Kleinsegler des Meeres

Vorgestellt von Volker Christmann

„Kleinsegler des Meeres“ - so lautet der Titel eines spannend zu lesenden Buches von Stanley Rogers, 1936 bei Brockhaus in Leipzig erschienen. Das Buch beschreibt alle Facetten der Lustsegelei, vom offenen Boot zu den diversen Fahrtenseglern in den verschiedenen Revieren, von Schiffen, die nicht wiederkehrten, und Hochstaplern der Meere bis hin zum America‘s Cup. Um die Fahrtensegelei in Kleinstbooten bzw. mit kleinem Geldbeutel zu beleuchten, bietet dieses Buch hervorragenden Stoff. Sind doch nicht nur die allseits bekannten Segler enthalten, sondern auch viele kleine Episoden von Leuten, die Unglaubliches vollbrachten, aber nie ein Buch geschrieben haben.

So lese ich immer wieder gerne die Passage des Deutschen Paul Müller, des wohl ärmsten aller Weltmeere-Bezwinger und ausgesprochener Pechvogel. Müller saß 14 Jahre wegen eines in seiner Jugend verübten Einbruchs im Gefängnis und träumte während dieser Zeit von der Freiheit der Weltmeere. Er hatte keine Ahnung vom Segelsport, aber einen starken Willen. Nach seiner Freilassung schuftete er rund um die Uhr und konnte so 800 Mark zur Seite legen um sich für 600 Mark vom Bootsbauer (- das waren noch Zeiten, man schreibt das Jahr 1928-) eine kleine Jolle bauen zu lassen. Beim ersten Probeschlag vor Hamburg kenterte er und Schuld war natürlich der Bootsbauer, der ihm das ranke Ding „angedreht“ hatte. Wut entbrannt lief er in die Werft und zerschlug ein dort liegendes Pendant. Da der Werftmensch solches Tun nicht ungestraft dulden wollte und zur Polizei ging, war Müller von nun an auf der Flucht. Seine Freundin lieh ihm kurzerhand das Geld für ein neues Boot, das taufte er auf ihren Namen „Aga“, sie versprachen sich die Ehe und er lief Hals über Kopf mit minimalistischer Ausrüstung von Hamburg bei Sturm aus und kam bis zu einer Sandbank in der Elbmündung. Durch die plötzliche, ungeplante Abreise besaß er auch keinen Pass, was ihm immer wieder zum Verhängnis wurde und zu Landesverweisen führte. Auf das Segel hatte er in großen Buchstaben „Von Hamburg nach Amerika“ geschrieben, das Boot maß 5,50 m Länge. Die spannende und von viel Ungemach gespickte Geschichte seiner Reise möchte ich hier nicht vorweg nehmen, sonst liest keiner mehr das Buch, aber so viel sei gesagt, er erreicht unter großen Strapazen Amerika, dort heiratet er Aga und muss feststellen, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten für ihn keine Lösung hat, und so kehrt er mit seiner junge Frau nach Deutschland zurück.
Stanley Rogers Buch ist voller solch kleiner Geschichten und gerade im Winter amüsant hinterm warmen Ofen zu lesen.

Die gleiche Geschichte findet sich ähnlich auch im Buch von Joachim Schult: Erstleistungen deutscher Segler.
Wenn oben von einer mehr als spartanischen Ausrüstung die Rede war, so fällt einem spontan Joshua Slocum ein. Der hatte zwar kein kleines Schiff, seine „Spray“ hatte immerhin eine LüA von 11,03 Meter, doch seine Ausrüstung war mehr als dürftig und würde heute von jedem Seeamt als grob fahrlässig beurteilt. Ich denke z. B. an sein Ölzeug, eine alte Lederjacke, die er versuchte, mit Tranfett wasserdicht zu bekommen - da hat man dann nicht nur Sauwetter, sondern noch ein feines Düftchen um die Nase, wen wundert‘s, wenn man dann seekrank wird? Sein Buch „Allein um die Welt“ liest sich ebenfalls sehr spannend, wobei für Buchfans die frühe Brockhausausgabe mit dem Titel „Erdumseglung ganz allein!“ wunderschön ist, hat sie doch 41 lustige Zeichnungen.

Für die Englischsprachigen seien zwei frühe Bücher erwähnt. Die Brüder Andrews, „A Daring Voyage“, segelten 1878 im offenen 19 feet langen (5,80 m) Boot über den Atlantik. Bereits ein Jahr vorher hatte Capt. Crapo, „Strange, but true“, ebenfalls in einem 19 foot Dory Boot den Atlantik mit seiner Frau überquert. Erwähnt werden müssen noch der Wiesbadener Ludwig Eisenbraun, der 1903 im Kleinstboot den Atlantik bezwang, dann nach Marseille segelte, die Rhone hinauf fuhr und über Saone und Kanäle den Rhein hinunter, um seine Mutter in Biebrich (Wiesbaden) zu besuchen. Oder Johannes Voss: Im Kanu um die Welt, und Willi Münch-Khe: Kapitän Romer bezwingt den Atlantik in einem Paddelboot, Ähnliches tat Jahre später Hannes Lindemann, und zwar gleich dreimal, zuerst im Paddelboot, dann im Einbaum und schließlich im Katamaran, im Vergleich Luxus pur.
Rudolf Ude: Mein Schiff geht nach See. Sein Spitzgatter „Spucht III“ misst 7 m Länge und bringt ihn ins Mittelmeer und zurück.
Dann waren da noch Abenteurer, die Wissenschaftliches beweisen wollten und mit eigenartigen Flößen über die Weltmeere fuhren, so Thor Heyerdahl, William Willis oder kürzlich Klaus Hympendahl.
Einer geht noch: Gerry Spies: ... und mein Boot war so klein. Das kann er mit Fug und Recht behaupten, Gerry fuhr mit einem 3,05 m langen Schiffchen über den Atlantik.

Wie man sieht, bedarf es, um große Träume zu realisieren, manchmal nur eines kleinen Budgets, aber es ist wie Segeln im Sturm - wenn man wieder im sicheren Hafen ist, sind die Strapazen vergessen und hinterher war alles einfach nur schön.