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Der Kobold Preis

Die H-Jollen-Klasse hat immer etwas zu feiern. So auch im Jahr 2019, denn da stand wieder ein Jubiläum an. Warum? 1929 fand auf der Hamburger Außenalster eine Regatta unter dem Namen Kobold-Preis zum ersten Mal statt. Also 90 Jahre zuvor.

Der Kobold-Preis – Ein Jubiläumstreffen

Mit der Ausschreibung des Kobold-Preises 1929 versuchten der Norddeutsche Regatta Verein (NRV) seinerzeit die F-Jolle, das war die 1925 geschaffene 15-qm-Wanderjolle des damaligen D.S.Vb., dem der NRV angehörte, zu protegieren und auf der Alster einzuführen. Gleichzeitig wollte man die aufstrebende Klasse, die auf den Gewässern in Berlin schon viele Freunde gefunden hatte, aber nicht nur auf der Alster etablieren, sondern auch die engen seglerischen Verbindungen zwischen den Berliner Verbandsvereinen, den Verbandsvereinen des Steinhuder Meeres und dem Hamburger NRV festigen. 19 F-Jollen-Segler waren am Start. Der bekannteste Vertreter der noch jungen Klasse auf der Alster war damals der spätere Gewinner dieser Regatta, Pimm von Hütschler, Mitglied im NRV, kurze Zeit Besitzer einer F-Jolle, und wenig später Deutschlands erster Starboot-Weltmeister. 

Eine F-Jolle in Gleitfahrt

 

Wie bekannt, ist es dem NRV trotz der gut besuchten Regatta 1929 damals sein Vorhaben nicht gelungen. Die Klasse konnte sich nicht etablieren, die Regatta wurde unter dem Namen nur ein einziges Mal ausgetragen. Und der attraktive Preis, besser gesagt, die Trophäe, nämlich ein silberner Sektkühler mit Wildschweinhauern als Henkel, verschwand in den Vitrinen der Familie des Gewinners ... bis ins Jahr 2001. 

Pimm von Hütschler und sein Schotte

 

Ungefähr zur gleichen Zeit hatte der Autor dieses Berichts in den vom Alster-Piraten-Club, einer eigenständigen Jugendorganisation des NRV, herausgegebenen und vom Journalisten Kai Krüger bearbeiteten Biographie Walter von Hütschlers, „Segeln – mein Leben“ mit dem Untertitel „Die Memoiren eines großen Seglers“, nachgelesen, dass der Pokal im Gegensatz zu den meisten seiner anderen Preise, Bilder, Segel-Tagebücher und Souvenirs, die 1943 auf der Ausreise der Familie von New Orleans nach Brasilien durch einen deutschen U-Boot-Angriff verloren gegangen waren, nicht dabei gewesen ist und er der Familie im heißen Brasilien noch so manchen guten Dienst erwiesen hat.

Somit war es also nicht ganz unrealistisch, diesen 1929 als „Sonderpreis“ vom  späteren NRV-Vorsitzenden und DSV-Präsidenten Hamburger Dietrich Fischer gestifteten Sektkühler wiederzufinden. „Kobold“ – nach Aussagen des Lexikons „ein kleiner, lustiger Hausgeist“ – hießen nach Krügers Ausführungen alle Segelboote, die der Hamburger Dietrich Fischer einst gesegelt hat.  Nicht eindeutig geklärt werden konnte bis heute, ob von Hütschler, wie es bei Krüger heißt, sein bei Lehmann in Berlin Woltersdorf konstruiertes Siegerboot mit dem Segelzeichen F 58 von Fischer nur ausgeliehen und in den Wettfahrten unter dem Bootsnamen "Pimm" geführt hat, oder die F 58 als "Pimm" von der Hamburger Werft Fuhlendorf gebaut worden ist. 

