Bruno Vogelhaupt oder „Lattenbruno“
Es ist eine dieser spannenden Berliner Ost-West-Geschichten. Sie beginnt noch vor dem Ersten Weltkrieg in Grünau an der Dahme, der einstigen Wiege des deutschen Jollensegelsports, endet nach dem zweiten Weltkrieg am Berliner Wannsee ganz in der Nähe des „Vereins Seglerhaus am Wannsee“ (VSaW) – und birgt einige Überraschungen.
Noble Adresse
Biegt man in Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf auf der Bundesstraße 1 Richtung Potsdam ca. 300 Meter hinter der Wannseebrücke rechts ab, kommt man in die Straße „Am Großen Wannsee“. Eine für Wassersportfreunde gleichermaßen bekannte wie noble Adresse, beherbergt die ehemalige „Große Seestraße“ doch mehrere bekannte Segelvereine: u.a. die „Baltische Segler-Vereinigung“, den „Verein Seglerhaus am Wannsee“ (VSaW) und ein Stückchen weiter den „Berliner Segler-Verein 1907“ (BSV 07).
Bekannt geworden ist die Straße vor allem aber auch durch die „Liebermann-Villa“, dem Sommerhaus des Künstlers Max Liebermann, in dem seine Gemälde des Hauses und Gartens ausgestellt sind, und durch das berühmt-berüchtigte „Haus der Wannsee-Konferenz“.
Clubhaus am Wannsee
Ein unbekannter Vereinsvorsitzender
Bei der Recherche zur Geschichte der ehemaligen 15-qm-Binnenfahrtjolle (Segelzeichen F) des Deutschen Segler-Verbands (DSVb – Abkürzung damals noch mit b am Ende) und im Speziellen zu einem der Väter der Klasse, Bruno Vogelhaupt, habe ich auch den BSV 07 kontaktiert. Vogelhaupt ist nämlich für zehn Jahre von 1928 bis 1938 dessen Vorsitzender gewesen. Nur, der Verein weiß auf Nachfrage davon gar nichts. Henner Grote, gegenwärtiger Vereinsvorsitzender, antwortet: „Archive vom BSV 07 liegen uns nicht vor. Der Name Vogelhaupt ist uns unbekannt.“
Wie ist so etwas möglich?
Portrait Bruno Vogelhaupt
„Lattenbruno“ und die F-Jolle
Bruno Vogelhaupt ist einer der „Väter“ des vom Kleinsegler-Verein Havel beim Verbands-Seglertag 1925 beantragten und anschließend ins Leben gerufenen 15-qm-Binnenfahrt- oder Wanderjollen-Klasse (Segelzeichen F) des damaligen DSVb. Eingesetzte lange, durchgehende Segellatten sorgen schon damals dafür, dass die ehemals aus Baumwolle hergestellten Mako-Segel besser stehen und länger halten. Weil angeblich zu teuer und umständlich zu bedienen, verbietet der DSVb sie an einem folgenden Seglertag wieder. Für Vogelhaupt ein Unding. Er kämpft gegen den Beschluss an, ist erfolgreich, die Bestimmung werden wieder kassiert … und Vogelhaupt hat seinen in Seglerkreisen bekannten Spitznamen weg: „Lattenbruno“. 1933 haben dann die F-Jollen-Besitzer alle die Segelzeichen ihrer Jolle ändern müssen. Sie sind mit den schon existierenden H-Jollen des Deutschen Segler-Bundes (DSB) nach dessen durch die neuen Machthaber erzwungenen Liquidation „zwangsvereint“ worden. Man hat einfach gezählt. Und da es mehr registriete H- als F-Jollen gab, entschied man sich für das bis heute gültieg H als Klassenzeichen.
H-Jolle mit durchgelattetem Großsegel
Ein Kunstmaler wird Segler
Von Beruf ist Bruno Vogelhaupt Kunstmaler. Er besucht die Kunstakademie in Berlin und hat noch den großen Adolf von Menzel als Lehrer gehabt. Die Familie nimmt ihren zweiten Wohnsitz im Raum Grünau/Köpenick, eine Region, die Bruno aus Kindheitstagen gekannt hat. Nachdem sein Vater zunächst auf dem Rummelsburger See gesegelt ist, kauft er sich um 1890 ein erstes eigenes Boot, mit dem die Familie nun auf den Spree-Seen, vornehmlich dem Langen See und den Zeuthener Gewässern segelt. Damit hat er die Liebe zum Segelsport bei seinem Sohn Bruno geweckt, so dass dieser sich mit seiner Familie eine Jolle kauft, die er auf den Namen „Bubi“ tauft.
