Gönnen wir uns, unseren schönen Schiffen und unserem Segelsport gelegentlich eine Freude. Er kann sie gebrauchen.” Hinnerk Bodendiek musste damals fünf Monate auf seine Gegendarstellung warten: Ein heißblütiges Plädoyer für das einfache Leben an Bord.

Mancher blickt noch wesentlich weiter zurück in die Geschichte und ihn beschleicht dann vielleicht noch ein ganz anderes Gefühl des Unwohlseins. Denn Uniformität weckt unwillkommene Assoziationen, die mit der ersehnten Freiheit des Segelns ganz und gar nicht kompatibel erscheinen. Ist es gar eine nationale oder noch krasser formuliert eine Frage der Ideologie, ob die helfenden Deckshände alle das gleiche Polohemd anhaben? Sitzt uns die jüngere Vergangenheit noch immer im Nacken – mit all ihrer Gleichschaltung und der Aufhebung jeglicher Individualität auch in modischen Bereichen? Oder reichen die Erinnerungen sogar zurück bis in wilhelminische Zeiten und die kaiserliche Uniformität an Bord? Hier lohnt ein Blick in die changierende Geschichte der Segelmode des vergangenen Jahrhunderts.

Streng oder verwegen aussehende Schnurrbartträger mit gestärktem hochgeschlossenen „Vatermörder“ blicken von Bord so mancher stolzen Yacht auf vergilbten Schwarz-Weiß-Fotografien. Etikette und Kleiderordnung waren zur Jahrhundertwende wesentlicher Bestandteil des Segler-Lebens. „Seglers Handbuch“ von 1897 beleuchtet den „guten Ton an Bord“. Segeln gehörte vornehmlich zum gesellschaftlichen Ereignis. „Das Zusammenleben von Vorgesetzten und Untergebenen, im Dienst und ausser Dienst, die Unmöglichkeit, sich auszuweichen, die beschränkten Raumverhältnisse endlich bedingen die Errichtung scheinbarer Grenzen, die an Land kleinlich erscheinen würden; an Bord sind sie erforderlichen zur Erhaltung der Autorität und Disziplin“. Eine Yacht hatte – besonders in ausländischen Häfen, stets Repräsentationsfunktion. „Worin wir Segler (...) den Sporn zu suchen haben, äusserlich wie innerlich jederzeit tadellos aufzutreten.“ Es sei im Leben nur ein Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen – und dieser im Yachtsport eher besonders klein: “Es ist also an uns, durch unsere Yacht und durch unser Benehmen stets derart für die Ehre der deutschen Flagge, des deutschen Segelsports und des Clubstanders einzutreten, dass wir nie über uns oder über die Landsleute zu erröten brauchen....“ (S.478). Neben einer klaren Mannschaftshierarchie, wird auch der Kleidung eine entscheidende Bedeutung beigemessen, „welche vom Eigner und dessen Freunden oder Gästen an Bord oder bei Landgängen getragen wird“. Als vornehmes Beispiel dient der Segelanzug der Mitglieder des Kaiserlichen Yacht-Clubs (später Kieler Yacht-Club). Bezeichnenderweise versteht der Verfasser unter „Segelanzug“ den detailliert beschriebenen „Clubanzug“, der an Land bei Zusammenkünften und Festlichkeiten – zur Sonntagsnachmittagsfahrt sollte sich kein Segler so „herausstaffieren“ - zu tragen war. Dunkelblau, aus Serge oder Tuch gefertigt, umfasste der Clubanzug ein Jackett, Weste und Beinkleid, die „in ihrem Schnitt dem von Seeoffizieren getragenen Bordanzuge“ entsprachen. Weste und Jackett mussten „schwarze Knöpfe mit erhabener Prägung“ besitzen, bestehend aus einem „unklaren Anker mit Kaiserkrone und den Buchstaben K.Y.C.“. Immerhin waren zu diesem Anzug auch weiße Flanellbeinkleider erlaubt. Ebenso detailliert werden die normierten Auflagen für den etwas feineren Gesellschaftsanzug samt Mütze und passendem Schuhzeug beschrieben. „Zu dem Clubanzuge gehört ein Stehkragen mit schwarzem oder weissem Halstuch, zu dem Gesellschaftsanzuge wird nur ein schwarzer Schlips getragen“ (S. 480). Mäntel waren auch zur damaligen Zeit beliebt: „Lange Paletos aus dunklen Lodenstoffen mit zwei Reihen Hornknöpfen“ waren ebenso tragbar wie der „Regenmantel aus wasserdichtem Gummistoff in allen Farben und Gestaltungen“.

