Ein`n an der Gaffel
Neuartiger Beschlag? Ein Dorn ersetzt die Hahnepot In der H-Jollen-Klasse gibt es bei den klassischen in Vollholz gebauten und noch mit einer Gaffeltakelung ausgerüsteten Vertreter seit Längerem die Diskussion um einen Beschlag, der die Hahnepot an der Gaffelspiere durch einen spitz zulaufenden Dorn ersetzt. Bringt das Vorteile?
Gaffelgetakelte H-Jolle (H80)
Bei vielen klassischen Jollenkreuzer oder Jollen werden oft noch Gaffelsegel gesetzt. Dabei handelt es sich um ein Schratsegel. Es steht im Gegensatz zum Rahsegel längsschiffs und kann senkrecht gesetzt werden. Das Gaffelliek wird in eine bewegliche Gaffelspiere eingezogen bzw. angereiht, die dann zum Hinausstrecken des oberen Teils des Gaffelsegels dient.
Setzen eines Gaffelsegels
Zum Segelsetzen müssen nun im Gegensatz zur Topptakelung zwei Fallen, das Klaufall und das Piekfall, bedient werden. Ersteres, um die gabelförmige Holz- oder Metallklaue, die den Mast umschließt, zu setzen, während mit dem Piekfall die Gaffelpiek, das obere Ende der Gaffel, gesetzt wird. Das Piekfall ist mit einem Hahnepotläufer verbunden, einem länglichen, leicht gekrümmten Metall-Beschlag, der auf der Hahnepot – sie dient zur Verteilung der auftretenden Last – längsrutschen kann und die scharfe Knickbelastung der Hahnepot vermeidet. Da die gesetzte, fast senkrecht gestellte Spiere weit über den kürzeren Mast herausragt, spricht man von einer Steilgaffel. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gaffelspiere gerade oder leicht gekrümmt ist. Durch das Steilstellen der Gaffelspiere ist der Winkel zwischen Mast und Gaffelliek am Klauohr extrem stumpf und kommt in seiner Wirksamkeit einem Hochsegel schon sehr nahe. Aber eben nur fast, denn durch den meist drehbaren Toppbeschlag auf dem Masttopp eines hohlen oder auch Vollholz-Mastes, einem Block, der zur Führung des dann innen im Mast laufenden Piekfalls – oder entsprechend auch außen – dient und gleichzeitig die Zugrichtung verändert, wenn z.B. gewendet, gehalst und das Großsegel gefiert oder dichtgeholt wird, weht das Gaffelsegel durch die Schräglage des Bootes bei Wind und das Gewicht der Gaffelspiere, vor allem der obere Teil, meist weit aus.
Großsegel mit Gaffeldorn
Nun wurde bei einigen klassischen H-Jollen sowohl die Hahnepot und der Hahnepotläufer durch einen in der Mitte der Gaffelspiere angebrachten Beschlag mit einem spitz zulaufenden stiftartigen ca. vier Zentimeter langen Dorn ersetzt. Zunächst ist das Setzen der Gaffelspiere im Vergleich zur oben beschriebenen Methode nahezu identisch. So werden das Piek- und das Klaufall gleichmäßig hochgezogen, bis die Klau ca. 50 Zentimeter über dem Großbaum bzw. Lümmelbeschlag steht. Anschließend wird der Kopf des Großsegels in die Nut der Gaffel eingeführt und sogar mit, wenn entsprechend ausgerüstet, allen eingesteckten Langlatten über ein sog. Bassiner-Fall, das durch die hohle Gaffelspiere läuft, bis ins Topp der Gaffelspiere gesetzt. Viele noch gaffelgetakelte Boote sind mit dieser Methode nachgerüstet worden. Mittels Klaufall wird die Höhe so eingestellt, dass der Dorn, der hohl ist und durch den das Piekfall geführt ist, über den Masttopp hinaus hochgezogen. Dann wird das Piekfall durchgesetzt, so dass sich der Dorn auf die Mastspitze setzt und in den Mast mit ganzer Länge einfährt. Bergen geht dann andersherum: Vorheißen des Klaufalls, um den Dorn zunächst aus der Mastführung zu heben; dafür muss das Piekfall soweit gelöst sein, dass es diesen Hub zulässt.