Nach dem Ersten Weltkrieg macht sich Vogelhaupt als Grafiker und Reklamefachmann selbständig. Der seinerzeit bekannteste und erfolgreichste Bootskonstrukteur Reinhard Drewitz soll einmal gesagt haben: „Unter den Seglern der beste Grafiker und unter Grafikern der beste Segler.“ Der Segelsport ist damals allerdings mehr oder weniger ein Vergnügen für die oberen Zehntausend. Man segelt hauptsächlich große Kielyachten. Das Jollensegeln ist, wie man heute sagt, noch nicht „in“. Noch eine Anmerkung zur Familie Vogelhaupt: Brunos Vater besaß eine Tischlerei, die seinerzeit wohl die Fenster des Reichstagsgebäude hergestellt hat.
Eine nicht aufzuhaltende Entwicklung
Wenn es auch zunächst in der Entwicklung der Jollenklassen keine festen Bauvorschriften gibt und die entstehenden Konstruktionen lediglich durch bestimmte maximale Segelflächen den einzelnen Gruppen zugeordnet worden sind, soll sich das ändern, als Vogelhaupt mit anderen Jollen-segel-begeisterten Herren 1910 die „Wettfahrt-Vereinigung Berliner Jollensegler“ (WBJ) gründet. Schwertboote sind zu der Zeit nämlich noch von den Regattabahnen des DSVb verbannt, sodass sich die Jollensegler in Wettfahrtvereinigungen zusammenschließen. Zwei Jahre später erfolgt durch sie dann die erste Festlegung von Segelbootsklassen anhand der Größe der Segelflächen. Das Ergebnis: Aufgrund fehlender Baubestimmungen entstehen viel zu leichte Boote –„Pappschachteln“ –, die teilweise keine Saison überstehen. Nun orientiert man sich am DSVb, der seine Binnenklassen in Renn- und Kreuzerklassen unterteilt und plant mit einer Segelfläche von 14 qm eine sog. „Halbrennjolle“ mit verstärkten Materialvorschriften. Der Erste Weltkrieg beendet darauf zunächst alle weiteren Bemühungen.
Die werden nach dem Krieg wieder aufgenommen. Man entsinnt sich seiner 14-qm-Klasse, ist aber nicht sehr begeistert von ihr, da sie weder den Renn- noch Wandersegler begeistert. Als aus der WBJ der Berliner Kleinsegler-Verband wird und dessen vier Abteilungen als selbstständige Vereine – wahrscheinlich neben dem „Segler-Verein Grünau“, die „Wettfahrtvereinigung Berliner Gigsegler (ab 1926 BSV 07), der Verein „Seglerheim am Müggelsee“ (Gründung 1921, 1937 Fusion mit dem „YC Müggelsee“) und die „Segler-Vereinigung Tegel“ (1917 Gründung als „Kleinsegler-Vereinigung Tegel“, 1920 in SVT umbenannt), – dem DSVb beitreten, bekommt die 14-qm-Klasse einen Quadratmeter mehr und passt nun zumindest in die 15-qm-Rennklasse (M) des Verbandes.
1924 zeichnet „ein alter Freund“ Vogelhaupts, Dipl.-Ing E. Müller, aber dann eine Kreuzerjolle, von der Vogelhaupt sofort begeistert ist. Die Dinge nehmen ihren Lauf.
Grünau – Dahmestraße 6 + Bahnhofstr. 9
Inzwischen ist die 15-qm-Kreuzerklasse tatsächlich Ende 1925 auf dem Seglertag des DSVb als neue Klasse zugelassen worden. Im folgenden Jahr meldet Bruno Vogelhaupt am 08. August 1926 zur Verbandswettfahrt des BSV 07 auf der Müggel in der 15-qm-Kreuzerklasse mit seiner von Theo Ernst, Vater des kürzlich verstorbenen Manfred Ernst, konstruierten und gebauten F 5, Silberquelle. Zu der Zeit ist er seit 1922 Mitglied und Vorsitzender des "Segler-Verein Grünau".