Offenkundig und gewünscht sind die Parallelen zur Kleidung der Seeoffiziere. Die Marine besaß zu Kaisers Zeiten eindeutig auch ein modisches Mandat. Legerer ging es bereits damals für die „Amateure“ zu. Sie hatten „zum Arbeiten, Segelbedienen, usw. an Bord einen weißen Troyer und bei warmem Wetter weisse und sonst blaue Beinkleider und helle Schuhe mit Gummisohlen“ zu tragen. Gegen Regen und Spritzwasser sei Ölzeug, wie es „die bezahlten Leute tragen“, immer noch am besten. Übrigens bezeichnet der Ausdruck „Amateur“, diejenigen Segler, die als Mitglieder des DSV ihren Lebensunterhalt nicht mit ihrer eigenen Hände Arbeit verdienen mussten, sondern sich ganz amateurlike, ausschließlich den Freuden des Regattasports widmen konnten... (Absolut modern und lesenswert sind die darauf folgenden Abschnitte über das schwer erträgliche Halbwissen nautischer „Kapazitäten“, das gröhlende Gehabe nach lustigen Abenden oder das Verhalten von Gästen an Bord (S. 483) Für die Mannschaft galten ebenfalls feste Kleiderregeln: „Jeder Mann erhält eine blaue Mütze mit Band (3-4M.), 2 blaue wollene gestrickte Hemden (7-10 M.), 1 blaue Tuchhose (8-12 M.), 2 Arbeitshosen und 2 Arbeitsblusen aus Bramtuch (11 – 18 m.), 1 Paar gelbe Lederschuhe (10 M.), 1 Paar Segeltuchschuhe (4.5 M.), 2 Rennmützen (3-4 M.), 1 Satz Oelzeug (...) und Südwester.“ Zu den angegebenen Preisen seien die Bekleidungsstücke in allen Hafenstädten und in vorzüglicher Güte zu erhalten...
Neben den Yachtmatrosen musste ein Eigner auch seinen Bootsmann oder sogar Kapitän ausstatten. Zwei blaue Tuchanzüge (Jackett, West und Hose), eine Mütze mit Schirm, ein Paar Leder- und ein Paar Leinenschuhe für insgesamt 145 – 160 Mark, stellten das Equipment dar (S. 432 f).

Bereits einige Jahre später stellt Willy Stöwer im 1905 erschienenen Werk „Der deutsche Segelsport“ fest: „Die bezahlten Leute tragen stets Troyer, auf denen die Namen der Yacht und die Clubbuchstaben, z. B. HELENE K.Y.C. auf der Brust mit roter Wolle eingestickt sind“ (S. 108, f.) Stöwer geht auch erstmals auf die mitsegelnden Damen ein. Bei schönem Wetter kleidete „Sie“ sich in „meist helle, weiße Wollkleider (...) mit blauem Besatz, fußfreie Röcke mit Blusen, dazu ein blaues oder gleichfarbiges Jackett mit Clubknöpfen.“ Ein Strohhut mit Band in den Clubfarben solle das Kostüm vervollständigen. So sollte sich die Dame von Welt auch beim Segeln vornehmlich elegant einkleiden. Bodenlanger Rock und Hut waren selbstverständlich – doch wie bewegt frau sich in engen Röcken und hohen Schuhen auf einer krängenden Yacht? „Hosen? - Ich glaube die Welt wäre eingestürzt. Eine Frau hat höchstens Füße, aber keine Beine“, schreibt Käthe Bruns in Erinnerung an die wilhelminische Zeit („Eine Frau segelt durchs Leben, 1960, S. 25). Stöwer rät allerdings „dringend dazu“, sobald das Wetter nass werde, „sich mit den hohen Kniestiefeln aus Gummi zu befreunden“.