Original Kobold

 

Aus der Biographie war dann zu erfahren, dass sich von Hütschler seit Beginn der 1980er Jahre für den Rest seines langen Lebens endgültig in Deutschland niedergelassen und mit seiner letzten Lebensgefährtin zusammengelebt hätte. Die Suche begann. Es folgten mit Frau Ochsenreither eine Reihe aufschlussreicher und  interessanter Telefonate, Briefe wurden gewechselt, Fotos tauchten auf ... und mit ihnen die Gewissheit, dass der Pokal noch existierte. Über den NRV bekam der Autor dann die Adresse der in der Schweiz lebenden Tochter Walter von Hütschlers. Und nach einem ausführlichen Brief, in dem die umfangreiche Geschichte um den Kobold-Preis geschildert wurde, die Antwort, dass der Preis existiere und dem NRV und der Klassenvereinigung der H-Jollen leihweise vorerst bis zum Jahre 2010 als „Sonderpreis“ zur Verfügung gestellt werde. Er müsse persönlich aus der Schweiz geholt werden und entsprechend wieder zurückgegeben werden.

In den Ausschreibungen hieß es: „Das Original“ wird in Übereinkunft mit den Organisatoren und dem Veranstalter des Kobold-Preises jährlich als Auszeichnung für eine besondere Tat, die im Zusammenhang mit dieser Regatta steht, vergeben. Er wird symbolisch verliehen und verbleibt über das Jahr sicher verwahrt in den Vitrinen des Vereins. 

Das Original

 

Der Pokal durfte bis 2014 verliehen werden und befindet sich heute wieder in der Schweiz. Eine besondere Ehre wäre es für die Veranstalter, wenn zu dem Jubiläum auch aufgrund einer persönlichen Einladung die Tochter "Pimm" von Hütschlers nach Hamburg kommen würde.

Die klassischen in Vollholz gebauten H-Jollen gehören inzwischen zu den beliebtesten Vertretern nicht nur auf dem Hamburger Stadtrevier und sind bei allen Traditionsregatten zahlreich und vor allem auch äußerst erfolgreich vertreten. 

Obwohl er 73 Jahre warten musste, bis die Regatta 2002 unter dem historischen Namen erneut ausgetragen wurde – man kann auch sagen: ehe das Original wieder das Licht der Öffentlichkeit erblickte –, soll es doch für die Klasse ein willkommener Anlass sein, dieses Jubiläum nach 90 Jahren gebührend zu feiern. Wenn in diesem Jahr am 01. Juni 2019 also wieder um 13.00 Uhr direkt vor dem Steg des Norddeutschen Regatta Vereins das Startsignal dann zum 18. Kobold-Preis neuer Zeitrechnung ertönen wird, hoffen natürlich alle Teilnehmer wieder auf ähnlich gute Bedingungen wie einst im September 1929 und wie sie aber auch in den letzten Jahren oft vorgeherrscht haben: viel Sonne und guter Wind. 

Der Preistisch

 

Diese Wettfahrt ist längst fester Bestandteil auch der offiziellen H-Jollen-Ranglistenregatten geworden. In jedem Jahr sind immer mehr als ein Dutzend H-Jollen in Vollholzbauweise am Start gewesen und haben die Gastfreundschaft im ausrichtenden Hamburger NRV genossen. Hinzu kommt, dass die Regatta nicht nur unmittelbar vor dem Clubgelände gestartet, sondern auch dort beendet wird, sodass auch den nicht segelnden Gästen etwas geboten wird. Interessant ist an dem historischen Kurs, der auf der Alster abgesegelt wird, für Regattaneulinge oder diejenigen, die seltener oder noch nie eine Regatta gesegelt sind, dass nicht, wie heute allgemein üblich, nur im Dreieck gesegelt wird, sondern die langen Strecken über die Alster auch mal einen entspannten Blick über die Hamburger City erlauben.

Zum 2019er Jubiläum wurden auch einige Ehrengäste erwartet, ehemalige H-Jollen-Segler aus Ost und West, die teilweise schon in den 1950er Jahren unsere damals noch in Vollholz gebauten Vertreter gesegelt sind.  Das Programm war vielfältig. Die offiziellen Jubiläumswettfahrten fanden wie immer am Samstag und Sonntag statt. Frühankommer – nicht nur Berlin, sondern auch Hamburg ist immer eine Reise wert – hatten die Möglichkeit, am Mittwochabend bei der vom Hamburger SC ausgetragenen wöchentlichen Känguruh-Regatta (beim HSC schreibt man die mit h) teilzunehmen, der bundesweit wohl größten Veranstaltung dieser Art mit teilweise bis zu 90 Startern aller Klassen. 