"Segler-Verein Grünau"? Der heute einzige Verein, der den Namen Grünau, einem Ortsteil im Bezirk Treptow-Köpenick von Berlin am linken Ufer der Dahme, in seinem Vereinsnamen trägt, ist der 1898 gegründete Arbeiter-Segler-Verein „Freie Vereinigung der Tourensegler Grünau e.V.“ (TSG). Nur ist der nicht dem DSVb angeschlossen, sondern als Arbeiter-Segler-Verein Mitglied im „Berliner Wettsegel-Verband“, der 1924 zum „Freien Segler-Verband“ wird.
Während der BSV 07 auf einem eigenen Grundstück an der Dahme in Grünau in der Dahmestr. 6 mit eigenem Vereinsheim zuhause ist, das 1911 sogar größer neu gebaut wird, findet man als Vereinsadresse des „Segler-Verein Grünau“ lediglich die Privatadresse Vogelhaupts in der Bahnhofstr. 9.
Altes Clubhaus in Grünau
Spekulationen
Keiner der wenigen heute noch lebenden und inzwischen um die 90 Jahre alten von mir befragten Segelfreunde kann sich an den Segler-Verein mit dem Namen erinnern, dessen Vorsitzender Vogelhaupt ab 1922 ist und dessen Verein als Mitglied im „Berliner Kleinsegler Verein“ des DSVb aufgeführt ist.
Für Rolf Bähr, Mitglied im VSaW und von 2005 bis 2013 Präsident des Deutschen Segler-Verbandes, nichts Ungewöhnliches. So hätte es wohl zu der Zeit durchaus Vereine gegeben, die keine eigenen Wassergrundstücke besessen und in anderen Vereinen „Unterschlupf“ gefunden hätten. So ist anzunehmen, dass der "Segler-Verein Grünau", der ab Mitte der 1930er-Jahre auch nicht mehr im Yachtarchiv zu finden ist, im BSV 07 aufgegangen ist. Anzunehmen deshalb, weil Vogelhaupt am 27. Januar 1928 zum Vorsitzenden des BSV 07 gewählt wird.
Er hält dieses Amt bis 1938 inne. Also immerhin noch mehrere Jahre während der NS-Zeit als Vorsitzender. Erst dann hat sich der Verein dem Diktat der neuen Machthaber fügen und einen "Vereinsführer" wählen müssen. Vogelhaupt tritt da nicht mehr an.
Bruno Vogelhaupt – Ein Portrait
Verfasst von seinem Enkel Roland Vogelhaupt
„Ich sehe ihn noch vor mir stehen, als wäre es heute. Lang, in der Erinnerung ein Zwei-Meter-Riese, abgemergelt in halbdunklem Flur, vorgebeugt zu mir, was ich wolle, was denn so wichtig wäre in der Mittagszeit.“
So erinnert sich Roland Vogelhaupt im Nachhinein an seine erste und einzige Begegnung mit seinem Großvater, die vier Jahre nach Kriegsende, 1949, stattgefunden hat.
Roland Vogelhaupt war damals 13, als er von seinem Vater, Richard Vogelhaupt, von Osnabrück aus allein nach Berlin geschickt wurde ... eigentlich nur, um seine Großmutter in Berlin-Grünau zu besuchen. Diese arrangierte dann aber auf Bitten des Enkels spontan und vorher nicht geplant ein Treffen mit jenem Mann, der mit seinem Spitznamen „Lattenbruno“ in die Geschichte des Segelsports eingegangen ist, Bruno Vogelhaupt.
Heute ist der älteste der drei Enkel nach dem Tode seines Vaters Richard V. 1988 wohl der einzige noch Lebende, der ihn gekannt – oder besser „kennengelernt“ hatte.
„Dann mußte ich reinkommen und mußte bestaunen, was der Krieg von Opas Lebensträumen so übriggelassen hatte: ein paar Ölgemälde von ihm, eine Sammlung vom Feuer braungewordener Seglerpokale, braun und verschmolzen, in den Gravuren unleserlich: Sein ganzer Stolz!“
Das Interesse, mehr über seinen am 5. Juli 1878 in Berlin geborenen Großvater zu erfahren, wurde geweckt, als Roland V. über einen Bekannten die „Dokumentation – 60 Jahre H-Jolle“ geschenkt bekommen hatte, dort den 1936 von seinem Großvater verfassten und in der Segelzeitschrift Yacht veröffentlichten Bericht, nachlesen konnte und später dann auch noch Walter Fiebing kennen lernte, der diesen für diese Klasse so wichtigen Mann auch persönlich gekannt hat.