Es gibt jedoch auch andere Aufnahmen aus der Zeit: Zwischen 1880 und 1890 entstanden zahlreiche Segelvereine in Deutschland, von denen „die meisten unter dem ursprünglichen Namen heute noch bestehen“. Käthe Bruns unterscheidet zwischen „Regattavereinen“ und „Klubs“, in denen der gesellschaftliche Aspekt im Vordergrund stand (S. 11). Entsprechend existierten bereits damals neben den hohen Herrenseglern auch einfache Segelkameradschaften, die ihr Interesse mehr auf die sportliche Faszination als auf Kleider-Etikette legten. Doch es brauchte wohl erst den politischen Umsturz 1919, für einen bodenständig-praktischen Artikel in der Yacht (Nr 30, 1921, S. 587 ff) mit einem Plädoyer für „Praktische Kleidung für längere Wanderfahrten“. Der Autor, offensichtlich Segler einer kleinen Fahrtenyacht, zeigt sich bestens informiert über Stoffe und gibt seine persönlichen Erfahrungen weiter: „Überhaupt bin ich dafür, das besonders auf kleinen Fahrzeugen schnell unansehnlich werdende weisse Zeug durch praktische Farben, z.B. gelben Kaki, zu ersetzen“, verweist er auf die Segler, die gewohnt sind „selbst Hand an zu legen“. Auch die „übliche steife blaue Mütze“ verbannt er als „völlig unpraktisch“ von Bord. „Abseits der Kultur trage ich bei kaltem Wetter (...) eine weiche Schiffermütze mit ganz kleinem Tuchschirm oben mit einem neckischen Puschel geschmückt. Man kann sie über den ganzen Hinterkopf ziehen. Elegant ist anders, aber ich weiß nichts besseres“. Während die Segler also zur Pudelmütze griffen, sollte die Seglerin doch bei schlechtem Wetter eher zu einer „der Haarfarbe angepassten gut anschliessenden Badekappe“ greifen. Darüberhinaus empfiehlt unser Fahrtensegler für die Damenwelt „einen blauen Skilaufanzug: Weite Beinkleider mit überknöpfbarem fussfreien Rock (...).“ Überhaupt sollte man doch auf langen Fahrten „geeignete alte Kleidungsstücke auftragen“. Denn schließlich erforderten längere Touren, vor allem Nachtfahrten auf kleinen Yachten „das höchste an erreichbarer Behaglichkeit, die durch Normalien der Eleganz für die sonntägliche Binnensegelei, wo man dauernd beobachtet wird, nicht gestört werden darf!“ Neben dem Postulat nach funktionaler situationsabhängiger Kleidung besteht unser unbekannter Yachteigner auf Wahrung des Stils im Hafen, an Land und bei Wettfahrten auf Binnengewässern. Ein „korrekter Anzug und korrektes Fahrzeug“, vor allem aber ein „gleichmässiger Anzug der Mannschaft“ sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