Wer übrigens noch einmal alle bisherigen Preisgewinner und die Regattaberichte nachlesen bzw. einige schöne Fotos des Geschehens betrachten möchte, kann dieses auf der Homepage der Veranstaltung unter www.kobold-preis.com tun.

 

Walter von Hütschler - Gewinner des Kobold-Preises 1929

 Das meiste im Leben ist Durchschnitt. Gut ist besser, schlecht ist schlechter als das Mittelmaß. Will man aber ganz oben sein, kann man es sich nicht leisten, auch nur dem kleinsten Faktor gegenüber gleichgültig zu sein.“  (Segeln – mein Leben, S. 93)

Ich denke, nur wenige von uns H-Jollen-Seglern, die 1985 anlässlich des 60-jährigen Jubiläums unserer Klasse in Bosau zu Gast waren, werden sich an den feinen, humorvollen älteren Herren und fairen Sportsmann alten Schlages erinnern, der in einer kurzen Ansprache über die Möglichkeit der weiteren (sogar internationalen) Verbreitung der H-Jolle referierte. Walter Fiebing aus Berlin, inzwischen verstorbenes Urgestein in der damaligen H-Jollen-Szene, hatte es geschafft, dass der seinerzeit 79-jährige Walter von Hütschler, Gewinner des Kobold-Preises von 1929, die Veranstaltung in Bosau als Ehrengast besuchte, obwohl ich mir nicht klar war, wem von den anwesenden Gästen im großen Saal des Hotels Strauer dieser „Pimm“, wie er in deutschen Seglerkreisen nur genannt wurde, überhaupt bekannt war.

Segeln - mein Leben, herausgegeben vom Alster-Piraten-Club, einer eigenständigen Jugend-organisation des Hamburger NRVs, heißen die Memoiren dieses großen Seglers, der 1938 u. 1939 zweimal Starboot-Weltmeister wurde, der Erfinder des flexiblen Riggs, der heute üblichen Großschotführung, des Baumniederholers und der Fockholepunkt-Verstellung war und vor seiner internationalen Kariere u.a. 15er Rennjolle (M-Jolle), 22er nationale Rennjolle (J-Jolle) und Ende der 20er Jahre auch kurz eine 15 qm-Wanderjolle (F-Jolle/Wanderjolle des DSVb) gesegelt hatte.

Um sich ein noch besseres Bild dieses erfolgreichen Seglers machen zu können, der 1997, 91-jährig, verstarb, möchte ich diesen außergewöhnlichen Mann etwas näher vorstellen:

Walter von Hütschler wurde 1906 in Sao Paulo geboren. Sein aus Brake eingewanderter Vater machte die Brauerei Antarctica zur größten in Südamerika. Nach dem Tode des Vaters kehrte die Mutter mit den beiden Söhnen nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Seinen brasilianischen Pass hat er zwar nie gegen einen deutschen eingetauscht, sich aber immer als Deutscher, vor allem als Hamburger, gefühlt. Hamburg war seine Heimat, dort ist er aufgewachsen, hat segeln gelernt, seine ersten Regatten gewonnen und war stets um die Verbesserung von Trimmeinrichtungen bemüht. Der Norddeutsche Regattaverein (NRV) war sein Club, der ihn später auch zum Ehrenmitglied ernannt hat, und auf ganz besondere Weise fühlte er sich zeitlebens als sog. „Oberpirat“ dem Alster Piraten Club (APC) verbunden, in dem er groß geworden war.

