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Norddeutsches Jugendsegler-Treffen und Schleiwoche 1953

Schon oft hat Michael Krieg in diversen Publikationenüber den so aktiven und erfolgreichen Schüler Ruder- und Segelverein (SRSV) aus Plön berichtet. In diesem Artikel ist er weit in die Vergangenheit des 1948 gegründeten ehemaligen Internatsverein abgetaucht, hat ein paar noch lebende „alte Herren“ ausfindig gemacht, die seinerzeit aktiv waren und 1953 auf, den damaligen Verhältnissen geschuldet, recht abenteuerliche Weise am Norddeutschen Jugend-Segler-Teffen auf der Schlei teilgenommen haben.


1953 – Mit der Eisenbahn zum Jugendsegler-Treffen


Die Internats-H-Jollen

Sicher nur noch die ältesten „Butenplöner“ des 2002 aufgelösten Staatlichen Internats können sich daran erinnern, dass das Internat in den End-1940er-Jahren bis zum Herbst 1958 zuerst zwei, ab Herbst 1954 drei 15-qm-Wanderjollen (H-Jollen) zur Segelausbildung besessen hat.  („Ich habe als ehemaliger Internatler diese Jolle, H 132, „Passat“, 1977, ohne zu wissen, dass es sich um diese dritte Internats-H-Jolle gehandelt hat, gekauft.“). Für kurze Zeit kamen noch ein 12-qm-Sharpie und eine 20-qm-Rennjolle dazu. Die H-Jollen wurden 1959 verkauft und von der Jugendjolle des DSV, Pirat, abgelöst. Alle ehemaligen und aktuellen Bootsbestände waren unterhalb des Schlosses in der Schlossgartenbucht im herrlich gelegenen und nach Westen geschützten großen Gelände und Bootshaus beheimatet. Dieses wurde nach der Genehmigung 1937 in den Kriegsjahren zwischen 1938 und 1941 für die damals im Schloss wohnenden Jungmannen der National-Politischen Erziehungsanstalt (NPEA/Napola) gebaut.  

Internats H-Jollen


Regattenteilnahme

Da auf dem See nach dem Zweiten Weltkrieg schon einige H-Jollen beheimatet waren, nahmen SRSV-Mannschaften bald an zunächst heimischen, später auch auswärtigen Regatten teil. So hatte die Stadt Plön früh 1949 für eine H-Jollen-Regatta auf dem Plöner See einen Pokal gestiftet. Die Internatler und einige Stadtschüler der damaligen Internatsoberschule und späteren Internatsgymnasiums Schloss Plön waren zwar Mitglied im SRSV, einer sogenannten „Gilde“ der Anstalt, mussten aber offiziell unter dem Banner des Plöner Segler-Vereins (PSV) starten, da der SRSV damals noch kein beim DSV eingetragener Verein war. 


Norddeutsches Jugendsegler-Treffen

Im Rahmen der ausgeschriebenen Verbands-Wettfahrten, der sog. Schleiwoche 1953, und umrahmt  an zwei aufeinander folgenden Wochenenden vor Arnis und Ulsnis, fand an drei Tagen vom 21. – 23. Juli auf der Großen Breite der Schlei vor Borgwedel / Louisenlund das Norddeutsche Jugendsegler-Treffen statt. Organisiert vom Norddeutschen Regatta Verein (NRV), Kieler Yacht-Club (KYC) und Schlei-Segel-Club (SSC) waren neben vier 12-qm-Sharpies, 44 Piraten und acht Marinekutter auch drei Elb-H-Jollen und die beiden 15-qm-Wanderjollen des PSV/SRSV geladen. Bei den Piraten war neben einigen Vertretern aus Berlin sogar eine Mannschaft vom SV Schwerin gemeldet.

Ausschreibung Jugendsegeln


Ein beschwerliches Unterfangen

Zunächst galt es, die beiden schweren aus Vollholz gebauten Jollen, H 220, „Klabautermann“, und H 221, „Lilofee“, und einen Piraten des PSV nach Schleswig zu bringen. Die Mitte der 1930er-Jahre in Berlin gebauten Wanderjollen waren zwar schon 1951, allerdings erstmalig überhaupt, vermessen worden, die Segelnummern haben aber erst wenige Wochen zuvor einige Plöner Internatlerinnen auf die Segel genäht.