Sowohl beim beim Setzen als auch beim Bergen darf man nicht vergessen, den Großbaum jeweils vorher aus dem Lümmellager zu ziehen, damit man den oben beschriebenen Gaffeldorn über den Masttop hinaus hochbewegen kann. Das erfordert vor allem beim Setzen einen größeren Kraftaufwand, um den Großbaum soweit herunterzudrücken, dass der Lümmel im Lümmellager arretiert werden kann. Betrachtet man die Silhouette dieses Gaffelsegels von fern, sieht es zumindest bei einer mit einer Krummgaffel-Spiere ausgerüsteten H-Jolle so aus, als sei sie mit einem Peitschenmast ausgestattet. Bei einer mit gerader Steilgaffel-Spiere versehenen, ähnelt das Rigg dann schon einer Weiterentwicklung der herkömmlichen Gaffeltakelung.
Großsegel mit Hahnepot
Michael Krieg hat den Bootsbauer Thomas Bergner aus Trappenkamp in Schleswig Holstein, der diese Art des Gaffelaufriggens vor einiger Zeit zum ersten Mal bei noch bzw. wieder gaffelgetakelten Alt-H-Jollen eingesetzt hat, gesprochen.
An den Ursprung, wie er auf diese Variante gekommen ist, kann er sich nicht mehr erinnern. Er weiß, dass er die Teile gleich hat bauen und die Dornen bzw. Zapfen drehen lassen. Den Beschlag an der Gaffelspiere findet er allerdings nicht so schön. Jetzt würde er es vielleicht eher mit einem Fallschloss machen. "Mit der Gaffel ist das sowieso alles nur Klöterkram. Die dreht zu weit auf. Das ist das hauptsächliche Problem", so Bergner weiter. Der Dorn "ersetzt" nach seiner Meinung eigentlich gar nichts. Das Piek- und das Klaufall bliebe ja erhalten. Man könnte im Prinzip den Hahnepotläufer sogar so bauen, dass man den auch fest aufhakt. Man bräuchte noch nicht mal eine Nase an der Gaffelspiere. Es ginge ja nur da drum, dass die Spiere nicht immer wegkippt. Bei der einen H-Jolle war das auf Nachfrage wohl so, dass auf Wunsch der Eigner die Spiere möglichst nahe senkrecht am Mast stehen sollte. Der Ansatz war, sie sollte eine vorgegebene Kurve haben, damit es dann aus der Ferne aussieht, als wenn die Linie das Vorstag hoch, ein Stückchen Mast und dann fast Peitschenmast-artig weiterläuft. "U.U. wären die mit einer geraden Gaffel noch besser gefahren", resümiert Bergner. Die größte Schwierigkeit sieht Bergner aber darin, dass viele Segelmacher leider nicht mehr in der Lage sind, vernünftige Gaffelsegel zu bauen. „Wenn Du ein gutes Gaffelsegel haben willst, dann hast Du keine andere Wahl, dann musst du entweder zu Raudaschl gehen oder zu Fritz. Die können das.“
Der Vorteil dieser „modernen“ Art, die Gaffelspiere zu setzen, scheint also erst einmal nur darin zu liegen, dass das Segel noch etwas enger am Mast liegt, als bei der bisherigen Art und Weise, und somit eher die Vorteile eines Hochriggs zumindest auf Kreuzkursen generiert. Die Nachteile ergeben sich aus den oben beschriebenen Möglichkeiten des klassischen Gaffelsetzens, was die Möglichkeit ausschließt, das Piekfall zwecks Druckreduzierung zu fieren oder gar insgesamt das Großsegel zu reffen. Trotzdem hat man, in Reminiszenz an die Historie der gaffelgetakelten Jollen, immer noch ein gaffelgetakeltes Boot. Die Puristen in der Vollholzszene rümpfen darüber sicher immer wieder die Nase und sehen das anders.
Zumindest klassenintern werden bei den Vollholz-H-Jollen beide Varianten der gaffelgetakelten Boote mit einem zusätzlichen Yardstickpunkt gleich behandelt. Und das sollte, auch wenn es gelegentlich von Ausrichtern einiger Traditionsregatten anders gesehen wird, in Anbetracht der sich gegenseitig entkräftenden Argumente für oder gegen die andere Art des Gaffelsetzens auch so bleiben.
Michael Krieg