„Die Vogelhaupts stammen nach Aussage (der) Familienchronik ... aus Süd-Böhmen, waren im 18. Jahrhundert über Torgau und das Havelland nach Berlin gelangt, wo die Familie im „Böhmischen Viertel“, am Richardplatz, Fuß fasste. Sie waren bis dahin Professoren, Lehrer und auch Handwerker gewesen. Und unser Ur-Großvater, der am Richardplatz Wohnung nahm, führte in Berlin einen renommierten Kunst-Tischler-Betrieb, dessen bedeutendstes Werk um die Jahrhundertwende Türen und große Teile des Interieurs des neuen Reichstagsgebäudes war.“
In der vom Sohn verfassten Familienchronik heißt es wörtlich:
„Bruno wurde Kunstmaler. Er besuchte die Kunstakademie in Berlin und hatte noch den großen Adolf von Menzel als Lehrer gehabt, mußte aber die Akademie vorzeitig verlassen, weil die Eltern kurz nacheinander im Jahre 1901 starben. Im Jahre 1904 heiratete Bruno V. meine Mutter ...“
Die Familie nahm ihren zweiten Wohnsitz im Raum Grünau/Köpenick, eine Region, die Bruno aus Kindheitstagen kannte, denn nachdem sein Vater zunächst auf dem Rummelsburger See gesegelt hatte, kaufte er sich um 1890 ein erstes eigenes Boot, mit dem die Familie nun auf den Spree-Seen, vornehmlich dem Langen See und den Zeuthener Gewässern segelte. Damit hatte er die Liebe zum Segelsport bei seinem Sohn Bruno geweckt, so dass dieser sich mit seiner Familie eine Jolle kaufte, die er auf den Namen „Bubi“ taufte. Der Segelsport war damals ein Vergnügen für die oberen Zehntausend und man segelte nur große Kielyachten. Das Jollensegeln war, wie man heute sagt, noch nicht „in“.
Mit den Herren Dr. Lohmann, Mewes und Vogeler gründete mein Vater 1910 die WBJ (Wettfahrt-Vereinigung Berliner Jollensegler). Zwei Jahre später erfolgte (durch sie) die erste Festlegung von (Segelboots-)Klassen ... . Nach dem Ersten Weltkrieg machte er sich selbständig als Grafiker und Reklamefachmann (laut Walter Fiebing soll Reinhard Drewitz einmal gesagt haben: „Unter den Seglern der beste Grafiker und unter Grafikern der beste Segler“ – Anm. d. Red.).
Er hatte einen sehr erfolgreichen Betrieb in Berlin, in der Kleinen Kurstraße am Spittelmarkt (heute Ostzone).
In seiner Freizeit widmete Bruno Vogelhaupt sich über viele Jahre der Malerei. Er hatte sich offensichtlich dem Genre der Maritim- und Portrait-Malerei verschrieben, wobei es im Dunkeln bleibt, ob er im Rahmen seines Engagements für die Seemalerei jemals auch zu See gefahren ist. Als Soldat war er im 1. Weltkrieg bei der militärischen Luftschifffahrt.
Vogelhaupt hat wohl nur zwei Binnenfahrtjollen besessen. Reinhard Drewitz zeichnete für ihn 1929 die F 31, Silberquelle II, die er auch bei Ernst bauen ließ. Seine erste Binnenfahrtjolle, die 1926 von Theo Ernst konstruierte und gebaute F 5, war nur den ersten drei Jahren, wohl auch dank seines seglerischen Könnens, konkurrenzfähig. Als aber die Klasse auf dem Verbands-Seglertag 1927 in Wien für die nächsten 10 Jahre bestätigt wurde, setzte eine so große Neubautätigkeit ein, dass er mit seiner ersten Jolle nur noch schwer mithalten konnte. Es ist nicht überliefert und geht aus keiner Ergebnisliste oder Jollendatei hervor, welche H-Jollen-Nummer seine F 31 nach 1933 bekommen hat.