Klabautermann im Schlepp von Lilofee

Kay Birkner († 2021 – ausgerechnet der jüngste der „alten Herren“ verstarb während unserer gemeinsamen Recherchen), damals zumindest beim Verladen der Jollen schon dabei, aber als jüngster Teilnehmer erst 1955 mit von der Partie, erinnerte sich in einem unserer letzten Gespräche, dass die Teilnehmer aus Flensburg, Eckernförde, Kiel, Lübeck und Hamburg wohl größtenteils auf dem Wasserweg, also auf eigenem Kiel, zur Schlei gekommen waren. Einige junge Hamburger von betuchteren NRV- oder KYC-Eltern vielleicht auch per „Massentransport“ auf LKW – bei Piraten sicher möglich – oder mit den ersten eigenen Trailern. Mannschaften ohne eigene Boote stellte das Landerziehungsheim Louisenlund welche zur Verfügung.  

Kay Birkner an der Pinne eines Piraten 1960

Internatseigene Bootstrailer gab es noch nicht, geschweige denn PKW o.ä. mit Anhängerkupplung. Zu Regatten auf dem nahegelegenen Dieksee im nahen Malente brauchte man lediglich den Mast zu legen und über die fünf Seen zu paddeln bzw. zu segeln. Nach Schleswig dagegen kam man nur per Bahn. 


Drei Tage segeln, 14 Tage Aufwand

Was für ein Aufwand! Schon Tage vor der Veranstaltung auf der Schlei begannen die Vorbereitungen der „großen“ Reise: Zunächst wurde im Bootshaus der Mast der einen H-Jolle gelegt und diese im Schlepp von der zweiten segelnderweise zum PSV verholt. Nach dem Aufslippen dort wurden die H-Jollen, so Birkner, auf einem ziemlich maroden einachsigen Karren zum ehemaligen Plöner Güterbahnhof geschoben. Unter erheblichen Kraftaufwand auf die Ladefläche der offenen Güterwagen (ohne Rungen) gehievt, bettete man sie auf ausgedienten Internatsmatratzen und verzurrte sie aufwendig. Auf die rund zehn Meter lange Ladefläche passten zwei seitlich etwas versetzte Jollen. Dann ging es ab nach Schleswig zum damaligen, heute nicht mehr existierenden Stadtbahnhof in unmittelbarer Nähe des Stadthafens und des Doms.  (Der alte Stadtbahnhof ist heute ein Hotel. Die DB stellte den Restgüterverkehr Schleswig–Schleswig-Altstadt am 1. Dezember 1992 ein).

H-Jolle auf dem Weg zum Güterbahnhof

Boote auf dem offenen Güterwagen


Perfekte Organisation!

In den von den Veranstaltern herausgegeben „Allgemeinen Bemerkungen“ hieß es: „Es wird denjenigen Gruppen, deren Boote mit der Bahn verladen worden sind, empfohlen, die Hinreise so einzurichten, daß die Jugendlichen am Sonntag, dem 19. Juli, nachmittags in Louisenlund eintreffen, von dort erfolgt dann die Verteilung der Quartiere.“ Die Plöner schlugen im Wald beim Landerziehungsheim, dem heutigen Internat Louisenlund ihre Zelte auf. Am Montag, dem 20. Juli, wurden sie dann früh mit dem „Autobus“ nach Schleswig zum Abladen der Boote gebracht. Der Rücktransport per Bahn sollte zwei Tage später am Mittwoch über die Gruppenleiter angemeldet werden. Die Kosten hatte die Firma Shell in Hamburg getragen, hieß es in den Erinnerungen von einem seinerzeit ältesten Plöner Teilnehmer, Günter Heisch (89).

Abreise in Plön 1953

Mit einem von der Bahn zur Verfügung gestellten fahrbaren Kran wurden die Jollen abgeladen und schaukelnderweise ins Wasser gebracht. Stand der nicht zur Verfügung, hieß es „vier Mann, vier Ecken!“ Bei mindestens 350 Kilogramm Bootsgewicht waren allerdings mehr als vier Jungs gefragt.

Abladen in Schleswig

Anschließend wurden die Boote aufgetakelt, Gepäck verstaut, Segel gesetzt und hinter der Stexwiger Enge auf der Großen Breite rechts Richtung Louisenlund abgebogen. Die Jollen lagen „auf Reede“ vor Anker. Zwei Jahre später beim nächsten Treffen erlaubten sich einige dann schon den „Luxus“, in der Jugendherberge im nahen Borgwedel zu übernachten.

Auf Reede liegende H-Jolle

Die „Gemeinschaftsverpflegung“ erfolgte grundsätzlich im Landerziehungsheim. Birkner erinnerte sich aber, dass zwei Fahrräder mit der Bahn mitgenommen wurden bzw. zwei mitfahrende SRSV- bzw. PSV-Teilnehmer seien mit ihnen nach Schleswig geradelt. Immerhin 85 Kilometer. Die Aufgabe der „Pedalisten“: Sie sollten morgens aus dem nahen Fleckeby Brötchen zum Frühstück holen.