Erste See-Erfahrungen hatte ich schon unmittelbar nach unserer Ankunft in Deutschland sammeln können. Wir lebten anfangs in Bad Godesberg, wo mein fünf Jahre älterer Bruder Hans im Internat war. Der Park-Tümpel dort hatte mir Gelegenheit gegeben, Stunden um Stunden einen schweren Appelkahn zu rudern und das Benehmen eines Bootes beim Anlegen oder bei der Verlagerung meines Körpergewichtes zu studieren. Als ich nun aber die Segelboote auf der Alster einherhuschen sah, da blieb mein Herz stehen oder pochte doppelt, ich weiß nicht mehr, was. Jedenfalls ging es mir, wie der Hamburger sagt, ‚duich‘ und ‚duich‘.

Eines schönen Tages sah ich auf dem Nachhauseweg von der Schule meinen Bruder bei Totenflaute in einem Mietspott unter Segeln einhertreiben, und ich machte mir fast in die Hose.

Er nahm mich gütigst an Bord, und obwohl eigentlich gar nichts geschah, kam ich mir vor, als ob ich einen Götterthron bestiege.

Dann kam Hans, fünf Jahre älter als ich, ein schweres Mahagoni-Kanu mit Seitenschwertern und einem Lateinersegel geschenkt. Man kann nicht sagen, daß „Schipper Hein“ an den Wind gegangen wäre. Man brauchte eine dreiviertel Stunde, um das zurückzuergattern, was man in zehn Minuten vorm Wind nach Lee verloren hatte. Es gab nichts besseres, als dieses Kanu, um das Beobachten auch der kleinsten Windvariationen zu erlernen. Sonst wäre man überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen.“(ebenda – S. 26)

Die ersten größeren Erfolge erzielte von Hütschler im Zwölf-Fuß-Dinghy, in dem er 15-jährig auch Jahresbester der NRV-Jugend wurde. Außerdem sammelte er reichlich Erfahrung als Mitsegler und gelegentlicher Fockaffe auf den verschiedensten Booten des Clubs.

1922 schenkte ihm seine Mutter mit 16 ein hochgetakeltes Dhingy-Gig von 4,20 Meter Länge, den der Hamburger Bootsbauer Cäsar Fuhlendorff entwickelt hatte ... sein erster „Pimm“. Unter diesen dann auf ihn übertragenen Spitznamen, den ihm eine mit der Familie befreundete Konzertpianistin gegeben hatte, wurde er schließlich auch in weiten Seglerkreisen berühmt.

Nur knapp verpasste er es, mit seiner Jolle 1922 Jahresbester in den Verbandsregatten zu werden. Als dann ein Jahr später auf der Alster immer mehr freie 10er-, 15er- und 20er-Rennjollen-Klassen auftauchten, hatte er überhaupt keine Chance mehr und so wurde 1923 ein gebrauchter und von Willy Lehmann aus Berlin konstruierter 15er gekauft.  

 Was machte seinen Segelstil außerdem so erfolgreich?

 Wenn das Segeln für mich König ist, dann ist das Musische der Kaiser.“   (ebenda S. 30)

Das Segeln hat wie das Musische viel mit Harmonie zu tun. Bei mir an Bord darf nichts ruckartig gemacht werden, auch wenn es schnell gehen soll. Die Wenden, das Steuern, Gewichtsverlagerung, Groß- und Vorschotführung – alles muß fließen, sanfte Übergänge haben.“ (ebenda - S. 34)

Nicht von ungefähr war seine letzte Lebensgefährtin die ehemalige Hamburger Opernsängerin Edith Ochsenreither, mit der er seit Beginn der 1980er Jahre bis zu seinem Tode 1997 in Jockgrim lebte und die ihn vor allem in seinen letzten Lebensjahren, als er immer häufiger krankheitsbedingt ans Bett gefesselt war, liebevoll gepflegt hat.

Zurück in die zwanziger Jahre. Von Willy Lehmann bestellte seine Mutter 1925/26 eine neue Nationale 22er-Rennjolle, die J 379. Von Hütschlers Freunde Egon Beyn und Friedel Völker stiegen zu ihm ins Boot und auf Anhieb gewannen die drei 1926 den Seglerhaus-Preis auf dem Berliner Wannsee, das „Deutsche Jollen-Derby“ schlechthin, wie er  es in seinen Memoiren formuliert. Walter von Hütschler war gerade 20 ... und bezeichnet dieses Jahr als das schönste in seiner fast 60-jährigen Laufbahn als Regattasegler.

