Segelnummern - Nummernsalat
Einheitliche Segelzeichen wurden vom D.S.Vb. noch während des Krieges 1917 beschlossen. Diese Kennzeichenvorschrift hatte dann ab 1919 Gültigkeit Die Klassenzeichen, Buchstaben in sog. ‚Steinschrift‘, unterschieden sich teilweise in den verschiedenen Segelorganisationen. So bekam beispielsweise die 20-m²-Rennjolle vom Verband das Z zugeordnet, während der Bund ein (unterstrichenes – s. u.) B vorschrieb.
Die Bundeswanderjolle des D.S.B. erhielt 1921 also das noch heute gültige H. Beim D.S.Vb. wurde dann 1925 für die 15 qm - Kreuzerjolle ein F vorgeschrieben. Jede Segelorganisation numerierte von 1 (H 1 oder F 1) an.
Segelboote von Eignern, die in Bundesvereinen organisiert waren und unter dieser Flagge starteten, unterschieden sich von solchen aus Verbandsvereinen durch einen Strich unter dem Klassenzeichen. (Nicht zu verwechseln, mit dem Strich unter der Nummer, die nach dem Kriege vom DSV vorgeschrieben wurde). Auch bei der Bundeswanderjolle befand sich also zuerst ein Strich unter dem H. Größe und Anordnung der Buchstaben, Striche und Zahlen waren genau vorgeschrieben:
Jede an einer Wettfahrt teilnehmende Yacht muss ein schwarzes Wettfahrtabzeichen an beiden Seiten des Großsegels führen, das vom Eigner selbst zu beschaffen und zu befestigen ist. Das Wettfahrtabzeichen besteht aus einem lateinischen Buchstaben, einem darunterstehenden Querstrich und einer darunterstehenden Zahl, mit folgenden Abmessungen:
Buchstabe: Höhe 45 cm; Strichstärke 6 cm
Zahl: Höhe 45 cm; Strichstärke 6 cm
Senkrechter Abstand zwischen Buchstabe und Zahl: 15 cm
Querstrich: Länge 45 cm; Strichstärke 6 cm
Das Wettfahrtabzeichen ist an der Backbordseite oben nahe der Piek etwa 10 cm von der Gaffel und dem Achterliek entfernt und letzterem parallellaufend, der Steuerbordseite der Höhe nach versetzt und gegen Backbord darunterstehend anzubringen. Die Ausführung erfolgt in Steinschrift.
Die Abzeichen werden aus schwarzem Stoff ausgeschnitten und auf das Segel aufgenäht.
So sahen jedenfalls die Bestimmungen der Wettfahrtabzeichen im D.S.B., festgelegt im § 23 der Wettsegel-bestimmungen, 1924 aus.
Überhaupt Wettfahrtabzeichen zu vergeben und nicht wie bisher nur Nummern im Segel vorzuschreiben, war notwendig geworden, weil auch bei den Bundeswettfahrten die Startfelder vor allem im Berliner Raum mit 100 oder gar 150 Fahrzeugen aus den verschiedensten Klassen immer größer und unübersichtlicher wurden.
Als 1933 der Bund mit dem Verband zwangsvereinigt wurde, zählte man die vorhandenen Jollen und stellte fest, dass es mehr H- als F-Jollen gab ... und so mussten die F-Jollen-Besitzer ihre Nummern ändern. Waren die Nummern frei, tauschte man nur die Buchstaben aus oder erweiterte die Segelnummer oder tauschte die Zahlen. So wurde z. B. aus F 98 die H 98, H 198 oder H 89. In alten Regattalisten vom Sommer 1933 kommen noch beide Nummern vor, sodass ich nachträglich eine (fast) komplette Liste der damals vorhandenen F-Jollen anlegen konnte. Es waren bis 1933 ca. 125 F-Jollen beim Verband registriert aber schon über 200 H-Jollen beim Bund.
Bisher konnte ich nur zwei ehemalige F-Jollen nachweisen, u.a. die 1927 von Theo Ernst konstruierte und gebaute F 22/H 742, die ich anhand des alten Namens „Thalatta„ identifizierte.
Noch während des Krieges wurde mit der H 814 die letzte H-Jolle beim Verband eingetragen. Es hat weitere Kriegsbauten gegeben, die aber erst nach dem Kriege vermessen worden sind, wie z. B. die 1944 gebaute und heute in Hamburg beheimatete H 185, Lausi von der Leither, ex Frohsinn.
Leider sind alle Yachtregister des D.S.V. während des Krieges in Berlin vernichtet worden, sodass es heute nur anhand alter offizieller Veröffentlichungen von Neueintragungen in der Segelzeitschrift Yacht möglich ist, vollständige Vorkriegslisten zu recherchieren oder diese durch Auswertung von Wettfahrt-Ergebnislisten zu vervollständigen. Gelegentlich kann man eine Lücke schließen, wenn alte H-Jollen auftauchen, zu den es noch den Original-Bootsschein gibt.
Nach dem Kriege fing man im Westen und im Osten mit H 1 wieder an. Man war sogar anfangs bemüht, durch Zusammenarbeit der getrennten Segelorganisationen das Erscheinen von Doppelnummern zu verhindern. (Außerdem verzichtete man bei der Vergebung der Unterscheidungszeichen im Bereich der DDR auf das FdJ.-Abzeichen im Segel.) Es blieb aber nur bei diesem Vorsatz. Vergleicht man die Eintragungen in den vorhandenen Listen des BDS und des DSV, so ist gerade in der unmittelbaren Nachkriegszeit kein einheitliches System zu erkennen.