Das SRSV Zeltlager

 

Benimm Dich, sonst fährst Du nach Hause!

Ansonsten war das Jugendtreffen, wie man es seitens der Organisatoren erwarten durfte, bis ins letzte Detail organisiert. Und unter dem Motto: „Kameradschaft ist Ehrensache“ wurde im letzten Punkt der „Allgemeinen Bemerkungen“, dem „Benehmen der Jugendlichen“, Folgendes angemahnt: „Für die an dem Jugend-Seglertreffen vereinigten Jugendlichen ist tadelloses Auftreten und Einhaltung der gegebenen Anordnung Selbstverständlichkeit. Die Leitung des Norddeutschen Jugend-Seglertreffens ist berechtigt, Jugendliche wegen disziplinlosen Verhaltens sofort auszuschließen.“  (In dem mir vorliegenden  Begleitheftchen zum Jugendsegler-Treffen ist der letzte Satz übrigens mit Bleistift unterstrichen und die „kameradschaftliche Ehrensache“ (ironisch) mit „Heil Hitler!“ kommentiert).

 


Eigenverantwortung

Kay Birkner erinnert sich in seinen Aufzeichnungen, dass „für die Schule … Oberstudienrat Wölk (»Zeus«) Protektor der Segelsparte des Vereins (war). Aus meiner heutigen Sicht trug Wölk die volle Verantwortung für den Segelbetrieb, ließ uns aber an sehr langer Leine das machen, was wir für richtig und wichtig hielten. Ich staune noch heute, dass das damals so möglich war.“  Um dieses in sie gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen, wäre es für die Plöner Teilnehmer und Teilnehmerinnen geradezu undenkbar gewesen, über die Strenge zu schlagen. Außerdem hätte es unweigerlich einen Schulverweis bzw. Rauswurf aus dem Internat zur Folge gehabt. Zu der Fahrt zum Jugendsegler-Treffen hatte nicht nur der Protektor, sondern auch weitere Plöner Internatserzieher bzw. Lehrkräfte die Aufsicht und Verantwortung an ältere Oberstufenschüler delegiert.

Einer von ihnen war der schon oben erwähnte Günter Heisch: „"Aufpasser" und verantwortliche Steuerleute für die H-Jollen und die ganze Expedition 1953 waren wir als Oberprimaner selbst. Kurt Jürgensen (†), als SRSV-Vorsitzender, für "Lilofee" (H 221), und ich, als langjähriger Boots- und Hallenwart des Vereins, für "Klabautermann" (H 220) – mit der ich die letzten Schuljahre sozusagen verheiratet war und bei Regatten oft erste Plätze belegte (siehe Wanderpokal).“ Jürgensen startete nach der noch vorliegenden Meldeliste beim Treffen allerdings im Piraten.

Klabautermann (H 220) und Lilofee (H 221) auf der Schlei


Ein Prinz als Wettfahrtleiter

Die Gesamtleitung der ausrichtenden Vereine des Jugendsegler-Treffens oblag den „Herren“ Edgar (Eddy) Beyn und Erich Liebenschütz, beide vom NRV. Keine Unbekannten. Beyn war in den End-20er-Jahren gelegentlich Schotte bei Pimm von Hütschler, dem späteren Starboot-Weltmeister, Liebenschütz war Herausgeber der damaligen NRV-Nachrichten. Beyns Sohn startete bei den Piraten. Die Wettfahrtleitung und Schiedsrichteramt lag u.a. in der Hand vom im Schloss Louisenlund geborenen S. H. Prinz Peter zu Schleswig-Holstein – mit vollständigem Namen: Ernst Peter von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg – Schleswig-Holsteinischer Hochadel, europäische Hocharistokratie und eng verwand mit diversen europäischen Königshäusern. 

Ob das den Schülern seinerzeit alles bekannt war?

Dreiecksregatten wurden damals auf norddeutschen Gewässern noch selten gesegelt. Wie auf dem Plöner See in den 1950er-Jahren segelte man je nach Windrichtung einen vorher bekanntgegebenen Streckenkurs um feste Tonnen ab. Mit jeweils drei Besatzungsmitgliedern durften die beiden 15-qm-Wanderjollen des SRSV und die drei Elb-H-Jollen vom Segler-Verein Trave besetzt werden. Wohl dem Sicherheitsaspekt geschuldet, ging es doch vor allem zum Abschluss am letzten Tag des Jugendsegler-Treffens ordentlich zur Sache. Die Wettfahrten litten dagegen wohl zu Beginn eher unter Schwachwind. Zunächst sammelte man sich zur Steuermannsbesprechung mitten auf der Großen Breite am Startschiff.