In der Vorbereitung auf diese Regatta führte ihn sein Weg auch nach Steinhude und er verglich in seinen Erinnerungen die Windverhältnisse des Steinhuder Meeres mit denen der Alster:

Außerdem ist ein Revier wie das von Steinhude mit seinen durchweg regelmäßigen Winden – jedenfalls bei bestimmten Windrichtungen – gar nicht mein Fall. Erstaunlich, wie viele Segler von gleichmäßig durchstehenden Winden schwärmen. Für mich ist so ein Wind regattatechnisch langweilig. Man kann wenig machen. Ob dieser oder jener Bug, ob man raumschots zu Luv oder in Lee geht, es ist alles das selbe Lied. Es kommt dabei ja nur auf die Geschwindigkeit an, auf den ‚speed‘, den man aus dem Boot rausholt. Meine Stärke, mein Vergnügen sind Winddrehungen und Böen, die man für sich ausnutzen kann. Dafür ist die Alster eine der besten Schulen, denn verrücktere Püster kann es kaum geben. Zu meiner Zeit kursierte der Schnack, man müsse ein Zimmermädchen im Atlantic zur Freundin haben, die einen durch das Öffnen der richtigen Türen und Fenster mit individuellen Brisen beglückt.“ (ebenda -     S. 35)

Auf den überraschenden Sieg folgte dann das, was wohl seit jeher schon immer mit dem Segeln verbunden war, das Feiern und Begießen des Erreichten. Von Hütschler war kein Kind von Traurigkeit und hat sich auch nie gescheut, so manchen über den Durst zu trinken.

Wir siegten triumphierend und triumphierten zu dritt. Wir besoffen uns – trinken konnte man das nicht mehr nennen – nach einer Regel: Die leeren Weinflaschen mußten auf Tuchfühlung den ganzen Tisch entlang stehen.“(ebenda - S. 35)

Sport zu treiben, war für von Hütschler immer Vergnügen, Erholung und Ablenkung, Bei aller Zielstrebigkeit – nie war er verkniffen. Beseelt vom englischen Sportsgeist, wo es immer noch ‚play‘ und ‚game‘ heißt, erzählte er folgende Geschichte, die er erlebte, als er 1934 an einem Dreiländerkampf gegen England und Holland im 12-m²-Sharpie teilgenommen hatte:

 1934 nahm ich in Burnham-on-Crouch bei Harwich an einem Dreiländerkampf gegen England und Holland teil. Wir segelten im 12-m²-Sharpie und standen nach einem mies-kalten, stürmisch-regnerischen Nachmittag längst in trockenem Zeug an der Bar, in der Hand den zweiten Whisky. Da kam ein fast 60jähriges englisches Ehepaar triefend und durchfroren an uns vorbei. Sie waren die ungesehenen Letzten unseres Feldes. Der bejahrte Knabe rieb sich vor uns am Kamin grinsend die Hände und utterte - welch herrliches Wort für laut  zuflüstern: Was not this a wanderful race again, today“ - war das nicht wieder eine wundervolle Regatta heute?“ (ebenda – S. 38)

