Die Königin
„Die H-Jolle ist tot! Es lebe die H-Jolle!“ So betitelte das Segelsportmagazin „Yacht“ in ihrer Ausgabe 8/1965 einen zweiseitigen Bericht über die Klasse, deren Neubautätigkeiten stark zurückgegangen waren. Die Gründe waren vielfältig.
Ein Wort zur Entstehung „Königin“ H 530 – gleichzeitig ein Stück Klassengeschichte:
- In nationalen Klassen durfte seit zwei Jahren keine Dt. Meisterschaft mehr ausgesegelt werden – der Beschluss wurde aber 1965 wieder aufgehoben,
- die H-Jolle als Konstruktionsklasse hatte längst keine innovativen Ideen mehr hervorgebracht, wurde immer noch in Vollholz gebaut und war entsprechend teuer,
- der formverleimte internationale FD hatte ihr längst den Rang abgelaufen und
- der Sperrholz-Zugvogel griff alle diejenigen Segler ab, denen die H-Jolle zu sportlich war.
So entschloss sich der Schreiber des Yacht-Artikels, der heute immer noch segelnde und rüstige 88-jährige Essener Ric Stiens, sich in der Bootswerft Willi Kother in Krefeld zur Saison 1964 einen neuen Grunewald-Riss bauen zu lassen.
Ric Stiens damals
Der Autor dieses Artikels, profunder Kenner vor allem auch der H-Jollen-Szene, setzte sich während seiner Recherche zur Geschichte dieser Jolle mit dem damaligen Ersteigner Ric Stiens in Verbindung. Stiens: „Der Zufall wollte es, dass damals der Berliner Konstrukteur Kurt Grunewald in Essen wohnte und ich ihm somit meine Idee von einer modernen H-Jolle schonend beibringen konnte. Er wollte zunächst nicht anbeißen und der Werft Fricke am Dümmer keine Konkurrenz machen.“ Zur Erklärung: Die meisten H-Jollen der späten 1950er und frühen 1960er Jahre wurden nach einem Grunewald-Riss bei Fricke – heute Fricke & Dannhus – gebaut. Und er fuhr fort, dass Grunewald dann doch einen schnellen Rumpf mit seinen Ausbau-Ideen ohne jeden Firlefanz konstruierte. Hintergrund war, dass er und sein Segelfreund Gerd Rose, beide mit ihren Jollen auf dem Essener Baldeneysee beheimatet und unerbittliche Verfechter zur Aufrechterhaltung der H-Jolle als Konstruktionsklasse, versuchten, der Klasse frischen Wind einzuhauchen, Rose mit der H 521, „Inga“ und Stiens halt mit der 1,87 Meter breiten H 530, der er den Namen – nomen est omen – „Königin gab“. Und die hatte, im Vergleich zu den bisher hauptsächlich von Fricke & Dannhus gebauten H-Jollen einige Neuerungen zu bieten: geringstzulässiges Freibord, leichteres Sperrholzdeck ohne Wellenbrecher und Süllrand, rechts und links am Mast Öffnungen im Deck für den Spinnaker, der „außenrum“ gefahren wird, Elvström-Lenzer und Lenzklappen am Spiegel. Hinzu kamen ein dünner, leichter Holzmast ohne feste Vorstagspiere, wobei die Fock dank eines FD-Beschlags mit endlos geführter Bedienungsleine im Boot rollbar war. Das Niroschwert war ebenfalls aus Gewichtsgründen am Hals mehrfach durchbohrt. Der Spaß kostete ihn damals regattaklar, d.h. incl. Persenning und Segel – Groß, Spi und drei Vorsegel – rund achteinhalbtausend DM.
H 530 anno 1964
Die „Königin“ sorgte für einige Aufregung in der Klasse und war nicht unumstritten, läutete aber tatsächlich eine bis 1970 dauernde Phase in der Klasse ein. Erst dann wurden die bis dahin immer noch in Vollholz gebauten H-Jollen, inzwischen 1,90 Meter breit und mit flexibleren Alumasten bestückt, von der Kother-GFK-Version abgelöst.
Das aber ist eine andere Geschichte.
Michael Krieg