Vogelhaupt war aber nicht nur ein guter Segler, sondern verstand auch etwas davon, wie eine Jolle ausgerüstet und getrimmt werden musste, um neben einer guten Geschwindigkeit auf raumen Kursen auch eine gute Höhe zu laufen. Er tauschte das von Drewitz extrem konstruierte und nach seiner Meinung zu schmale und lange Schwert gegen ein Zirkelschlagschwert aus und startete damit zum ersten Mal bei der Großen Dahme-Wettfahrt. Sein neuer Mitsegler war Willi Pester, der Vogelhaupts zweite Frau, Lotte, an der Vorschot ablöste. Die Jolle lag fabelhaft leicht auf dem Ruder und schob im Vergleich zu vorher eine unglaubliche Höhe. Die Wettfahrt sollte nach Aussagen Vogelhaupts die „schönste meiner ganzen Rennsegelzeit“ werden. Er beschreibt sie aus der Erinnerung noch 21 Jahre später :
„Start um 3 Uhr vor dem Grundstück des Berliner Segelclubs in Grünau. Kurs: Langer- und Seddinsee bis zur Gosener Tonne. Zurück bis zum Ziel an der Bammelecke. Stramme Vollzeugbrise aus Westen. Am Start waren über 20 Jollen aus meiner Klasse, durchweg Neubauten. Auf der Vorwindstrecke vom Start bis zur Bammelecke blieben wir alle zusammen. Nach dem Passieren der Bammelecke kam der Wind halb bis dreiviertel. Jetzt spielten wir unsere Schwerttechnik aus, daß bei jedem Drücker die brave Jolle einfach davonzischte. Als wir Krampenburg querab hatten, betrug unser Vorsprung 500 Meter. Über den Seddin gings wieder platt vor den Laken. Jetzt kam die Gosener Tonne und die Frage: Wird unser Schiff mit dem neuen Schwert besser kreuzen? Und es kreuzte fabelhaft. Schlag für Schlag fegten wir über den Seddin, ganz ruhig, ohne zu rucken. Es lief eine Höhe und Fahrt voraus, daß wir mit strahlenden Augen voraus sahen. Auf dem Langen See machten wir immer einen langen Steuerbordschlag und einen kurzen auf Backbord als Einleger (?). Als wir an der Bammelecke über die Ziellinie brausten, war von unserer Konkurrenz nichts zu sehen. Fast 10 Minuten hatten wir Vorsprung vor dem Zweiten. Das heißt was bei diesem dicken Wind. Der Bann war gebrochen: Nun trat meine Jolle einen fabelhaften Siegeszug an.“
In seinen Aufzeichnungen erinnert sich Vogelhaupt auch an eine direkte Wettfahrtbegegnung mit Reinhard Drewitz, die auf der Müggel stattgefunden hatte:
„Ostwind und Ostkurs. Als wir von Rahnsdorf platt vorm Wind auf die Rübezahl-Boje liefen, holten wir Drewitz ein, der auf der ‚Primavera‘ (F 64, Besitzer E. Reinhard, VSaW – Anm. d. Red.) saß. Beide hatten wir Steuerbord-Schoten. Kurz vor der Boje überlappten wir die Primavera, natürlich unterhalb. Drewitz hatte noch nicht gemerkt. An der Boje rief ich lachend zu ihm rüber: „Herr Drewitz, würden sie bitte Raum geben!“ Er ganz erstaunt: „Wo kommt ihr denn her; das ist ja allerhand!“ Ich drängte ihn soweit von der Boje ab, bis die frische Ostbrise uns erreichte, dann halsten wir und fegten mit halbem Wind davon. Er auf 20 Meter Abstand hinterher. Von nun an hatte ich meine Augen nach hinten auf Drewitz gerichtet. Fiel er ab, ich auch, luvte er in den See hinein, ich ebenfalls. Die Ziellinie am Startprahm war nahe. Jetzt versuchte ich einen letzten Trick: Er lief hoch am Wind in den See rein, um ganz plötzlich vor Wind abzufallen, um mich zu überlaufen. Doch ich paßte auf: Sowie ich sah, daß sein Vorschotmann das Spinnakerfall in die Hand nahm, drehte ich mit einem Ruck ab, so weit, daß mein großes Vorsegel noch zog und sauste über die Ziellinie. Drewitz gratulierte uns etwas süß-sauer. Dann sagte er grinsend: „Was ihr Brüder doch alles von mir gelernt habt!“
Nach seinen Aufzeichnungen zufolge hat Bruno Vogelhaupt mit Ende 50 (etwa um 1938) das Rennsegeln etwas eingeschränkt. Er ist aber schon ab 1932/33 in keiner Ergebnisliste bedeutender Regatten in Berlin mehr zu finden gewesen, sodass angenommen werden muss, dass er sich schon sehr viel früher vom Regattasport zurückgezogen hat. Es gibt keine eindeutigen Aussagen dazu. Es mag damit zusammen hängen, dass seine Jolle, die schon von vornherein nur mit Mühe durch die Erstvermessung gekommen war, wie er nach dem Kriege berichtete, nicht mehr zugelassen war oder nur gesondert gewertet werden sollte, wie es den Verantwortlichen nach 1933 für die nach den früheren Verbandsvorschriften vermessenen F-Jollen vorschwebte.