Es folgte 1929 dann das kurze Intermezzo mit der F 58, der 1929 bei/von Lehmann konstruierten Jolle der 15-m²-Binnenfahrtklasse. Die Klasse galt inzwischen in Jollen-Seglerkreisen als vielseitiger zu verwendende Alternative zu den Rennjollen und hatte sich vor allem im Berliner Raum, wo sie 1925 als weitere Verbandsjolle entstanden war, immer mehr verbreitet. In Hamburg spielte sie auf der Alster trotz etlicher Bemühungen, sie auch hier stärker zu etablieren, nur eine kurzfristige Rolle. Der spätere NRV-Vorsitzende und DSV-Präsident Dietrich Fischer wollte die Klasse stärker protegieren und stiftete anlässlich der Herbst-Verbandswettfahrten auf der Alster zur Sonderwettfahrt des Norddeutschen Regatta-Vereins einen Sonderpreis, den ‚Kobold-Preis‘. In der Biographie heißt es (widersprüchlich), dass von Hütschler nach dem Verkauf der J-Jolle Ende 1926 hauptsächlich von Freunden geliehene Boote segelte, so auch die F 58. In den Berichten zu dieser Wettfahrt in der Segelzeitschrift Yacht wird allerdings von Hütschler selbst als Eigner und Steuermann der „Pimm“ angegeben. Ebenso ist er mit der F 58 im regelmäßig in der Yacht veröffentlichten Bootsregister zu finden. Er gewann diese Sonderwettfahrt und damit den von Fischer gestifteten Sektkühler, der mit ihm dann um die halbe Welt gereist ist und ihm, nach eigenen Aussagen, „später, in dem schmorenden Brasilien noch wertvolle Dienste erwiesen hat“. (ebenda – S. 41)

 Am Rande bemerkt: Im gleichen Jahr kam Ende November übrigens noch der berühmte englische Segler Yacht-Konstrukteur Uffa Fox im Auftrag des britischen Seglerverbandes nach Hamburg an die Alster, um die deutschen Jollenklassen kennenzulernen. Dieser segelte auch von Hütschlers F-Jolle, fand großen Gefallen an der Klasse ... nur hat sich das Königreich dann wenig später für eine andere deutsche Konstruktion, das 12er-Sharpie, entschieden.

Nach fünf Jahren im Ausland – England, Brasilien und Frankreich – kam von Hütschler 1932 zurück nach Hamburg, fuhr Motorrad, ging zum Schwimmen, lief Ski, ruderte, lernte das Fliegen und im Winter boxte er sogar. Und 1935 bestellte er sich dann bei Cäsar Fuhlendorff aus Hamburg seinen ersten, eigenen Star. Über die vielen Detailverbesserungen, die er entwickelte und auf seinem Boot umsetzte, sei nur das schon oben angesprochene „flexible“ Rigg genannt, das er als Erster einsetzte und ihm eine derartige Bootsgeschwindigkeit und Höhe einbrachte, dass er neben der Genua-Woche auch sofort die Deutsche Meisterschaft gewann und 1936 dann die Europameisterschaft. Auf die  Olympiade 1936 vor Kiel verzichtete er. Er wollte sich von den Machthabern des Dritten Reiches nicht „kaufen“ lassen und behielt seine brasilianische Staatsbürgerschaft.

Dass er sogar die Ehre hatte, vor Cowes auf der „Endeavour“ mitzusegeln, sei nur am Rande erwähnt.

Mit seinem im Winter 1936/37 bei Abeking & Rasmussen gebauten zweiten Star wurde er dann nach seiner legendären Vizeweltmeisterschaft in den USA 1937 in den folgenden Jahren zweimaliger Weltmeister in der Klasse.

Der Krieg vereitelte darauf seine weitere Führung im internationalen Segelsport.

1985 feierte die H-Jollen-Klasse in Bosau am Großen Plöner See ihr 60-jähriges Jubiläum mit 79 gemeldeten H-Jollen, eine bis heute unerreichte Meldezahl. Walter Fiebing, Urgestein aus Berlin und schon aktiver Segler in den 1920er Jahren, hatte von Hütschler noch von damals gekannt und stand wohl gelegentlich immer noch mit ihm im Kontakt. Jedenfalls lud er von Hütschler im Namen der Klassenvereinigung nach Bosau ein. Im Hotel Strauer hielt während der Feier „der kleine feine Herr, den die meisten anwesenden Gäste gar nicht kannten“, wie man in einem Bericht in der Klassenzeitung „Verklicker“ später nachlesen konnte, eine kleine Ansprache, in der er vorschlug, wie man die Klasse evt. auch international verbreiten könne. Man müsse mit ihr halt auch in anderen Ländern Treffen und Regatten organisieren. Dann würde man sicher auch dort auf die schöne Klasse aufmerksam machen.

Idee und Wirklichkeit lagen aber leider schon da weit auseinander.

 

Michael Krieg