Am Startschiff


Flaute und Sturm

An die Platzierungen konnte sich keiner meiner Interviewpartner mehr recht erinnern. Günter Heisch: „Wie wir 1953 auf der Schlei genau abschnitten, weiß ich nicht mehr. Es kann ja sein, dass ich bei der "Sturmregatta" auch vorn lag. Auch dass ich am letzten Tag der Jugendregatten vor starkem Südwest und kurzen hohen Wellen auf der H 220 selbst halb volllief und die H 221 vor mir volllief und kenterte.“ »Sturmregatta vor Ulsnis«, hieß es in der Überschrift zu einem Artikel eines anderen teilnehmenden Schülers nach den Wettfahrten in der Schülerzeitung „Scheinwerfer“. Er bezog sich dabei auf den Abschluss der Schleiwoche 1953. Weiter war zu lesen, dass „auch dort auf dem etwas raueren Segelrevier sich unsere Segler behaupteten. Einer Mannschaft gelang es sogar, sich die Teilnahme an der deutschen Piratenmeisterschaft auf dem Ammersee als Vertreter Schleswig-Holsteins zu ersegeln und den 14. Platz von 28 Booten zu belegen.“                                        

Joachim Hucke (86), der 1959 die H 221 gemeinsam mit seinem damaligen Vorschoter vom Internat kaufte, erklärte mir in einem Brief auf Nachfrage, ob es Unterschiede im Bau der Jollen gegeben habe, dass diese „rumpfmäßig identisch“ gewesen seien. Aber: „H 220 hatte einen flacher geschnittenen Segelsatz und war beim Kreuzen überlegen. Regatten wurden in der Regel beim Kreuzen gewonnen! Die Segel der H 221 waren dagegen bauchiger geschnitten, konnte nicht so viel Höhe machen, waren dafür aber raumschots schneller.“

Im Herbst 1958 werden die drei H-Jollen verkauft – und zeigen sich ein letztes Mal gemeinsam in einer kleinen Geschwaderfahrt unterhalb des Schlosses. 


Rahmenprogramm

An den angebotenen „Gesellschaftliche Veranstaltungen“ – u.a Tanz und gemütliches Beisammensein – „haben wir“, so Heisch, „meines Wissens nur beim Begrüßungsabend in der Jugendherberge von Borgwedel, teilgenommen, wo auch die meisten Jugendsegler, vor allem die Hamburger, ankerten und übernachteten, sowie bei den Zusammenkünften auf dem Rasen vor Schloß Louisenlund. An weitere Einzelheiten im Rahmen der Schleiwoche erinnere ich mich nicht, nur daß wir nach meinen Album-Fotos (Dom, Holm, Schloß Gottorf, Nydam-Boot) an einem freien Tag mit mindestens einem Boot in Schleswig gewesen sein müssen.“


Der SRSV heute

Das Bootshausgelände ist bis heute Anlaufstelle und „Erinnerungssort“ nicht nur vieler ehemaliger Internatler und Schüler (Butenplöner), sondern auch, wie bisher seit der Gründung 1948, erfolgreiche Stätte zur Ausbildung segelbegeisterter Jugendlichen. Der einstige Bootspark wurde im Laufe der Jahrzehnte ständig aktualisiert und erweitert und umfasst heute fast 50 (!) Jollen und zwei Kutter. Erst im letzten Sommer sind sieben Crews bei einer Weltmeisterschaft der Feva-Klasse in Travemünde gestartet und drei Mannschaften fahren in diesem Jahr sogar nach England zur WM. SRSV-Kuttercrews waren über viele Jahre dominierend bei den Kutterregatten zur Kieler Woche. Erwachsene sind lediglich als (ehrenamtliche) Trainer, Betreuer, Helfer oder fördernde Mitglieder zugelassen. Das soll auch möglichst so bleiben.

Die drei H-Jollen existieren nicht mehr. Meine H 132 hatte ich später an die Jugendabteilung dem Ostholsteinischen Segelverein Eutin vermacht, von dort wurde sie nach Mecklenburg Vorpommern verkauft und verschrottet. H 220 war noch lange auf dem Plöner See in Ascheberg beheimatet, nahm auch an den ersten „Alt-H-Jollen-Treffen“ teil und soll wohl noch in einem Garten in der Nähe von Hamburg verrotten. H 221 fristete zuletzt viele Jahre als „Ausstellungsstück“ auf dem Rasen einer Segelschule am Forggensee ihr Dasein, bis sie wohl zersägt worden ist.

 

Michael Krieg

Weitere Fotos von der Schleiwoche 1953