Die ersten im Osten beheimateten Jollen wurden bis 1952 in ein Bootsregister im Deutscher Sportausschuss – Sparte Segeln eingetragen, so 1950 die (heute verschollene) zur H-Jolle, H 32, umgeriggte J-Jolle, „Heilige Latte“, von Reinhard Drewitz und als letzte die ebenfalls verschollene, 1952 bei Oberländer in Schwerin gebaute H 117, Pax. Ab Frühjahr 1953 erfolgte dann der Eintrag in das Register der Sektion Segeln der Deutschen Demokratischen Republik und nach der Gründung des Bund Deutscher Segler (BDS), 1958, in die entsprechend weiter geführten Listen. Waren Vorkriegsnummern und Messbriefe verloren gegangen, bekamen die Jollen neue Nummern, so z. B. die 1930 gebaute H 80 von Egon Jagsch. Waren die Nummern und Messbriefe vorhanden, so durften die Vorkriegsnummern beibehalten werden, wie bei der noch heute existierenden und in Hamburg beheimateten H 785, Gazelle, von Willi Frühbuß.
Waren die Jollen im Laufe der Zeit verschollen, die Messbriefe nicht verlängert worden oder durch Republikflucht der Eigner nicht mehr im Lande, wurden im BDS die Nummern häufiger ein zweites Mal vergeben und dann die bestehenden Eintragungen überschrieben. So ist die Identität mehrerer alter Jollen nicht mehr nachzuvollziehen. Tauchen entsprechend heute Jollen mit diesen wieder vergebenen Segelnummern ohne verloren gegangene Vermessungsunterlagen auf, ist man leider nicht mehr in der Lage, Baujahr, Konstrukteur und Werft zu nennen.
Eine kontinuierliche Durchnumerierung einer Klasse wie im Westen hat es in der DDR nicht gegeben.
Im Westen gab man allen nach dem Kriege vermessenen neuen und auch schon vor dem Kriege. noch nicht vermessenen älteren H-Jollen zur Unterscheidung von den evt. dann doppelt vorhandenen Vorkriegsnummern einen Balkenunter die Zahl. (Das geschah übrigens auch bei den Piraten oder O-Jollen ... beides Klassen, die schon vor dem Kriege existierten.)
Einige später in Ostberlin beheimatete Segler ließen ihre Jollen allerdings im Westen vermessen und registrieren. Am bekanntesten war sicher der auch schon vor dem Kriege in der 15er Rennjolle so erfolgreiche Berger mit seiner noch heute in Berlin existierenden H 189, Teufelchen. Berger war 1950 noch Mitglied des im Westteil gelegenen SC Gothia. Diese Jolle behielt übrigens ihre (West)nummer und taucht 1955 zum ersten Mal im Yachtregister der DDR auf.
Interessant auch, dass es noch Jollen gibt, die sowohl im Osten zuerst vermessen als auch später im Westen neu vermessen wurden. Dazu gehört die noch heute in Hamburg existierende, 1957 bei Bolfras gebaute ex H 386, Wackerle, heute Kobold, die 1964 als H 527 neu vermessen worden ist. Sie war einst unter Erwin Uhse im Osten im Grün Weiß in Karolienenhof (heute wieder WSV 21) beheimatet und gelangte erst 1964, also drei Jahre nach dem Mauerbau und der endgültigen Teilung der Stadt, in den Westen.
Auch Heinz Pflug war mit seiner 1957 bei Buchholz nach einem Martens-Riss gebauten Pelikan, H 465, bis zum Wechsel in den Westen zuerst mit der BDS-Nummer H 280 in Schmöckwitz in der SG Grünau beheimatet.
Alte Vorkriegsnummer blieben auch im Westen in den Listen erhalten. Diese wurden allerdings hier nie überschrieben oder gelöscht. Die fortlaufende Registrierung endete bei den H-Jollen des DSV vor der Wende mit der H 856. Nur die noch gelegentlich neu gebauten Elb-H-Jollen werden diese Numerierung fortführen.
Für die (Berliner) H-Jolle schuf man mit der Wende die 2000er Nummern. Die 1990 nach dem Kalb-III-Riss bei Bergner & Fuchs gebaute H 2000, Joker, vom Klassenvereinigungsvorsitzenden Wilfried Schomäker, war also die erste nach der Wende vom DSV vergebene neue Nummer. Alle BDS-Jollen bekamen, wenn Sie sich (zum Regattasegeln notwendig) neu vermessen lassen wollten, eine 1 vor ihre alte Nummer, z. Bsp. die H 1239, Olympia, von „Manne“ Lisken. Entsprechend ließen sich die teilweise doppelten Nummern im Computer besser verwalten. Auch alte Jollen, die erst in der Gegenwart vermessen werden, bekommen eine 2000-er Nummer.
Ein Kuriosum: Die Nummer H 399 gibt es noch heute dreifach ... als Vorkriegs- H 399 und die nach dem Kriege im Westen sowie im Osten vergebene H 399/ H 399. Und hätte der Besitzer der H 399 im Osten mal das Land gewechselt und wurde seine Nummer neu vergeben, könnte sie theoretisch sogar vier Mal existieren.
Michael Krieg