DIE MODERNEN UND WILDEN ZWANZIGER - brachten den entscheidenden Wandel – auch in der Segel-Mode. Mit dem zunehmenden öffentlichen Interesse für den Sport erwachte der „Sinn für eine materialgerechte Bekleidung“ (Yacht, 1924, Nr. 23, S. 635). Klubs und Vereine sorgten dafür, „ihren Mitgliedern Stilgefühl anzuerziehen“, wobei „modische Neuheiten“ nur dann Einzug halten durften, wenn sie „auch in praktischer Hinsicht eine Vervollkommnung darstellen“.
Aus dem Ennui-Gefühl eines verregneten Haftentages heraus, entsteht die Idee der Journalistin Käthe Bruns und ihrer Mitseglerin, der Modezeichnerin Hilde Kutzner, zu einer neuen Zeitschrift: “Die schicke Seglerin – Zeitschrift für mondäne Frauenmode an Bord“ (Yacht, 1926, Nr. 26, S. 24 ff). Die beiden erfahrenen Seglerinnen räumen auf mit dem Gegensatz: entweder sportlich oder schick. Warme, wasserdichte und lieber etwas zu weite Kleidung hat natürlich ihre Berechtigung, „ohne das Vorrecht der Dame deshalb aufzugeben, immer anmutig und nett gekleidet zu sein.“ Neben den vielen modischen Tipps, sind sich die beiden Seglerinnen einig: „Wäre der Bubikopf nicht schon so beliebt, so müsste er für Seglerinnen direkt erfunden werden“. Eigentlich schade, dass die Idee eines solchen Segelmode-Magazins nicht weitergedacht wurde – zu bald ließ wohl der Regen nach, die beiden konnten ihren Törn fort- und sich mit den Elementen direkt auseinandersetzen.

1924

Das Thema Segelmode blieb jedoch hochaktuell. 1928 veröffentlicht die Yacht (Nr. 42, S. 12 ff) eine Art Grundsatzartikel „Ungeschriebene Gesetze – Der Anzug des Wassersportlers“. Zweckmäßigkeit, Tradition und Ästhetik bestimmen nach Auffassung des Autors „W.“ diese Gesetzmäßigkeiten. Nicht umsonst seien Jäger stets in Grün, Golfer in Braun und Jagdreiter in Rot gewandet, verweist er auf Parallelen. Die Anpassung an die Umgebung sei also auch für Segler und Motorbootfahrer ausschlaggebend: „Die Farben des Wassers blau und weiß seien auch der Grundton deines Anzuges!“ Zwar stünden sich Dandytum und Sport diametral gegenüber, „lieber etwas zu einfach, als zu elegant, trotzdem: zu einem gut gepflegtem Boot gehört auch eine anständige und wenn möglich, mit Geschmack angezogene Besatzung!“

DER HERR – kleide sich nach dem Leitmotiv: „Schäbige Kleidung ist nicht das äußere Zeichen des alten Fahrtenmannes“. So darf es durchaus an Land der blaue zweireihige Jackettanzug mit Klubknöpfen sein. Wie groß der gesellschaftliche Wandel bereits ist, lässt die darauf folgende Bemerkung erahnen:“ Die Klubknöpfe fallen so wenig auf, dass man sie auch im Beruf tragen kann, also lass sie dir ruhig annähen, auch wenn du nur einen blauen Anzug hast“. Schlipse können schwarz, blau oder in den Klubfarben gewählt sein – „aber bitte nicht rot, grün oder gelb. Schönheitsdurstige Seelen stehen Qualen bei solchem Anblick aus“. Auch der „Vatermörder“ scheint endgültig der Vergangenheit anzugehören: (...) der Kragen an Bord sei immer weich. Höchstens auf ganz großen Yachten, auf denen die Herrenbesatzung sich grundsätzlich nur durch Zusehen betätigt, läuft man mit steifgestärktem Kragen oder Mannschettenhemd herum“.
Übrigens sollten damals „grün und gelb karierte Strümpfe eine Runde Schnäpse kosten“ (...) und sichtbare Hosenträger und ärmellose Westen unter Gefängnisstrafe stehen... Schließlich ist auch „W.“ ein Verfechter angemessener Crewkleidung, denn „nur der Steuermann sollte an Bord in blauem Jackett und Schirmmütze sitzen“. Praktische Arbeitskleidung, Hemd, Hose oder Troyer und Hose – und bitte keine Schirmmütze, die ohnehin sofort über Bord geht, seien doch für die ganze Besatzung möglichst gleichmäßig zu wählen. „Vielleicht in Renn –oder Clubfarben oder in der Lieblingsfarbe der hohen Eignerin“. Der gleichmäßige Anzug der Besatzung sehe eben nicht nur gut aus, sondern „ist auch ein Zeichen guter Borddisziplin“.