Auch sein 1936 in der Segelzeitschrift Yacht veröffentlichter Artikel zur Geschichte der Binnenfahrtjolle scheint etwas aus der Sicht eines stillen Beobachters geschrieben worden zu sein, der mit einem gewissen Abstand ein Stück seines Lebens an sich vorüber ziehen lässt. Aber durchaus so lebendig und lesenswert, dass er, wie er sich in seinem Brief vom 30.10.1950 an seinen Sohn Richard erinnert, auch im Verlag Clasing & Co (gemeint ist wohl der heutige Segelsport-Verlag Delius & Klasing – Anm. d. Red.) in dessen Fachzeitschrift ca. 6 Artikel über seine seglerischen Erlebnisse geschrieben und der Verlag ihn animiert hatte, daraus ein Buch zu machen. Das war wohl auch bis zur Druckreife gediehen, dann aber im Feuersturm des Krieges untergegangen.
Mit seiner „Silberquelle II“ hatte er 29 erste, viele zweite, dritte und vierte Preise und „prächtige Extrapreise“ ersegelt. „Rennseglers Freud und Leid!“ wie er ausführt und weiter: „Und mein Geschäft habe ich (dabei) nicht vernachlässigt, im Gegenteil: aufwärts gings!“
Und Bruno Vogelhaupt hätte sich wohl selbst gern noch eine „Silberquelle III“ zugelegt. Geplant war ein Jollenkreuzer. „Ich wollte – gewissermaßen als Schwanengesang – noch eine letzte ‚Silberquelle‘ bauen lassen, einen Kajütkreuzer, ungefähr 9 Meter über Deck, mit zwei festen Schlafplätzen und 30 qm am Winde. . Natürlich mit eingebautem Hilfsmotor. Mit dem tüchtigen Konstrukteur Martens hatte ich den Riß bereits besprochen. Nun, der schöne Plan ist ins Wasser gefallen, und den armen Martens deckt der grüne Rasen. – Sic transit !“
Aber nicht nur daraus wurde nichts mehr. Was kurze Zeit später heraus kam und als Folge wohl auch stark zu seinem Gemütszustand nach dem Kriege beigetragen hat, ist nur allzu verständlich. Das Geschäftshaus und die Wohnung in Grünau gingen im Feuersturm 1944 zu Grunde. Laut Aussagen seines Sohnes war sein Lebenswille gebrochen, nachdem er alles verloren hatte und mit dem neuen Regime nicht einverstanden war.