DAS KIND – findet erstmalig als Mitsegler Erwähnung – solle nie jünger als vier Jahre sein und stets in Matrosenkleidung auftreten. „Es sollte länger schwimmen als reden können und gelegentlich auch den Anordnungen der Eltern gehorchen.“

DER BOOTSMANN – sollte ebenfalls stets „anständig angezogen sein“. Sämtliche bezahlten Hände an Bord sollten einen Troyer mit dem - „recht klein und in weiß oder rot aufgestickten Namen des Bootes und darunter den Initialen des Clubs“ - tragen.

DIE DAME – seit kurzer Zeit als „Faktor im Segelsport“ anerkannt, sei am schönsten in einer Symphonie aus weiß und blau. Aber auch jede andere Farbe sei ja heute erlaubt, denn „die Dame soll innerlich und äußerlich die frohe Note an Bord bringen“. Unfroh hingegen seien Ringe, Schirme, Hüte und Abendkleider, die auf einer segelnden Yacht absolut nichts zu suchen haben. Ausnahme: lange Segelreisen, denn „nichts ist schöner, als nach anstrengender Fahrt durch die graue Wasserwüste, abends an Land bei Wein und Musik seine braungebrannte Bordgefährtin statt in Ölzeug in schönster Abendtoilette bewundern zu dürfen.“
Eine modische Mini-Revolution folgt im kommenden Absatz : „Für Damen, die zur arbeitenden Besatzung gehören, aber nur für diese, sind lange weiße oder blaue Hosen erlaubt.“ Und: „Daß der Rock kurz sein muss, braucht man heute wohl nicht besonders zu befehlen“...


1931

Interessanterweise weht nur drei Jahre später der modische Wind bereits wieder aus einer anderen Richtung. Im Yacht-Artikel „Was trage ich an Bord? – Grundlagen des guten Geschmacks“ (Yacht, 1931, Nr. 25, S. 17 f.) argwöhnt der Autor: „Den Segelrock nicht in Schulmädchenaufmachung, trotz der Beruhigung durch die Freundin, den Rocksaum noch eine Handbreit tiefer setzen.“ Der Schritt ins Beiboot biete ungeahnte Möglichkeiten zur „Belustigung der Mitsegler“. Auch solle die „liebe Seglerin sehr ehrlich sein“, ehe sie sich zu langen weiten Hosen bekenne. „ Bitte, ein wenig in den Spiegel schauen. (Jawohl, im Profil!). Wir wollen die Herren doch nicht erschrecken.“

Für den Schrecken sorgten wenige Jahre später jedoch ganz andere Kräfte und so rückte das Thema Segelmode erst wieder Mitte der 50er Jahre ins Bewusstsein der sich wieder neu konstituierenden Nation. Weiterhin bleibt die modische Frage eine Art Spiegelbild der gesellschaftlichen bzw. der wirtschaftlichen Situation. Beklagt sich doch der Yacht-Redakteur über das unbefriedigende Angebot an Segelkleidung. Ganz im Kontrast zur bodenständigeren Campingbekleidung mit zahlreichen „reizvollen Modellen“, hatte der wirtschaftliche Wiederaufschwung den Glauben an die Segelei als Breitensportphänomen noch nicht wieder gewonnen. Doch jetzt ist der Blick nicht länger national getrübt, sondern über die Landesgrenzen hinaus und in englische Fachzeitschriften hinein erlaubt: In England ist die Entwicklung einen Riesenschritt weiter: „Dort gibt es Seglerinnen-Kleidung, die man an Bord tragen kann, Modell für den Landgang und für das Klubhaus, die eine segelsportliche Note haben und dabei hübsch und farbenfreudig sind.“ (Yacht, 1956, Nr 10, S. 212 f.) Der Artikel dreht sich um die „Bordfrau“, die bei uns noch immer improvisieren muss, wenn sie sich „anziehend anziehen möchte“ und an der traditionellen, aber „etwas eintönigen und fast uniformartigen Bordbekleidung keine Freude hat“. Die Anforderungen an Bordbekleidung sind geblieben: sie muss hübsch, kleidsam, aber auch bequem und praktisch und für einen Törn auf See warm genug sein. Die farbige Vielfalt kommt jetzt allerdings als Kriterium, zumindest für die weibliche Seglerwelt, dazu. Rot, Grün, Himmelblau oder Orange werden künftig mutig kombiniert mit den Traditionsfarben Blau und Weiß. Auch in der Auswahl der Materialien geben die englischen Modehäuser den Kurs vor. Wind- und wasserdichte Jacken aus imprägniertem Segeltuch sind dort längst auf dem Markt. Erste Trapezanzüge werden im Modeland Frankreich entworfen und erregen in Jollenseglerkreisen Aufregung.


1956

Der männliche Teil der Crew halte – laut Yacht – „mit Recht auf Tradition auch in der Seglerkleidung“ (S. 215). Noch immer gilt der ein- oder zweireihige Klubanzug, kombiniert mit Segelmütze, weißer Segelhose und weißem oder blauem Segelsweater als „vorbildliche Segelkleidung“. Und doch muss der Yacht-Redakteur auch hier einen „grundsätzlichen Wandel“ konstatieren. „Diese Seglerkleidung stammt aus einer Zeit, in der die Jachtsegler große Jachten mit bezahlten Besatzungen segelten, selbst aber gern als ausgewachsene Seeleute gelten wollten.“ So könne man sich in dieser Kleidung zwar auf großen Decks problemlos bewegen, aber eher schlecht in eine Einmannjolle setzen oder auf die Luvkante eines Starbootes legen. „Sehr viele Regattasegler tragen im Rennen an Bord Anoraks oder ähnliche Windblusen, die – der Mode der farbenfrohen Rümpfe der Stare, FD`s und Drachenboote entsprechend – möglichst farbig gewählt werden.“ Ohne Frage hinterließ der Wandel des Regattasports auch auf dem modischen Feld sichtbare Spuren.


1956

IN DEN SECHZIGER JAHREN melden sich berufene Geister in der “Yacht”, um eine Art „See-Knigge“ zu reanimieren. Da schreibt sich Harald Baum dann die Lust am Badehose-Segeln und den Frust an unhöflichen Segel-„Kameraden“, die kein Päckchen neben sich dulden mögen, von der Seele. In punkto Kleidung werde die Etikette auf seiner kleinen 3-KR-Yacht „Alibi“ nur eingehalten, wenn es auch praktisch sei. Und am praktischsten sei nun einmal die Nietenhose in allen Bordlagen. Allein zum An- und Absegeln holte Baum damals Clubjackett und graue Hose aus dem Seesack. Uwe Möller, SV Niederelbe, sah die Kleiderordnung in seiner Elb-H-Jolle „Captaube“ noch einfacher. Denn, wohin mit dem blauen Anzug auf dem bisschen Platz? „Außerdem muss ich ehrlich sagen, ich freue mich, wenn Urlaub ist, und ich keinen Schlips brauche.“ Dr. Ernst Bullmer, NRV, schließlich hatte die Erfahrung gemacht:“Als ich in Vigo mit Blazer und weißer Clubmütze den Yachtclub besuchte, (...) wurde ich verständnislos angesehen und für einen besonders gut gekleideten Taxifahrer gehalten.“ Ein Erlebnis, das Edmund Schäffler vom Hamburger Segel-Club bestätigen konnte: „Wiederholt konnte ich im Ausland beobachten, dass die Gastgeber eigentlich recht salopp auftraten, während wir Deutschen mit unserer vorschriftsmäßigen Kleidung nahezu aus dem Rahmen fielen.“
Im Knigge-Schlusswort brachte Hans-Otto Schümann die modische Entwicklung auf den Punkt: „Über die Bekleidung an Bord gibt es eigentlich
keine Vorschriften. (...) Es sieht natürlich gut aus, wenn auf einer größeren Yacht die ganze Mannschaft mit einheitlichen Pullovern oder farbigen Mützen ausgestattet ist, aber auch das ist dem Geschmack jeden Eigners und seiner Crew überlassen.“ Niemand werde sich im Hochsommer darüber beklagen, wenn die Segler sich in Badehose oder Shorts an Deck bewegten, wie die Kurgäste am Strand. Aber beim Einlaufen in einen Hafen, sollte man sich so kleiden, als wenn man „vom Strand zum Essen ins Restaurant ginge. Jedoch das alles sollten eigentlich Selbstverständlichkeiten sein.“ Denn es sei doch weitgehend dem „Geschmack und dem Taktgefühl des Einzelnen überlassen, welchen Eindruck er bei seinen Mitmenschen oder Mitseglern hinterlassen will.“ (Yacht, 1965, Nr. 18, S. 38 f.)