Entsprechend verbittert sieht er 1949 die Entwicklung in seinem einst so geliebten Sport so:
„Auch mit dem Segelsport ist es hier so gut wie aus. Krampfhaft versuchen einige Unentwegte, Segler und Ruderer, sich sportlich zu betätigen. Die Bootshäuser der Ruderer und Segler sind – soweit sie nicht von Bomben vernichtet wurden – an Oberspree und Havel fast alle beschlagnahmt. Selbst das kleine Clubhaus des Segelclubs „Argo“, das in Rauchfangswerder liegt, ist beschlagnahmt worden, weil es Kapitalisten gehörte. Die Mitglieder des „Argo“ sind in Hauptsache Berliner Volksschullehrer. Während die Schiffe, die an der Müggel, Dahme stromauf bis Karolinenhof ihren Heimathafen hatten, verschwunden sind, sind die Boote in Schmöckwitz und Unterhavel zum Teil ihren Eignern erhalten geblieben. Trotzdem beneide ich sie nicht, unter diesen Umständen fasse ich keine Ruderpinne mehr an.“
In einem im Mai 1951 an seinen Sohn verfassten Brief schrieb er:
„Von unserem Segelsport ist nur zu berichten, dass alle Clubhäuser in Grünau, die stehen geblieben sind, Volkseigentum geworden sind. Am Wannsee, im Westsektor Berlins, haben sie die stolzen Clubs wieder aufleben lassen und hoffen ... . Wenn ich Zeit habe, dann schreibe ich meine sportlichen Erinnerungen weiter nieder, die nicht nur das rein sportliche Geschehen schildern, sondern ein Zeitbild vermitteln, zu dem Eigentum noch nicht Diebstahl war.“
Im Januar 1952 scheint sich seine Meinung über den Regattasport in der DDR aber grundsätzlich geändert zu haben, als er, scheinbar noch im Vollbesitz seiner Kräfte, schrieb, dass „ (es) mit dem Segelsport bei uns in Berlin seine besondere Bedeutung hat. „Im Ost-Sektor wird viel und gut gesegelt, besonders auf den Wettfahrten.“
In seinem letzten, ungewöhnlich kurzen Brief an seinen Sohn Ende März 1952 ist Segeln aber kein Thema mehr, sondern nur noch sein Gesundheitszustand. Bruno Vogelhaupt starb einen knappen Monat später (Roland Vogelhaupt nimmt an, am 29.4.52).
Der Name „Silberquelle“ wird auch in der heutigen Familie Vogelhaupt weiter geführt. Nachdem er seinen Enkel zum ersten und einzigen Mal gesehen hatte, schrieb er in dem schon erwähnten Brief an seinen Sohn:
„Und, lieber Richard, deinen Söhnen rufe ich zu: Jungens, macht es ebenso!“
Roland Vogelhaupt aus Wallenhorst, dem die Aufzeichnungen über seinen Großvater zu verdanken sind, sagt dazu:
„Und diesem Wunsch sind wir gefolgt, der eine mehr, der andere weniger. Unser Vater (Richard – Anm. d. Red.) hatte verschiedene Boote nacheinander, bis wir – und unser Revier war der norddeutsche „Große Schilfsee“, der Dümmer – 1963 Jahre eine H-Jolle erwarben, einen Miglitsch-Riss (H 511, – Eigenbau, Baujahr 1961 – Anm. d. Red.) und guten Gleiter, den ich heute nach mehreren Überholungen noch immer fahre und Anfang der Neunziger den alten Familienname – nun aber mit dem Zusatz ‚VIII‘ – gegeben habe. Er wird inzwischen von meinem Sohn Ulf – der seit 12 Jahren wieder in Berlin lebt – gern gesegelt. Mein Bruder und seine Söhne sind ebenfalls begeisterte Segler, wenn auch auf anderen Revieren und sicherlich intensiver als wir.“
Das Andenken an Bruno Vogelhaupt ehrt die Klassenvereinigung jährlich mit der Vergabe eines Wanderpreises, den „Lattenbruno-Preis“, anlässlich der Hamburger Summer Classic´s im August auf der Alster.
(Torsten Simon, Mail vom 16.11.2015)
Bruno Vogelhaupt war Vorsitzender des Segler-Vereins Grünau. Quelle: Yacht 1922, S. 40.
War Regattaveranstalter (Meldestelle) des Segler-Vereins Grünau (S.V.G.),
Adresse: Grünau (Mark), Bahnhofstraße 9 (Quelle: Yacht 1922, 589).
Vogelhaupt wird auch auf dem Seglertag 1921 mit dem Zusatz „Grünau“ öfter
genannt und ist 1924 in der Yacht in Ergebnislisten in der 15-m²-Rennklasse gelistet, für den S.V.G.
Yacht 1921, 1076: Antrag der Berliner Kleinsegelvereine im DSV zur
20-m²-Klasse. Unterzeichner: Wettfahrtvereinigung Berliner Gigsegler,
Verein Seglerheim am Müggelsee, Segler-Vereinigung Tegel, Segler-Verein
Grünau (gez. Vogelhaupt).
Später (1927) startete Vogelhaupt für den BSV 07 und wurde zum Vorsitzenden
des BSV 07 (dieser seinerzeit ebenfalls in Grünau) gewählt. Quelle: Yacht
1928, S. 6.
Die Schaffung einer 15-m²-Wanderklasse beim DSV wurde vom
Kleinsegler-Verein Havel beantragt (Yacht 1925, S. 8). Ein Herr Müller hat
sich bei der Gelegenheit dazu geäußert. E. Müller, K.V.H., taucht später in
Ergebnislisten in der 15-m²-Wanderklasse auf. 1929 startete E. Müller
mit F 35 „Hanseat“ für den SVUH und hat auch Preise gewonnen.
So weit zu dem, was ich in der "Yacht" gefunden habe. Auf der Website der
SV Unterhavel (SVUH) kann man nachlesen, dass auch dieser Verein aus der
Kleinsegelei hervorgegangen ist. Der BSV 07 war, wie Herr Vogelhaupt, in
Grünau, also im Berliner Osten, ansässig. Die SV 03, die in der Historie
der H-Jolle immer wieder genannt wird, befindet sich dagegen in Nikolassee
am Revier Unterhavel und hat meines Wissens mit dem BSV 07 in Grünau nichts
zu tun (oder war der BSV 07 nach dem 2. Weltkrieg dort vielleicht
Untermieter? Letzteres war dort jedenfalls der ebenfalls in
Köpenick/Wendenschloss enteignete SC Ahoi von ca. 1951-63). Bei der SV 03
wurden vor dem 2. Weltkrieg u.a. 22er Nationale Jollen gesegelt. Der BSV 07
hatte, glaube ich, seit seiner Vertreibung aus Ostberlin, bis ca. 2001 kein
eigenes Clubrundstück. Dann ist er mit dem Havel-Club (HC) am Wannsee
fusioniert und hat dessen Grundstück und Villa mit übernommen.
(Mail vom 17.11.2015)
Ich (Torsten) hatte mich letztes Jahr mit Leuten aus dem Vorstand der SV 03
unterhalten und erwähnt, dass ja ihr langjähriger Vorsitzender Bruno
Vogelhaupt die H-Jolle "erfunden" hat. Einen Vogelhaupt kannten die aber
nicht. Deshalb habe ich ein wenig dazu recherchiert.
(Mail vom 18.11.2015)
Ich muss zugeben, bislang äußerst selten H-Jolle gesegelt zu sein, v.a. als Jugendlicher Elb-H-Jolle um 1990, und letztes Jahr beim Seglerhauspreis hatte mir netterweise Conny Gerlach ihre H-43 ausgeliehen. Wir haben Euch einmal erfolglos unterwendet, bei der Schwungmasse habe ich mich gründlich verschätzt. Ansonsten segle ich v.a. Korsar und 505er. Bei dem Thema Vogelhaupt habe ich den Verdacht, ob hier vielleicht irgendwann einmal SV 03 und BSV 07 verwechselt wurden? Der BSV 07 war nach dem 2. Weltkrieg, vermutlich verbunden mit dem Verlust des Standorts in Grünau, beim VSaW untergekommen. Finde ich jedenfalls spannend die Segelgeschichte, besonders die Vorkriegszeit. Bei meinen Recherchen zum SC Ahoi habe ich gefunden, dass der Bootsbauer Rudolf Gärsch im Ahoi Mitglied war und u.a. die F 95 "Otter III" und die H 560 "Otter VI" (Bj. 1937) segelte. (Gärsch segelte u.a. auch M-(etwa 1930) und J-Jollen (1938) und baute O-Jollen für den Ahoi und dessen Mitglieder). Nach dem 2. Weltkrieg segelte Hanns-Dietrich Pontow, Vorsitzender des SC Ahoi, die H 535 "Passau", Konstrukteur Drewitz, Werft "Gebh.", Bj. 1937/38. 1955 gewann Hans-Dietrich Pontow mit der Jolle den 1. Preis des Fahrtenwettbewerbs (DSV?) in der Kategorie „Langfahrten, Boote ohne Kajüte“ für seine Reise Berlin-Laboe. Ein Freund von mir, Wolf Drechsel, segelt seit letztem Jahr als Vorschoter auf der "Hula Hoop" beim Berliner Yacht Club, mit dem Boot haben sie dieses Jahr den Kaiserpokal und die Clubregatta gewonnen.
Sind die Gärsch-H-Jollen (z.B. die Juwel) eigentlich allem unterlegen, was nach dem Krieg gebaut wurde, oder womit sind die am ehesten vergleichbar?
Michael Krieg