Die revolutionären 60er und wilden 70er Jahre folgten, in denen Kleidung wieder eine programmatische Bedeutung erhielt - diesmal die des trotzigen Widerstandes oder der Etablierung der eigenen Weltanschauung. Längst hat auch die hiesige Modeindustrie die Stilbewussten - und zum großen Teil Zahlungskräftigen - Segler für sich entdeckt. Marken wie Henri Lloyd, musto, Helly Hansen usw. gehören zum Equipment wie die passenden Segel zum Boot. Funktionales Ölzeug aus hochmodernen atmungsaktiven Materialien stand lange im Vordergrund der Entwicklungsbemühungen – seit einigen Jahren jedoch zeigt die Segelmode auch Breitenwirkung im alltagstauglichen Terrain.

So lässt sich ein modischer turn-around im Licht des vergangenen Jahrhunderts feststellen. Bestand die Segelkluft zunächst aus Traditionen von Marine und Herrensegler-Spirit oder aus Elementen des Alltaglebens, so durchdringt die Segelmode heute als eigenständiger markt-wirtschaftlicher Faktor kursangebend die gesamte Freizeitkleidung. Das Diktat der Modewelt scheint zur Zeit eindeutig: Typische Segler-Marken wie Murphy & Nye, Gaastra, H2O oder North Sails behaupten ihren festen Platz in „weltlichen“ Modehäusern. Segelfremde Marken schmücken sich zum Ausgleich konsequenterweise mit riesigen Regatta-Nummern auf Brust und Rücken, zieren Ärmel unzähliger Sweat-Shirts mit Aufdrucken wie „Crew“ oder „Skipper“. Bequemer kommt niemand zum eigenen Boot. Der Segel-Look boomt mit seinen lässigen Materialien, legeren Schnitten und der nach Wind und Wellen schnuppernden Outdoor-Optik.

Ergebnis: An Sommertagen sieht jeder zweite Kieler wie ein echter Segler aus – und gehört doch eher zu den Sehleuten. Und hier kommt sie wieder ins Spiel, die Crewkleidung! Nachdem wir uns nun nicht mehr trotzig mittels durchlöcherter Jeans vom Establishment abgrenzen müssen und auch sonst den ästhetischen Reiz des einheitlichen Looks nachvollziehen können, ein letztes kleines Argument pro Crewklamotte: Sie hilft heutzutage doch tatsächlich ein wenig bei der Abgrenzung, und erhält die Trennung zwischen echten Salzbuckel-Seglern und Publikum aufrecht, - lässt sich doch hoffentlich schwerlich eine ganze Familie gestandener Nicht-Segler vom Kauf eines einheitlichen Segellooks überzeugen...

 


“Cotton Blossom”


“Lulworth”

Fotos: U. Sommerwerck // Zeichnungen: Age Nissen